Wittern Undinge - DER SPIEGEL
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AUTOREPARATUREN Wittern Undinge

Der Ölmulti Shell und die Autobranche gerieten aneinander. Die Ölmanager wollten mehr anbieten, als den Konzernen lieb war.
• aus DER SPIEGEL 4/1978
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Für alles, was Gerhard Seegers, gelernter Tankwart und Pächter einer Shell-Tankstelle an der Wunstorfer Landstraße bei Hannover, anpackt, zeigen Westdeutschlands Autokonzerne seit einigen Monaten auffällige Anteilnahme. Wann immer in Seegers' Service-Halle ein Mercedes oder ein Ford, ein Opel oder ein Volkswagen auf die Hebebühne rollt, ist ein Photograph zur Stelle. »Die steigen von hinten ran«, so Seegers, »und schießen Bilder von allem, was wir machen.«

Die Photographen arbeiten im eigenen Namen -- doch auf fremde Rechnung: Die westdeutschen Autokonzerne interessieren sich für Seegers' Station, die von der Deutschen Shell als erste Tankstelle zu einem »Autoprofi« genannten Vielzweck-Betrieb ausgebaut wurde. Die bislang schlecht genutzten Pflegehallen von Shell-Tankstellen sollen nach dem Vorbild des Testprojekts Seegers in perfekt ausgestattete Werkstätten für Autoreparatur und Service verwandelt werden.

Der verheißungsvolle Vorstoß des Ölmultis in das Reparaturgeschäft blieb freilich schon wenige Wochen nach Seegers' Ouvertüre stecken. Denn Shell's Autoprofi traf Autokonzerne, Autohändler und Autoreparateure gleichermaßen.

Gerade die für die Shell-Werkstätten vorgesehenen Routine-Arbeiten wie Abgastest und Stoßdämpferwechsel, Bremsprüfung und Lenkeinstellung sichern den Vertragswerkstätten der großen Automarken Beschäftigung und Ertrag. Mit diesen vergleichsweise leicht verdienten Einnahmen können sie die arbeitsintensiven, weil komplizierten Reparaturen an Motor und Getriebe durchziehen, die bei korrekter Abrechnung für viele Kunden unzumutbar teuer würden.

Die verlängerten Wartungsintervalle der westdeutschen Autos, klagte das Kfz-Gewerbe, hätten ohnehin zur Unterbeschäftigung vieler Reparaturbetriebe geführt, die nun auf die unattraktiven Großreparaturen angewiesen seien. Sogar der -- für das Neuwagengeschäft der Vertragswerkstätten lebenswichtige -- Kontakt mit den Kunden werde lockerer werden, weil der Autofahrer nicht einmal mehr zur Inspektion die Marken-Werkstatt ansteuern müßte. Autoprofi, darin waren sich Handwerk und Industrie schnell einig, verstoße voll gegen die Interessen der Branche.

Schlecht für die Shell: Ihr Konzept war »verfrüht in die falschen Hände gelangt« (Shell-Manager Hans-Georg Mühl). Und die versuchten, die Ölleute von ihren Plänen abzudrängen.

Allzuviel Widerstand mochten die Shell-Manager, immerhin die Großlieferanten der Autoindustrie für Motorenöle und andere Schmierstoffe, nicht leisten. Um die Mißgunst der Autobranche zumindest in Grenzen zu halten, wurde der Autoprofi zurückgestuft.

»Werkstätten und Industrie witterten doch Undinge«, wiegelt Shell-Mühl inzwischen ab, »wir wollen nur unsere Dienstleistungen streamlinen und ein sauberes Bild abgeben.«

Was die Shell nach den neuesten Plänen zu bieten hat, fällt in der Tat kaum ins Gewicht: Nicht mehr als 15 bis 19 »Autoprofi«-Werkstätten sollen in diesem Jahr ausgebaut werden. Bis Ende 1982, gelobten die Ölleute, werde die Firma sich freiwillig auf 200 Tankstellen-Reparateure beschränken.

Auch das Programm der Shell-Profis wurde nach den Einreden der Konkurrenz arg gestutzt. Die zunächst vorgesehenen Geräte für Prüfung und Einstellung von Bremsen, Lichtmaschine und Anlasser, Lenkung und Stoßdämpfer werden nicht angeschafft. Als teuerstes Investitionsobjekt (knapp 5000 Mark) bleibt den Autoprofis nur der Bosch-Motortester.

Selbst mit dieser Halbprofi-Lizenz können freilich wendige Shell-Pächter den etablierten Autofirmen allerhand Arger machen. Das unlängst entwickelte »Shell-System« nämlich schreibt bis ins letzte Detail die Aufmachung der Hallen und die Ausstattung mit Werkzeug und Gerät vor. Der höfliche Umgang mit den Kunden wird ebenso sorgfältig abgehandelt wie die einzelnen Arbeiten. Leitsatz: Nur was schnell geht, wird gemacht.

Auch mit Argumentations-Hilfen für die Kunden-Werbung sind die Shell-Experten gut versorgt: Der Autofahrer spart, weil er ohnehin regelmäßig bei der Tankstelle vorfahren muß, allerlei Wartezeit und kann sich auf Shell-Festpreise berufen. Sein Auftrag wird ebenso unbürokratisch angenommen wie rasch erledigt. Vor allem aber: Der Kunde ist dabei, wenn sein Fahrzeug gepflegt oder geflickt wird, er kann sich mit dem Reparateur über sein Lieblingsspielzeug, seine Mucken und seine Stärken verständigen »Welche Autowerkstatt«, fragt Mühl, »kann das alles bieten?«

Auch Shell-Pächter Seegers ist sicher: »Die Leute kommen echt, weil es keine Massenabfertigung ist, die können richtig zusehen, wie es gemacht wird, und die fragen unheimlich viel.« Seine Halle ist voll ausgebucht.

Das Kfz-Handwerk mag bei diesen Shell-Erfahrungen der freiwilligen Selbstkontrolle der Ölmanager nicht recht trauen. »Trotz Selbstbeschränkung«, weiß der Handwerker-Verbandssprecher Rolf Dieter Binnenbrücker, »können die machen, was sie wollen.« Und wenn der Autoprofi-Test der Shell in diesem Jahr ein Erfolg wird, so schwant Binnenbrücker, »werden alle anderen das kopieren«.

Die anderen, das sind ein paar tausend Tankstellen-Pächter, die das Reparaturgeschäft bislang nur mit links betreiben.

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