Wirtschaftskrise in Brasilien Comeback der Plastiklatschen
Bis vor vier Monaten konnte von einer Krise in Brasiliens Urwaldmetropole Manaus keine Rede sein. Containerschiffe aus China und Südkorea stauten sich auf dem Amazonas. Schwere Lastwagengespanne quälten sich im Minutentakt über die Schlaglochpisten, die in den Industriebezirk am Stadtrand führen.
An den Fabriktoren prangen die Markenzeichen der Globalisierung: Sony, Honda, Yamaha, Panasonic, LG, Philips, Sanyo, Kodak, Xerox. Manaus ist seit 1967 Freihandelszone, die Regierung gewährt Steuervergünstigungen. Dutzende Betriebe haben sich deshalb am Amazonas angesiedelt. Aus der verschlafenen Provinzstadt, die wie eine Insel mitten im Urwald liegt, ist eine pulsierende Industriemetropole geworden. Immer tiefer fressen sich die Fabriken in den Dschungel.
Die Bauteile für Fernseher und Computer kommen aus Asien, in Manaus werden sie zusammengesetzt. Ein Teil der fertigen Produkte geht in die USA und nach Europa, der Rest versorgt den brasilianischen Binnenmarkt. 80 Prozent aller in Brasilien gefertigten Elektrogeräte stammen aus Manaus, die meisten Motorräder und Alarmanlagen, fast alle legal gefertigten CDs und DVDs.
Hoffnung auf den Langzeit-Boom
108.000 Menschen arbeiten im Industriebezirk, 30.000 wurden in den vergangenen zwei Jahren neu eingestellt. Die Auftragsbücher waren voll. Experten prophezeiten Brasilien den längsten Wirtschaftsboom seit Jahrzehnten.
Als Dirceu Kleber Costa de Oliveira, 38, ein Angebot des koreanischen Elektronikriesen Samsung erhielt, zögerte er deshalb keine Sekunde: Er kündigte. Seit 20 Jahren arbeitet er im Industriebezirk, viermal hat er bislang die Firma gewechselt. Von seinem ersten Job in einer Computerfabrik hat er ein kleines Haus gekauft, eine ehemalige Unterkunft für Flutopfer. Die Siedlung ist nur einen Steinwurf vom Industriegebiet entfernt.
Die letzten zwei Jahre hat Dirceu bei dem Computerzulieferer Digitron gearbeitet. Er bestückte Platinen für Notebooks, neun Stunden täglich, sechs Tage die Woche, für ein Bruttogehalt von 530 Real (rund 174 Euro). Wenige Straßenecken weiter, bei Samsung, gab es 650 Real für die gleiche Arbeit, der Betrieb ist größer und man kann aufsteigen. Ein Freund vermittelte ihm das Angebot. Dirceu bewarb sich, bestand den Einstellungstest, unterzog sich der vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung. Du kriegst den Job, versprach der Personalchef. Im September könne er anfangen.
Dirceu sollte die Platinen von Plasmafernsehern montieren. Samsung wollte die Produktion hochfahren, jeder Brasilianer träumt von so einem Ding im Wohnzimmer. Die Firma rechnete mit dem besten Weihnachtsgeschäft seit Jahren, auch Dirceu freute sich auf eine üppige Bescherung. Er ließ sich bei Digitron auszahlen, von dem Geld beglich er die erste Rate für einen zehn Jahre alten Fiat, sein erstes eigenes Auto.
Tsunami im Industriebezirk
Anfang September rief Samsung an. Die Nachfrage sei eingebrochen, sie müssten 300 Arbeiter entlassen, Dirceu solle sich im Januar wieder melden. Aber so lange wollte er nicht warten, er hat eine Frau und zwei kleine Kinder. In seinem Alter ist es schwierig, ohne Beziehungen einen neuen Job zu finden. Er fragte bei ehemaligen Kollegen an, aber viele waren jetzt selbst auf Arbeitssuche.
Wie ein Tsunami hat die Finanzkrise den Industriebezirk von Manaus überrollt. Eine Fabrik nach der anderen fährt die Produktion zurück und verkündet Kurzarbeit oder Entlassungen. Allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres verloren über zehntausend Arbeiter ihren Job.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva spielte den Abschwung anfangs herunter. "Ihr könnt beruhigt konsumieren!", rief er seinen Landsleuten vor Weihnachten zu. Doch dazu fehlt das Geld: Die meisten Brasilianer kaufen auf Raten ein. Kaum einer kann es sich leisten, größere Beträge bar zu bezahlen. Die Armen stottern sogar T-Shirts und Kochtöpfe ab. Doch die Geschäfte vergeben kaum noch Darlehen, die Finanzkrise schlägt voll auf die Industrie durch.
