Wütende Briefe - DER SPIEGEL
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Schwarzgeld Wütende Briefe

Die Banken lockten steuermüde Kunden nach Luxemburg. Jetzt wollen sie die Kupon-Touristen wieder loswerden.
• aus DER SPIEGEL 12/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warteschlangen kann Ekkehard Storck nicht leiden. Nur widerwillig beobachtet der Chef der Deutschen Bank Luxemburg den Trubel in den Schalterhallen der Luxemburger Institute. Dort ist es, so Storck, »tagelang gerammelt voll, wenn die Kupon-Touristen kommen«.

Seit der Diskussion um die Zinsabschlagsteuer zieht es viele Deutsche ins benachbarte Großherzogtum, um steuerfrei Zinsen zu kassieren. Sie lösen die Kupons von ihren Wertpapieren ab und lassen sich den Gegenwert bar auszahlen. »Etwa fünf Tage vor großen Kupon-Terminen geht es los, und dann sehen wir einige Wochen lang nur noch Warteschlangen«, stöhnt Berater Stefan Becker von der Deutschen Bank.

Die Prozedur ist umständlich. Die losgroßen Schnipsel müssen per Hand gezählt und auf Echtheit geprüft werden. »Ein Zuschußgeschäft«, sagt Storck.

Er schaffte diesen Kundendienst deshalb ab. Seit Anfang des Jahres löst die Deutsche Bank in Luxemburg grundsätzlich keine deutschen Zinsscheine mehr bar ein. Willkommen sind nur noch Anleger mit 200 000 Mark Mindesteinlage.

In den Filialen der anderen deutschen Institute stöhnen die Geldmanager ebenfalls unter dem Andrang der Kunden. »Hier herrscht ununterbrochen Hochsaison«, sagt ein Berater der Luxemburger BfG. Das Institut erwägt ebenfalls den Einlösestopp.

Auch Hans Pfeifer, Chef der Luxemburger WGZ-Bank, möchte eigentlich »nur richtige Kunden, mit Vermögen und Depot bei uns«. Wer Zinsscheine bar einlöst, zahlt fünf Prozent Gebühren. Die Westdeutsche Landesbank macht es etwas billiger; dafür müssen die Kunden in der Empfangshalle oft mehr als eine Stunde warten.

Die reiselustigen Anleger schätzen den Zwergstaat, weil sie dort keine Quellensteuer zahlen müssen. In Deutschland trifft der seit Jahresbeginn geltende Zinsabschlag besonders diejenigen Sparer, die ihre Papiere zu Hause oder im Schließfach aufbewahren.

Denn der sogenannte Freistellungsauftrag, mit dem sich Anleger der Steuer entziehen können, wenn sie als Ledige weniger als 6100 Mark Zinsen im Jahr einnehmen, gilt nur für Bankdepots. Zudem liegt der Abschlag für bar eingelöste Kupons mit 35 Prozent noch über dem 30prozentigen Regelsatz.

Die Bankiers haben die Schar der Schwarzanleger, die sie nun gern wieder loswürden, selbst ins Land gelockt.

Nachdem die Karlsruher Verfassungsrichter 1991 eine Quellensteuer oder Kontrollmitteilungen für Zinsen verlangt hatten, um mehr Steuergerechtigkeit durchzusetzen, warben alle großen Institute kräftig für die Oase. Erst als es im Herbst 1992 »Ärger mit Finanzminister Waigel gab«, so Storck, stoppten die Banker ihre Reklame.

Es reichte auch so. Alleine 1992 flossen mindestens etwa 60 Milliarden Mark in den Zwergstaat, größtenteils in die Fonds deutscher Institute. Das entspricht etwa dem Neugeschäft, das die Branche von 1950 bis 1985 gemacht hat.

Weil der kleine Grenzverkehr so beliebt ist, protestierten die Kunden gegen den Beschluß der Deutschen Bank in Luxemburg. Christian Strenger, Chef der hauseigenen Investmentgesellschaft DWS: »Es gab schon wütende Briefe.« Denn viele Anleger hatten sich früher die Papiere, etwa Inrenta oder Investa, als Urkunden aushändigen lassen, um die Zinsen schwarz zu kassieren.

Nun suchen Storck und Strenger nach einem Kompromiß. Strenger, dessen Fonds wegen der Steuer vom Verkaufsschlager zum Ladenhüter abstiegen, will die beliebte Zahlstelle nicht verlieren. Doch er kennt seinen Kollegen Storck: »Für gratis macht der nix.«

Beim Verlagern der Geldgeschäfte nach Luxemburg, argwöhnt der Bundestagsabgeordnete Gunnar Uldall (CDU), geht es den Instituten »nur um Provisionen«.

Der Politiker vermutet richtig. »In Luxemburg«, so Banker Storck, »ist es Usance, für alles etwas zu nehmen.«

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