WorldCom-Bilanzen Wie hundert Milliarden Dollar verpufften
Clinton/New York - Nach einer Umfrage unter Analysten und Insolvenzexperten schreibt das "Wall Street Journal", der aktuelle Realwert des zweitgrößten Telekommunikationskonzerns der USA liege vermutlich zwischen drei und acht Milliarden Dollar. Angesichts einer Schuldenlast von rund 30 Milliarden Dollar und Spekulationen über Insolvenz und Zerschlagung ein alarmierender Befund.
Rund 50 Milliarden der verbuchten Aktiva, so der Bericht, bestünden aus Goodwill, der bei der Übernahme kleinerer Konkurrenten entstanden sei, und aus anderen immateriellen Werten. Von diesen Milliarden sei angesichts der generellen Krise in der Telekommunikationsindustrie und der hohen Kredite, unter der auch Konkurrenten ächzen, fast nichts mehr übrig. Allein die Marke MCI, die Ferngesprächssparte des Konzerns aus Mississippi, werde noch als werthaltig angesehen.
Ein weiterer wichtiger Block von Vermögenswerten seien die Grundstücke, Möbel, Fabriken, Telefonkabel und Telekommunikationsausrüstungen. Diese Posten seien mit einem Gesamtwert von 40 Milliarden Dollar in der Bilanz verbucht. Angesichts der Überkapazitäten auf dem Netzwerkmarkt ließen sich diese Wertgegenstände aber wohl nur zu Discountpreisen verkaufen, so der Bericht.
Der wichtigste Aktivposten des Konzerns, zitiert das Blatt einen Analysten von Jefferies & Co. aus New York, sei die Kundenliste. Wenn nun keine Kundenflucht einsetze und WorldCom die akute Finanznot überstehe, sei das Unternehmen daher wohl über sechs Milliarden Dollar wert.
Das Urteil der angesichts immer neuer Bilanzskandale nervösen Börse fällt noch weitaus vernichtender aus: Am Dienstag betrug die Marktkapitalisierung des Konzerns, dessen Aktie demnächst delisted werden soll, zum Handelsschluss nur noch 296,3 Millionen Dollar und lag damit unter dem Niveau der privaten Schulden des geschassten WorldCom-Chefs Bernie Ebbers. Im Sommer 1999 belief sich WorldComs Börsenwert noch auf 120 Milliarden Dollar.
Mit 35,2 Milliarden Dollar Umsatz im vergangenen Jahr könnten WorldCom oder zumindest Einzelteile des schwankenden Giganten für Konkurrenten dennoch ein interessanter Kauf sein. Nachdem das Unternehmen in der vergangenen Woche eingeräumt hat, sein Vorsteuerergebnis (Ebitda) um 3,8 Milliarden Dollar übertrieben zu haben, besteht aber Unsicherheit darüber, ob weitere, gravierende Finanztricks benutzt wurden.