WorldCom Sidgmore will in Rekordzeit aus der Pleite
Clinton - "Wir werden stärker aus dem Insolvenzverfahren hervorgehen, als wir es je waren", erklärte Sidgmore am Montag vor Analysten. "Die Konkurrenz wäre gut beraten, sich in den nächsten zwölf Monaten nicht auf ihren Lorbeeren auszuruhen."
Weniger als zwölf Monate will sich Sidgmore Zeit nehmen, um WorldCom wieder aus der Insolvenz zu führen - andere Projekte haben bisher regelmäßig doppelt so viel Zeit benötigt. Sidgmores Rezept beruht auf zwei Säulen: Den Kundenstamm erhalten und die Schulden um drei Viertel reduzieren.
Sein Vorhaben werde gelingen, gibt sich der WorldCom-Chef überzeugt. Schließlich gebe es genügend Beispiele, in denen selbst aussichtslose Fälle erfolgreich saniert wurden. Texaco sei so ein Fall oder das Handelsunternehmen Federated Department Stores. Beide hätten den Turnaround im Rahmen des Chapter-11-Verfahrens geschafft.
Das Echo von Analysten und Branchenexperten blieb dagegen verhalten. Nur wenige glauben, dass Sidgmore seine Ankündigungen in die Tat umsetzen kann: Zwar hätten die erwähnten Unternehmen einen erfolgreichen Sanierungskurs hinter sich, bei keinem sei jedoch ein derartig kompliziertes Geflecht von Problemen zu bewältigen gewesen. Der Abschwung, von dem zurzeit die gesamte Branche betroffen sei, mache die Sache nicht gerade einfacher.
Auch die vom Konkursrichter genehmigte Finanzspritze in Höhe von zwei Milliarden Dollar ist nach Ansicht der Experten nicht üppig bemessen. Obwohl WorldCom durch den Wegfall der Anleihe-Zinsen in Höhe von rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr einiges spart, wird das Geld, so die Befürchtung, nicht lange reichen. Allein in den ersten drei Juli-Wochen hatte der Datennetzbetreiber 1,4 Milliarden Dollar an Bargeldreserven verbraucht.
Kein Zweifel besteht allerdings daran, dass WorldCom den Konkurrenzkampf in der Branche noch erheblich verschärfen wird. Denn Sidgmore wird um jeden Kunden kämpfen müssen. Und da sich der Verdrängungswettbewerb bei stagnierender Nachfrage nur über Preissenkungen gewinnen lässt, ist eine neue ruinöse Preisrunde nur noch eine Frage der Zeit.
Auch die Gläubiger von WorldCom sehen den nächsten Monaten mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn Sidgmores Ziel, WorldComs Schulden abzubauen, lässt harte Verhandlungen erwarten. Nach den Insolvenz-Regeln werden nämlich zunächst die Ansprüche bedient, die entstanden sind, nachdem das betreffende Unternehmen Insolvenz angemeldet hat. Sollte also Sidgmore seine Maximalvorstellungen durchsetzen, müssten Banken und Pensionsfonds, die den größten Teil von WorldComs 41-Milliarden-Dollar-Schulden halten, viele Milliarden abschreiben.
Größter europäischer Gläubiger von WorldCom ist die Deutsche Bank mit insgesamt 1,01 Milliarden Dollar. Daneben soll sich nach Branchenschätzungen auch die Allianz-Gruppe, zu der die Dresdner Bank gehört, mit 100 bis 200 Millionen Dollar bei WorldCom engagiert haben. Auch die Münchener Rück habe bestätigt, knapp 80 Millionen Dollar in Form von Anleihen und Aktien des US-Konzerns zu halten. Bei der Deutschen Bank handele es sich neben den 240 Millionen Dollar Krediten um knapp 800 Millionen Dollar verwaltetes Fondsvermögen. Doch gemessen an den Forderungen anderer Gläubiger nehmen sich diese Beträge bescheiden aus. In der Rangliste stehen die Deutschbanker gerade einmal auf Platz elf - Platz eins hält JP Morgan Trust mit 17,2 Milliarden Dollar.
Doch selbst, wenn WorldCom finanziell einigermaßen glimpflich aus dem Desaster herauskommen sollte, wäre die Angelegenheit für das Unternehmen damit noch nicht erledigt. Konkursrichter Arthur J. Gonzalez hat nämlich am Montag dem Antrag des US-Justizministeriums stattgegeben, die Insolvenz von WorldCom durch einen unabhängigen Prüfer untersuchen zu lassen. Der Experte soll die Insolvenz vor dem Hintergrund von Missmanagement, Betrug und Unregelmäßigkeiten überprüfen.