WorldCom-Pleite: Der tiefe Fall des Kaufrausch-Cowboys - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

WorldCom-Pleite Der tiefe Fall des Kaufrausch-Cowboys

Bernie Ebbers, der ehemalige Vorstandschef des US-Unternehmens WorldCom, ist von einer US-Jury der Bilanzfälschung, des Betrugs und der Verschwörung schuldig gesprochen worden. Der Ex-Manager, dem die größte Pleite der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte zur Last gelegt wird, muss wohl für Jahrzehnte ins Gefängnis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Der 63-Jährige Bernard J. Ebbers, der seine Karriere als Milchmann begann und Ende der neunziger Jahre einer der Superstars der Wall Street war, wird möglicherweise den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen müssen. Eine New Yorker Jury sprach ihn am Dienstag in allen Anklagepunkten schuldig. Ebbers drohen bis zu 85 Jahre Haft. Das Strafmaß soll am 13. Juni verkündet werden.

Dem Ex-Chef von WorldCom waren in dem Verfahren vor einem Bundesgericht in Manhatten Verschwörung und Betrug in je einem sowie unrichtige Angaben in Firmenabschlüssen in sieben Fällen vorgeworfen worden. Der WorldCom-Konzern, der sich inzwischen in MCI umbenannt hat, war in den späten neunziger Jahren unter Führung des gebürtigen Kanadiers vom kleinen Ferngespräche-Anbieter zum zweitgrößten Telekommunikationsunternehmen der USA aufgestiegen.

WorldCom brach zusammen, nachdem 2002 erhebliche bilanzielle Unregelmäßigkeiten bekannt geworden waren. Insgesamt hatte das Unternehmen über mehrere Jahre einen um elf Milliarden Dollar zu hohen Gewinn ausgewiesen. Die meisten Investoren wurden von dem Bilanzloch bei WorldCom kalt erwischt, weil weder Wirtschaftsprüfer noch Börsenaufsicht die Unregelmäßigkeiten bemerkt hatten. Auch Wall-Street-Analysten hatten dem Unternehmen bis zuletzt erstklassige Noten ausgestellt. Insgesamt betrug der Schaden für die Anleger 180 Milliarden Dollar.

Kronzeuge der Anklage war Scott Sullivan, einst Ebbers' Intimus, der den Betrug nach anfänglichem Leugnen im März 2004 zugegeben hatte und im Gegenzug für eine mildere Strafe gegen Ebbers aussagte. Das Strafmaß für ihn steht noch nicht fest.

Treckerfahrender Kaufrausch-Cowboy

Ebbers galt als eine der schillerndsten Figuren der US-Wirtschaft. Besonders gerne gab der Kanadier in der Öffentlichkeit den Marlboro-Mann. Der meist mit einem Stetson und Cowboystiefeln angetane Manager fuhr auf seiner 65.600-Hektar-Ranch stundenlang mit einem Hochleistungstrecker durch die Gegend. Auch das Kastrieren vom Bullen listete er unter seinen Hobbys auf. Zu Analystenmeetings in New York brachte der "Gott der Wall Street" - wie der "Stern" in einmal genannt hatte - Charts mit, die WorldComs Aktienkurs zeigten, der in ein paar Jahren um 7000 Prozent zugelegt hatte und rief in die Runde: "Noch Fragen?"

Seine Luxuxsyacht taufte Ebbers "Aquasitions", zu Recht: Jahrelang erwarb der Kaufrausch-Cowboy Konkurrenzunternehmen, insgesamt mehr als 75 Firmen. Auch diese Fusionitis dürfte einer der Gründe für das bilanzielle Durcheinander im Konzern gewesen sein: In Ebbers Firmensammelsurium gab es zeitweise vierzig verschiedene Controlling- und Abrechnungssysteme.

Ebbers Anwalt Reid Weingarten sagte am Dienstag, sein Mandant werde in die Berufung gehen. "Der Kampf geht weiter", so Weingarten. Selbst wenn der "Telecom Cowboy" (US-Presse) diesen gewinnen sollte, droht ihm der finanzielle Ruin. Alleine Ebbers ehemaliger Arbeitgeber klagt auf Rückzahlung von 400 Millionen Dollar. Die hatte WorldCom seinem Vorstandschef einst geliehen. Mit einem Teil des Geldes hatte Ebbers den Kauf seiner Mega-Ranch in British Columbia finanziert.