Wolfowitz und Gonzales: Aufstand gegen die Bush-Buddys - DER SPIEGEL
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Wolfowitz und Gonzales Aufstand gegen die Bush-Buddys

Der Schlamassel um zwei seiner engsten Vertrauten verdirbt George W. Bush seit Tagen die Laune. Doch der US-Präsident hat seine Gründe, warum er Weltbank-Chef Paul Wolfowitz unterstützt und auch Justizminister Alberto Gonzales die Treue hält.
Von Georg Mascolo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Es war kein Abend, um lustig zu sein, und deshalb entschied George W. Bush, es auch gar nicht erst zu versuchen. Traditionell nimmt sich der Präsident bei der großen Gala der Korrespondenten des Weißen Hauses selbst auf den Arm, aber diesmal wollte Bush nicht: Offizieller Grund war das Massaker in Blacksburg. Doch dem Präsidenten mögen noch ein paar Gründe eingefallen sein: Sein Sprecher Tony Snow etwa, der da neben ihm auf der Bühne stand und mit einer lebensbedrohenden Krebserkrankung ringt, die Bilder einer neuen, blutigen Anschlagsserie im Irak oder auch die zwei Gäste, die weit hinten im Saal Platz genommen hatten.

Alberto Gonzales, Noch-Justizminister, und Paul Wolfowitz, Noch-Präsident der Weltbank, lächelten tapfer, obwohl beide dazu nun wirklich gar keinen Grund mehr haben. Ganz Washington rätselt darüber, ob und wann Bush die beiden fallen lassen wird. Dass ein präsidialer Gnadenstoß für Gonzales und Wolfowitz überfällig ist, bestreiten nicht einmal mehr Bush-Vertraute. Beide haben verloren, was in ihrem Amt unabdingbar ist: moralische Autorität.

Gonzales ist wegen falscher Aussagen über acht gefeuerte US-Staatsanwälte in der Klemme. Viel spricht dafür, dass sie aus politischen Gründen geschasst wurden und das Weiße Haus seine Hand im Spiel hatte. Gonzales behauptete zunächst einmal wahrheitswidrig, mit der Angelegenheit kaum befasst gewesen zu sein. Vergangenen Donnerstag hatte er eine letzte Chance, sich aus dem Schlamassel zu befreien. Aber der wochenlang geübte Auftritt vor dem Justizausschuss des Senats geriet zu einer Peinlichkeit der Sonderklasse. Gonzales blieb so ziemlich alle Antworten schuldig und redete sich stolze 64 Mal damit heraus, er könne sich "nicht erinnern". So weit ging der erstaunliche Gedächtnisschwund, dass Gonzales sich nicht einmal mehr an ein entscheidendes Treffen in seinem Amtszimmer erinnern konnte, das erst ein paar Monate zurücklag.

Der oberste Verbrechensbekämpfer des Landes klang wie jemand, der "sich nicht einmal daran erinnern kann, wo er sein Auto geparkt hat", höhnte die "Washington Post". Der republikanische Senator Tom Coburn fuhr ihn an: "Das Beste wäre, wenn Sie zurücktreten." Der Justizminister der Vereinigten Staaten von Amerika ist für Freund und Feind zur Lachnummer geworden.

In der Weltbank herrscht "Bürgerkrieg"

Über Paul Wolfowitz lässt sich nicht viel Besseres sagen, der selbsternannte Anführer eines unbarmherzigen Feldzuges gegen die Korruption in der Entwicklungshilfe ist dabei erwischt worden, dass er seiner Freundin eine Gehaltserhöhung von 133.000 auf 193.000 Dollar verschaffte. Seit Wochen hagelt es Rücktrittsforderungen, zuletzt von der deutschen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Selbst Graeme Wheeler, Management-Direktor der Bank, hat Wolfowitz angefleht, den Posten zu räumen. Ein regelrechter "Bürgerkrieg", so berichtet die "Financial Times", herrsche in der Bank. Und dabei sind die Wolfowitz-Gegner unter den 13.000 Angestellten weit in der Überzahl. "Regime Change" fordert die Mitarbeiter-Vertretung der Bank und klingt dabei so entschlossen wie einst Wolfowitz, als es um den Irak ging.

Aber der ehemalige Vize-Verteidigungsminister, eine ebenso brillante wie bisweilen weltfremde Figur, will nicht weichen. Er werde nicht zurücktreten, dröhnt es wieder und wieder aus der Chefetage der Weltbankzentrale, einem Palast aus Stahl und Glas, nur einen Block vom Weißen Haus entfernt. In E-Mails an die Belegschaft mahnt er ein Ende der internen Debatte an, damit man sich endlich wieder Armut und Hunger in der Welt annehmen könne.

Solange Bush an ihm festhält, kann Wolfowitz nichts passieren – die USA sind der größte Anteilseigner der Bank und stellen traditionell den Präsidenten. Gegen allen Widerstand ernannte Bush Wolfowitz. Und trotz aller Proteste kann er ohne die Zustimmung des Weißen Hauses auch nicht entlassen werden.

"Fredo" kennt viele Geheimnisse von Bush

So hängt das Schicksal der beiden Washingtoner Wackelkandidaten ganz allein an Bush. "Fredo", wie der Präsident Gonzales nennt, ist ein Freund und noch dazu einer, der seit gemeinsamen Tagen in Texas viele Geheimnisse aus dem Leben des Präsidenten kennt. Er war Bushs persönlicher Rechtsanwalt, sein Rechtsberater im Weißen Haus. Ein Consiglieri, der mit abenteuerlichen Konstruktionen die Gesetzesbrüche in Bushs Krieg gegen den Terrorismus juristisch absicherte. Zwar ist der Justizminister für den Präsidenten zu einer Belastung im Verhältnis zu seiner eigenen Partei geworden. Aber die lange gemeinsame Geschichte könnte ihm den Job retten.

"Wolfie" dagegen, wie Bush den Weltbank-Chef früher fast zärtlich nannte, ist da schon gefährdeter: In Washington wird aufmerksam registriert, dass die Unterstützungsbekundungen des Präsidenten zunehmend lauwarm klingen. Das Festhalten an Wolfowitz belastet die Beziehungen zu wichtigen Verbündeten wie Frankreich, England und Italien. Das kann sich der schwächelnde Präsident eigentlich nicht erlauben.

Unter den Angestellten der Bank ist die Hoffnung groß, dass Wolfowitz noch diese Woche gehen muss. Eine Untersuchung der Affäre läuft, wenn sie weitere belastende Details zutage fördert, wird der Bank-Chef nicht zu halten sein. Und dann ist da auch der bevorstehende EU-Amerika-Gipfel kommende Woche in Washington: Wenn europäische Regierungschefs wie Kanzlerin Angela Merkel Druck auf Bush machen, ist jedenfalls für einen der Freunde des Präsidenten die Amtszeit beendet.