Schuhe statt Fernseher
Dirceu hat schon mehrere Konjunktureinbrüche erlebt, nie musste er länger als ein paar Wochen auf eine neue Anstellung warten. "Wenn die Nachfrage in Brasilien schwach war, hat uns der Export gerettet", sagt er. Manaus hängt am Tropf der Weltwirtschaft, das war immer ein Vorteil. Jetzt beschleunigt es den Niedergang, denn auch in den USA und Europa ist der Konsum eingebrochen.
Aber Dirceu lässt sich nicht so schnell unterkriegen, er hat immer eine Alternative in petto. In Krisenzeiten sattelt er um, er fertigt jetzt Sandalen.
Sein Vater betreibt hinter seinem Haus eine kleine Schuhfabrik. Über dem Hof liegt ein Geruch von Bohnensuppe und gebratenem Fisch. Der Weg zur Werkstatt führt durch die Küche. Patriarch Nelis, 62, sitzt an einer 40 Jahre alten Nähmaschine und schimpft auf die Chinesen: "Die treiben uns mit ihren Billigschuhen noch in die Pleite!" Dabei geht es Nelis eigentlich nicht schlecht: Vor dem Haus parkt ein zerbeulter Pritschenwagen, im Wohnzimmer steht ein riesiger Fernseher.
Schuhe statt Fernseher
Nelis stammt aus dem bettelarmen Nordosten Brasiliens, er kam als Kind nach Manaus. Früher hat er als Busfahrer im Industriebezirk gearbeitet. Nach Feierabend bastelte er aus Abfallmaterial neue Polster für Fahrersitze, die er an die Busfirma verhökerte. Er hat ein Händchen fürs Praktische, das Geschäft ging gut.
Vor 15 Jahren stieg er auf Schuhe um, das Handwerk guckte er sich bei einem Kollegen ab. Angestellte braucht er nicht, er hat acht Kinder. Immer mal wieder ist einer arbeitslos, dann hilft er dem Vater. Alle arbeiten ohne Papiere, wie die meisten Brasilianer. Während des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre war der informelle Sektor erstmals geschrumpft, mit der Finanzkrise wächst er wieder.
Seit vier Monaten steht Dirceu bei seinem Vater an der Werkbank. Er leimt silberne Damensandalen aus PVC zusammen, das sein Vater billig im Industriegebiet ersteht, es ist Abfallmaterial der Fabriken. Hundert Schuhe schafft Dirceu pro Woche, die Geschäfte im Zentrum zahlen neun Real pro Paar. Sein Vater unterstützt den Sohn mit 150 Real wöchentlich, 40 Real bekommt er vom Staat als Beihilfe für seine beiden schulpflichtigen Kinder. Zum Überleben reicht das nicht, aber seine Frau trägt auch zum Familieneinkommen bei.
Teure T-Shirts
Rosemeri, eine aparte Mestizin, war früher als Bürogehilfin bei der Stadt beschäftigt. Dann wurde ihre Stelle gestrichen und die Arbeit einer Subfirma übertragen. Aber sie verzagte nicht, sie hatte schon eine neue Geschäftsidee.
In der Nebensaison, wenn die Tickets günstig sind, fliegt sie ins 3000 Kilometer entfernte São Paulo. In den Hinterhöfen des Stadtviertels Brás, wo illegale bolivianische Einwanderer im Auftrag geschäftstüchtiger Koreaner für einen Hungerlohn Billigkleidung nähen, kauft sie säckeweise T-Shirts, Hemden und Blusen. Auf dem Rückflug muss sie Übergepäck bezahlen, aber das nimmt sie in Kauf.
Kleidung ist teuer in Manaus, ein T-Shirt kostet dreimal so viel wie in São Paulo. Ladenmiete zahlt sie nicht, sie verkauft im Wohnzimmer. Zuletzt war sie im November in São Paulo, die Ware war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft. Sie hat tausend Real verdient, davon kommt die Familie erstmal über die Runden.
Und wenn die Leute wegen der Krise auch an Schuhen und Kleidung sparen? "Vielleicht werden wir das Auto verkaufen", sagt Dirceu. Mit dem Geld könnte er in eine Pension auf der anderen Seite des Amazonas investieren: "Die Regierung baut eine Brücke über den Fluss, dann kommen Touristen".
Aber er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er wieder Arbeit in einer Fabrik findet. Vor wenigen Tagen rief ihn ein Freund an, der bei Samsung arbeitet. "Er hat gesagt, nach dem Karneval soll es besser werden."