WTO-Gipfel in Cancún Die Strippenzieher
Welthandelsrunden haben etwas von orientalischen Basaren. Beim Aushandeln von Marktzugangsrechten und Zollabbau gilt das Prinzip "Hilfst Du mir hier, unterstütze ich dich dort". Bei 146 Mitgliedsstaaten, die Vertragsbestandteile einstimmig verabschieden müssen, sind Blockbildungen und Interessengemeinschaften unvermeidbar. Alleingänge können sich nicht einmal die mächtigen USA leisten. Vier Männer werden in Cancún den Ton angeben. SPIEGEL ONLINE stellt sie vor.
Sein Job ist in Cancún der schwerste: Supachai Panitchpadki, Generaldirektor der WTO, ist zum Erfolg verdammt. Bei der fünften Ministertagung muss er dafür sorgen, dass es eine Einigung gibt - egal welche. Bei den Querelen, die es schon seit Monaten um Agrarsubventionen und den Abbau von Schutzzöllen gibt, ein fast aussichtsloses Unterfangen. Zumal der 57-Jährige Thailänder keine Machtmittel hat, die Mitgliedsstaaten zum Kompromiss zu zwingen: Als WTO-Chef ist Dr. Sup, wie er genannt wird, nur der Moderator der Verhandlungen. Trotzdem erhoffen sich viele von dem ehemaligen stellvertretenden Premierminister Thailands, dass er das Verhandlungsklima positiv beeinflussen kann.
Seine Herkunft aus einem Entwicklungsland verschafft ihm bei den ärmeren Ländern einen Vertrauensvorschuss. Die höfliche und nachdenkliche Art des erfahrenen Unterhändlers, der in seiner Heimat auch schon Handelsminister war, wird nach der schulterklopfenden Jovialität seines neuseeländischen Vorgängers Mike Moore von vielen als erholsam empfunden. Ob Panitchpadki die nötige Autorität hat, die Ministerrunde in Cancún zu einem Abschluss im Sinne der WTO zu drängen, scheint er selbst zu bezweifeln: Schon vor seiner Abreise nach Mexiko warnte er vor der Illusion, die Konferenz werde große Fortschritte bringen.
Von Pascal Lamy, wegen seiner Glatze in Brüssel als "Dalai" bekannt, werden in Cancún Opfer erwartet. Als Handelskommissar vertritt er die 15 EU-Staaten, die unter starkem Druck stehen, ihre Agrar-Subventionen und Exporthilfen drastisch zu beschneiden. Lamy, als gewiefter Taktiker und ruppiger Verhandlungsführer bekannt, hat nach den EU-Beschlüssen zur Agrarreform vom Juni etwas Verhandlungsmasse in der Hand. Er wird es verstehen, für die Zugeständnisse im Agrarsektor den Entwicklungsländern Entgegenkommen bei der Öffnung ihrer Märkte und dem Abbau von Schutzzöllen abzuringen.
Der 56-Jährige französische Sozialist betont immer wieder, der weltweite Handel dürfe kein Selbstzweck sein, sondern müsse dem Ziel dienen, die Lebensbedingungen der Menschheit zu verbessern. Trotzdem wird er von Globalisierungsgegnern stark kritisiert. Der Ritter der Ehrenlegion gilt ihnen als "Freund der multinationalen Konzerne".
Robert Zoellick, der Handelsbeauftragte der US-Regierung, steht in Cancún unter enormen Druck: Zum einen muss er die Entwicklungsländer bedrängen, Handelshemmnisse abzubauen. Zum anderen hat ihm seine Regierung bislang nur sehr wenig an die Hand gegeben, was er im Gegenzug anbieten könnte. Im Gegenteil: Erst kürzlich hat die Regierung unter George W. Bush trotz gegenteiliger Absprachen bei der WTO-Runde von Doha die heimischen Agrarsubventionen um 65 Prozent angehoben und versucht, durch immense Zölle die amerikanische Stahl-Industrie zu schützen.
Ein Jahr vor dem anstehenden Präsidentschaftswahlkampf wird die US-Regierung die Kröte Abbau von Agrarsubventionen und Schutzzöllen nur schlucken, wenn sie dafür weitreichende Zugeständnisse bei Marktöffnungen und Investitionsschutz erzielt. Zoellick muss also nach zwei Seiten verhandeln: Zum einen mit den WTO-Partnern, gegenüber denen er alles Gewicht der Wirtschaftsweltmacht USA in die Waagschale werfen wird, zum anderen mit Washington. Unterstützung bei seiner schwierigen Aufgabe erhofft sich der 49-Jährige Jurist von Pascal Lamy, der wie er begeisterter Marathonläufer ist und mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.
Arun Jaitley ist der Hoffnungsträger der Entwicklungsländer. Der indische Handelsminister ist einer der Sprecher der so genannten "Gruppe der 21", die sich im Vorfeld von Cancún zusammengetan hat. Dem Bündnis gehören neben Indien unter anderem China, Brasilien und Argentinien an. Zusammen repräsentieren die 21 Staaten mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung und zwei Drittel der Bauern weltweit.
Jaitley drohte bereits im Vorfeld, dass man die Verhandlungen platzen lassen könnte, wenn die Industrieländer versuchen würden, die ärmeren Länder zu übervorteilen. Vorher wird der 50-Jährige Wirtschaftsjurist in Cancún einen Spagat versuchen, bei dem er zum einen die Industrieländer zur Öffnung ihrer Agrarmärkte drängen wird, zum anderen aber erreichen will, dass kleine Länder ihre Märkte weiterhin gegen Importe schützen dürfen.
Indien steht innerhalb der WTO in der Kritik, weil es sein Land mit Zöllen von über 50 Prozent zu schützen versucht. Man brauche das Geld für Entwicklungsmaßnahmen und müsse der eigenen Wirtschaft Luft geben, damit sie sich entwickeln könne, lautet das Argument.