WM-Geschäft: Von Gedränge keine Spur - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

WM-Geschäft Von Gedränge keine Spur

Viele Geschäftsleute hatten große Hoffnungen an die Fußball-WM geknüpft. Zwischen den Spielen sollten die Fans fleißig Geld ausgeben. Doch die Bilanz zur Halbzeit des Turniers fällt eher durchwachsen aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die Fahrt vom Berliner Flughafen Tegel zum Prenzlauer Berg verläuft ungewöhnlich hektisch, selbst für Taxifahrer-Verhältnisse. Als der Fahrgast den Chauffeur mit dem Hinweis ein wenig zu bremsen versucht, ihm liege nicht viel daran, pünktlich zu Beginn des Viertelfinalspiels zu Hause zu sein, kontert dieser mit typischem Berliner Charme: "Aber ich". Ob er denn die Zeit der Weltmeisterschaft nicht nutze, um einträgliche Geschäfte zu machen, fragt der Fahrgast verdutzt. "Da gibt's kein Geschäft zu machen", antwortet der Fahrer mürrisch.

Die Resignation ist ihm dabei ebenso anzumerken wie vielen seiner Kollegen, die auf den großen Boom im Zusammenhang mit der WM gehofft hatten. "Urlaubssperren, Schichtpläne rund um die Uhr, auf alles waren wir vorbereitet - nur nicht auf die geringe Nachfrage", spottet einer. "Einige wenig Spezialisten, die sich rund um das Stadion auskennen, machen den großen Reibach", ärgert sich ein anderer.

"Kaum einer macht während der WM hier in Berlin das Geschäft seines Lebens", bestätigt auch der Vorsitzende der Berliner Taxi-Innung, Bernd Dörendahl. Lediglich an den Spieltagen in Berlin sei die Nachfrage ein wenig lebhafter.

In den anderen WM-Städten läuft das Geschäft zwar besser - besonders die Taxizentralen aus Frankfurt, München und Kaiserslautern melden deutliche Zuwächse - doch insgesamt fällt die Bilanz zur Halbzeit der WM aus Sicht der Fahrer ernüchternd aus. "Alle hatten gehofft, mal eine lange Fahrt, zum Beispiel von Frankfurt zum Köln-Bonner Flughafen zu ergattern", erzählt ein Taxler am Hauptbahnhof in Frankfurt. "Doch solche Fuhren sind die Ausnahme geblieben".

Ruhiges Geschäft im Einzelhandel

Auch im Einzelhandel wird die gute Stimmung eher beschworen. auffällig ist dagegen dieser Tage, wie stressfrei man in den großen Kaufhäusern einkaufen kann. Von Gedränge, wie es zum Beispiel im Berliner KaDeWe vor Weihnachten herrscht, kann keine Rede sein. "Wenn nicht gerade ein Spiel in Berlin ist, bleiben die Umsätze eher auf Normalniveau", gibt KaDeWe-Sprecherin Petra Fladenhofer zu. Trotzdem sei man insgesamt mit dem WM-Geschäft zufrieden. "Wir schauen in die Zukunft und hoffen, dass der Imagegewinn für die Stadt zu einen Wachstum der Touristenzahlen führen wird", fügt sie hinzu. Davon werde das KaDeWe letztlich viel nachhaltiger profitieren.

Die Münchener Einzelhändler haben eine Erklärung für das ruhige Geschäft. "Bei dem guten Wetter sitzen die Leute eher im Biergarten und schauen sich dort die WM-Spiele an", sagt der Geschäftsführer des Landesverbands des Bayerischen Einzelhandels, Bernd Ohlmann. Von einer Enttäuschung mag er dennoch nicht sprechen: "Unser Geschäft hat längst vor dem Anpfiff des ersten Spiels begonnen - denken Sie nur an den Verkauf von Flachbildschirmen, Fußbällen oder Fan-Artikeln." Auch die verlängerten Öffnungszeiten hätten den Umsatz unterm Strich nicht erhöht, räumt der Verbandschef ein. Er sieht darin eher eine Investition in die Zukunft: "Diejenigen, die von unserem Service begeistert sind, werden wiederkommen." Insgesamt werde die WM dem Handel in seinem Landesverband rund 5000 Millionen Euro zusätzlich einbringen, so Ohlmann. "Damit sind wir zufrieden."

Zu den Gewinnern der WM dürften die Biergärten und Gaststätten zählen. Von einem "Freudenfest" spricht gar der Chef des bekanntesten Münchener Biergartens am Chinesischen Turm im Englischen Garten, Ralf Sagroske. "Der Laden ist voll und zwar den ganzen Tag über", gibt er zu Protokoll. Viel wichtiger als das Geschäft findet er aber die Stimmung in seinem Biergarten. "Hier spürt man die Leichtigkeit des Seins. In so angenehmer Atmosphäre ist das Geld wirklich leicht verdient.

Sorgenkind Berlin

Etwas weniger euphorisch äußern sich die Gastwirte im Berliner Prenzlauer Berg. Natürlich steht auf jeder ein möglichst großer Bildschirm - ein "Essential" in diesen Tagen, wie ein Kellner des "Belluno" in der Kollwitzstraße meint. Doch Platznot entsteht in keiner der Kneipen des Szeneviertels, obwohl das Wetter und die Atmosphäre geradezu dazu einladen. "Voll war es bisher nur, wenn die Deutschen oder die Brasilianer spielten."

Berlin, so scheint es, ist ohnehin das Sorgenkind unter den WM-Städten. Deutlich zeigt sich dies auch in der Quote der Hotelauslastung. Gerade etwas mehr als 50 Prozent der Betten in der Hauptstadt sind belegt. Normalerweise beträgt die Quote im Juni mindestens 60 Prozent. Zwar sei die Auslastung der Hotellerie in den anderen WM-Austragungsstädten recht gut, doch auch hier gebe es durchaus noch freie Kapazitäten, sagt die Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Stefanie Heckel. "Negative Effekt resultierten daraus, dass Touristen diese Städte meiden, um dem Rummel zu entgehen." Insgesamt gehe man von einem Nullsummenspiel aus. Immerhin aber hätten Regionen, die sonst eher abseits des allgemeinen Touristenstroms lägen, wie etwa Gelsenkirchen oder Kaiserslautern, Zuwächse zu verzeichnen.

So fällt die WM-Halbzeitbilanz der kleineren Unternehmer also insgesamt eher gemischt aus, auch wenn sich allein die Berliner Taxifahrer mit der gewohnten Griesgrämigkeit darüber beschweren. Einzig die Brauereien haben überhaupt keinen Grund zur Klage. Denn nicht nur die Großbrauereien freuen sich über Rekordumsätze. Der Deutsche Brauer-Bund denkt einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge bereits über eine Revision der Jahresprognose nach. "Erstmals seit Jahren könnten wir wieder ein kleines Plus bei den Absatzzahlen verzeichnen", sagt Branchenvertreterin Birte Kleppien.

Mehr lesen über