Wolfgang Münchau über die Folgen eines Grexit - DER SPIEGEL
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meinung •S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Griechenland braucht den Euro - wir brauchen Griechenland

Das Euro-Aus in Griechenland? Beherrschbar! Diese fatale Fehleinschätzung macht sich in Europa breit. Doch tatsächlich wären die Folgen eines Grexits langfristig verheerend - weniger für Griechenland als für den Rest der Eurozone.
Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Stunde der Entscheidung
Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Stunde der Entscheidung

Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Stunde der Entscheidung

Foto: Virginia Mayo/ AP/dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute wird entschieden. Es ist möglicherweise ein wichtiger Moment in der modernen europäischen Geschichte, der uns bevorsteht. Die letzten Meldungen stimmen eher positiv. Selbst eine Einigung beim EU-Gipfel am Montagabend in Brüssel bedeutet aber nicht unbedingt, dass das Problem vom Tisch ist. Das Kleingedruckte wird wichtiger sein als die Überschriften.

Ich möchte durchdeklinieren, worum es heute geht und was alles passieren kann, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet. Und zwar nicht aus griechischer Perspektive, sondern aus deutscher.

  • Mit dem Grexit endet die Illusion, dass Griechenland seine Schulden bedient. Deutschland und Frankreich werden zusammen knapp 160 Milliarden Euro abschreiben müssen. Selbst wenn Gerichte festlegen, dass Athen seine Schulden weiterhin in Euro bedienen muss, ändert das nicht viel. Das Geld ist einfach nicht mehr da.

  • Dazu kommen die Kosten an den Finanzmärkten. Die Welt ist nach dem Zusammensturz der Investmentbank Lehman Brothers im Jahre 2008 sicherer geworden. Aber keiner weiß, ob die Märkte einer Griechenlandpleite standhalten könnten. Es gibt da zu viele Querverbindungen, die wir von außen nicht einschätzen können.

  • Ebenfalls schwer einschätzbar, aber vermutlich massiv, werden die Verluste an Börsen und Anleihemärkten ausfallen. Das sind zwar keine Kosten für den sogenannten Steuerzahler. Aber es sind Kosten für Menschen, die Steuern zahlen.

  • Und dann gibt es noch eine Kategorie von Kosten, die man nicht einmal ansatzweise beziffern kann. Wenn Investoren und Privatanleger zu dem Schluss kommen sollten, dass sich mit dem Austritt Griechenlands die Währungsunion in ihrem Wesen verändert hat, dann wird es richtig teuer.

Eine Währungsunion ist lebenslänglich ohne Bewährung

Das Wesen einer Währungsunion ist nicht die einheitliche Währung sondern ihre Unumkehrbarkeit. Man kann ihr beitreten, wenn man bestimmte Kriterien erfüllt. Man kommt aber nie wieder raus. Eine Währungsunion ist lebenslänglich ohne Bewährung.

Mit dem Grexit ändert sich das. Wir werden uns dann fragen, was Italien machen wird, wenn die Reformpolitik der Regierung von Matteo Renzi ins Stocken gerät. Was passiert, wenn auch dort das Wachstum nicht anspringt und die Arbeitslosigkeit nicht sinkt? Von den drei großen italienischen Oppositionsparteien sind zwei gegen den Euro. Die dritte, die Partei von Silvio Berlusconi, hat ebenfalls euroskeptische Tendenzen entwickelt. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Grexit funktioniert für Griechenland aus wirtschaftlicher Sicht, eventuell mit anfänglichen Schwierigkeiten. Nach einem oder zwei Jahren wäre der Schock verdaut, und dann geht es wieder nach oben. Wie wird man das in Italien sehen? Wird das die Euroskeptiker dort nicht in ihrem Urteil bestätigen, dass auch Italien gut beraten wäre, den Euro zu verlassen und von einer massiven Abwertung zu profitieren?

Und dann gibt es noch politische Kosten, die man schwer beziffern kann. Griechenland ist und bleibt volles Mitglied der Europäischen Union und der Nato. Die Drohungen, dass ein Euroaustritt zwangsläufig auch einen EU-Austritt nach sich zieht, sind gefährlicher Quatsch. Es gibt keinen Mechanismus, mit dem die EU ein demokratisches Land zum Austritt zwingen kann. Selbst die Mitgliedschaft von Ungarn wird nicht infrage gestellt, obwohl es dort an Anlässen nicht fehlt. Griechenland bleibt also EU-Mitglied, hätte weiterhin Anspruch auf Zahlungen aus dem EU-Haushalt, und sein Ministerpräsident hätte weiterhin ein Vetorecht im Europäischen Rat.

Und man würde ebenfalls erwarten, dass sowohl Griechenland als auch Zypern ihre militärische Zusammenarbeit mit den Russen vertiefen. Dann wäre es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis wir russische Militärstützpunkte im Mittelmeer erleben werden.

Für Griechenland wäre ein Grexit ein kurzfristig starker Schock, von dem es sich langfristig wirtschaftlich erholen wird. Für uns wäre er genau das Gegenteil. Kurzfristig sind die Kosten überschaubar. Langfristig würde es den Niedergang der EU beschleunigen.

Den Grexit zu verhindern, sollte die vorrangige Aufgabe der deutschen und europäischen Politik sein. Aus Eigeninteresse.

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Foto: SPIEGEL ONLINE