Wolfgang Münchau über das Problem niedriger Inflationsraten - DER SPIEGEL
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meinung •S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Draghi muss sich nicht für deutsche Sparer interessieren

Die Euro-Zone schrammt gefährlich nahe an der Deflation entlang - und Deutschland jammert über zu niedrige Zinsen für Sparer. Die EZB sollte darauf nicht eingehen. Sie muss jetzt dringend für stärker steigende Preise sorgen, um ihrem geldpolitischen Auftrag zu entsprechen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Inflation im Euro-Raum sinkt und sinkt. Das stellt die Notenbanker vor ein großes Problem. Wie macht man Geldpolitik, wenn die Zinsen ohnehin schon bei null stehen? Eine Frage, die bereits am Donnerstag wieder akut wird, wenn Mario Draghi die neuesten geldpolitischen Beschlüsse der von ihm geleiteten Europäischen Zentralbank (EZB) verkündet.

Doch statt sich um die gefährlich niedrige Inflationsrate zu sorgen, reden in Deutschland alle von den Interessen der deutschen Sparer. Die extremste Position vertritt Paul Kirchhof, der berühmte "Professor aus Heidelberg", der einen verfassungsmäßigen Anspruch auf positive Sparzinsen erhebt. Das ist ungefähr so, als wollte man ein verfassungsmäßiges Recht auf einen bestimmten Preis für eine Flasche Bier ableiten. Der Zins ist ein Marktpreis. Die Tatsache, dass die Zentralbanken einen bestimmten kurzfristigen Zinssatz festlegen, ändert nichts daran.

Ich habe nicht einmal mehr den Eindruck, dass zumindest die Bundesbank das von der EZB gesetzte Inflationsziel einer jährlichen Inflationsrate von unterhalb, aber nahe bei zwei Prozent noch unterstützt. Dabei waren es gerade Deutschland und vor allem die Bundesbank, die auf diesem Preisstabilitätsziel in den Maastrichter Verträgen bestanden haben.

Genau dieses Ziel verfehlt die jetzige Geldpolitik - und zwar nach unten.

Das offizielle Ziel der EZB erlaubt einen gewissen Interpretationsspielraum. Intern rechnen EZB Ökonomen mit einer Zahl von 1,9 Prozent. Aber auch eine Zahl von 1,8 oder auch 1,7 Prozent würde man wohl als vereinbar mit dem Ziel erachten. Eine Inflation von unter ein Prozent liegt ohne Zweifel unterhalb des Zielbereichs. Und genau da sind wir jetzt angekommen. Im Dezember lag die jährliche Inflation im Euroraum bei 0,8 Prozent. Problematischer noch ist die Kerninflation von 0,7 Prozent. Ökonomen schauen auf diese Ziffer, weil sie am wenigsten fluktuiert. Denn sie enthält nicht die stark schwankenden Preise für Lebensmittel und Energie. Die Erfahrung zeigt, dass die offizielle Inflationsrate der Kerninflationsrate folgt. Und bei der Kerninflationsrate gibt es einen eindeutigen Trend nach unten.

Für deutsche Ökonomen kann Inflation nie gering genug sein

Man kann von einer Zentralbank nicht erwarten, dass sie ihr Ziel jeden Monat erreicht. Die Inflationsraten können kurzfristig von ihren Zielwerten abweichen. Daher definiert die EZB ihr Ziel auf mittelfristige Sicht - ungefähr zwei Jahre. Das Problem ist nur, dass die EZB laut ihrer eigenen Prognosen auch auf mittlere Sicht eine Abweichung von ihrem Ziel nach unten erwartet. In diesem Fall würde man erwarten, dass die Notenbank handelt. Oder anderes herum gesagt: Wenn die Inflation nicht um 1,2 Punkte nach unten abweichen würde, sondern nach oben, wenn sie also 3,2 Prozent betrüge anstatt 0,8 Prozent, würden wir dann immer noch stillhalten? Würde man sich in Deutschland dann nicht plötzlich daran erinnern, dass man doch die Preisstabilität hochhalten möchte?

Für deutsche Ökonomen kann Inflation nie gering genug sein. Nur eine hohe Inflation ist ein Problem. Man interpretiert das Ziel asymmetrisch. Abweichungen nach unten sind in Ordnung, nach oben aber nicht. Doch die EZB hat die Zahl von zwei Prozent wohlüberlegt gewählt. Der wichtigste Grund ist der Spielraum, den sie erlaubt, wenn man das Ziel so wie derzeit nach unten verfehlt. Man will einen Sicherheitsabstand zur Deflation wahren, zu sinkenden Preisen mit ihren extrem schädlichen Folgen für die Wirtschaft.

Das ist der Hintergrund zu der geldpolitischen Diskussion, die der Zentralbankrat der EZB in diesen Tagen führt. Das Ziel der EZB lautet eben nicht, durch möglichst hohe Zinsen die Interessen der deutschen Sparer zu schützen. Wenn sie das täte, könnte sie morgen mit ebenso großer Berechtigung mit massiven Anleihenkäufen den italienischen Staat retten oder Ähnliches. Dann hielte die ganz große Beliebigkeit Einzug.

Um die zu vermeiden, sollte das übergeordnete deutsche Interesse darin bestehen, auf dem stetigen Ziel der Preisstabilität zu bestehen - und Ausreißer nach unten genauso ernst zu nehmen wie nach oben.

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Foto: SPIEGEL ONLINE