Skandalarena Sankt Petersburg: Baustelle und Politikum
WM 2018 Russland streicht Schulen und Kitas zugunsten von Skandalstadion
Der russische Beamte und Krisenmanager Marat Oganesjan ist eigentlich ein Troubleshooter, ein Problemlöser. Russlands Regierung ruft ihn immer dann, wenn ein Prestigeprojekt nicht vom Fleck kommt, wenn ambitioniert gestartete Großbauten als Bauruine enden könnten.
Oganesjan hat die von Skandalen begleitete und fast eine Milliarde Dollar teure Renovierung des Moskauer Bolschoi Theater zu Ende gebracht, nach mehr als sechs Jahren. Er hat den Neubau des angesehenen Marinskij Theaters in Sankt Petersburg fertiggestellt, mit mehr als 500 Millionen Euro Kosten eines der teuersten Opernhäuser der Welt.
Er war in Sankt Petersburg auch zuständig für Russlands größte Problembaustelle: Auf einer Insel im Newa-Fluss soll ein neues Fußballstadion entstehen, Austragungsort der WM 2018 in Russland. Gearbeitet wird dort seit 2005, fertig sein sollte die Arena 2009. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die Baukosten haben sich von den zunächst veranschlagten 6,5 Milliarden Rubel (165 Millionen Euro) auf mindestens 40 Milliarden Rubel versechsfacht.
Nachdem Oganesjan mit dem Projekt betraut wurde, war er zuversichtlich. "Wir haben die kritische Grenze überschritten, Ende nächsten Jahres sind wir fertig", hat Oganesjan SPIEGEL ONLINE einmal erklärt.
Ein Dach, so schwer wie 473 Panzer
Das war allerdings im Herbst 2014. Oganesjan hat seinen Posten inzwischen längst geräumt. Er kümmert sich jetzt um Bauprojekte in der russischen Hauptstadt Moskau. Das Stadion in Sankt Petersburg aber ist noch immer nicht fertig. Die Eröffnung der Arena ist mehr als 20 Mal nach hinten verschoben worden. Ob dort im kommenden Sommer wie geplant der Fifa-Konföderationen-Cup mit Weltmeister Deutschland stattfinden kann, steht in den Sternen.
Das neue Krestowskij-Stadion ist eine futuristische Konstruktion. Sie sollte sich mit den modernsten Arenen auf der Welt messen können. Pfeiler und Säulen tragen eine komplizierte Dachkonstruktion, die eines Tages eine verschließbare Kuppel tragen soll. Das Dach wiegt so viel wie 473 russische Kampfpanzer.
WM-Stadien 2018: Gigantomanie in Russland
"Das Stadion wird ein Unikat, eine Luxusarena", hat Marat Oganesjan vor zwei Jahren gesagt. Das ist eines der Probleme. Das Projekt wurde geplant und kalkuliert, als Russland Geld im Überfluss zu haben schien, dank üppiger Einnahmen aus Rohstoffverkäufen.
Der Ölpreis ist seither dramatisch gefallen, aber das Stadion muss fertig werden. Der staatliche Energiekonzern Gazprom, ursprünglich Sponsor des Baus, hat sich lange aus dem Projekt zurückgezogen. Die Risiken waren dem Unternehmen zu groß.
Monströse Kürzung
Die Finanzierungslast trägt jetzt die Stadt Sankt Petersburg. Anfang der Woche hat die Stadtregierung eine weitere dringend benötigte Finanzspritze beschlossen. Die Stadionbauer bekommen weitere 2,6 Milliarden Rubel (umgerechnet zum derzeitigen Kurs rund 35 Millionen Euro).
Das Geld wird an anderer Stelle fehlen: Gestrichen werden im Gegenzug Ausgaben für sechs Schulen, sieben Kindergärten, Gesundheitszentren und andere Sporteinrichtungen. Sankt Petersburger Prominente sind entsetzt. Die Ausgaben für Schulen und Krippen "für das Stadion zu kürzen ist ein monströser Akt", sagt Michail Bojarskij. Er ist einer der bekanntesten Schauspieler Russlands und Anhänger von Präsident Wladimir Putin. "Wo sind nur die ganzen Milliarden hingegangen?"
Die Frage stellt sich das ganze Land. Der Bau musste drei Mal gestoppt werden. Nachdem 2010 die Weltmeisterschaft an Russland vergeben worden war, bekam das Stadion 68.000 statt 62.000 Plätze, mehr VIP-Logen und Super-VIP-Logen. Teile der Tribüne wurden wieder abgerissen und neu errichtet. Der federführende Baukonzern gab die Schuld der Fifa. Der Fußballweltverband habe einen steileren Neigungswinkel gefordert, damit die Zuschauer auf den oberen Rängen besser sehen können. Der Weltverband beteuert, das stimme nicht.
Spott im Netz
An der neuen Verzögerung ist die UEFA schuld, sagt die Baubehörde von Sankt Petersburg. Die Anforderungen des europäischen Fußballverbands seien viel strenger als die der Fifa. Deshalb müsse noch mal umgebaut werden.
Warum ihnen das erst 2016 aufgefallen ist, erklären die Planer nicht. Sankt Petersburg hat 2014 den Zuschlag für drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale bei der EM 2020 bekommen. Die Bewerbung hatte Russland 2009 eingereicht.
Ein neuer Baukonzern soll nun die Schwierigkeiten beheben. Der bisherige Generalunternehmer hatte Probleme, den Verbleib von 2,5 Milliarden Rubel schlüssig zu erklären, umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro. Sankt Petersburg hat deshalb die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.
Unterdessen ist auch der gerade erst beauftrage neue Baukonzern in die Schlagzeilen geraten. Am Mittwoch durchsuchte eine Einheit des Inlandsgeheimdiensts FSB die Büroräume des Unternehmens "Metrostroi".