AFFÄREN Wunde Ferse
Jahrelang zählte der Rechtsanwalt Heinz Hupfer, 36, zu den bekanntesten Personen vor Frankfurter Gerichten. Erfolgreich vertrat er Mandanten, die Betrügern bei Warentermingeschäften aufgesessen waren.
Jetzt wird Hupfer selbst als Angeklagter vor Gericht stehen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelte monatelang gegen Hupfer, weil viele seiner Mandanten Anzeige erstatteten. Die Frankfurter Rechtsanwaltskammer registrierte bislang 38 Beschwerdefälle gegen den Advokaten. In einem Fall soll Hupfer erstrittene Gelder nicht an seine Kundschaft weitergegeben haben. In einem anderen verlangt die Rechtsschutzversicherung DAS vergeblich angemahnte Honorare und Vorschüsse zurück.
Hupfer, der 1979 mit Verwandten und Freunden sogar einen Verein für Kapital- und Anlegerschutz in der Bundesrepublik Deutschland e. V. (VKA) gegründet hatte, muß sich noch gegen weitaus massivere Anschuldigungen zur Wehr setzen. Einmal geht es - dem verantwortlichen Staatsanwalt zufolge - um den Verdacht des Parteiverrats mit der Absicht der privaten Vorteilsnahme. In einem anderen Fall ist von Nötigung, Amtsanmaßung, Unterschlagung und Diebstahl die Rede.
»Die Mehrung seines privaten Besitzes«, so der Frankfurter Oberstaatsanwalt Reinhard Rochus über Heinz Hupfer, »war ihm wohl wichtiger als das Wohlergehen seiner Mandanten.«
Rochus, Spezialist für betrügerische Warenterminfirmen, wurde zum Sonderabteilungsleiter für die Bearbeitung der Hupfer-Affäre ernannt.
Die »ungeheuer komplexen Ermittlungen« (Rochus) gegen Hupfer sind noch längst nicht abgeschlossen. In einem Fall jedoch, der die Verfehlung des selbsternannten Anlegerschützers besonders deutlich zeigt, haben die Staatsanwälte bereits Anklage erhoben und die Richter das Hauptverfahren eröffnet.
Heinz Hupfer war, so die Anklage, von mehreren Mandanten beauftragt worden, gegen die Frankfurter Warenterminfirma RMH vorzugehen. Die Spekulanten fühlten sich von den RMH-Verkäufern geprellt und verlangten Schadensersatz.
Der im Kampf gegen die hessischen Warentermin-Haie erprobte Anwalt machte sich mit Verve an die Arbeit. Sein Ziel war es, an das Vermögen der RMH-Hintermänner heranzukommen.
Zunächst setzte Hupfer - so ermittelten die Staatsanwälte - ehemalige RMH-Mitarbeiter unter Druck. »Ich ziehe Ihnen Ihr Haus unter den Füßen weg«, drohte Hupfer etwa dem RMH-Verkäufer Manfred Lenhart. Der Anwalt wollte ein Versteck ausfindig machen, in dem für die RMH mehr als 60 wertvolle Orient-Teppiche lagen.
Das gelang. Hupfer heuerte einen Lkw-Fahrer an und spielte ohne gerichtlichen Arrestbeschluß Amtsträger auf eigene Faust.
»Es ist ja wohl nicht erforderlich, daß ich den Gerichtsvollzieher und die zwei Grünen hereinhole«, soll Hupfer der Frau Lenharts erklärt und sich so Zugang zu den ausgelagerten Teppichen verschafft haben.
Die heiße Ware wurde auf den Lkw geladen, ohne daß die genaue Zahl und Art der Teppiche in einem Übernahmeprotokoll oder in einer Empfangsbescheinigung notiert worden wären.
Statt dessen, so Staatsanwalt Hans Gero Schomberg in seiner 16seitigen Anklageschrift gegen Hupfer, »entnahm er diesem Teppichsortiment während des Transports die 20 wertvollsten Stücke im Werte von ca. 18 000 Mark, um sie teils für sich privat zu behalten, teils zu veräußern«.
Nur die »restlichen 42 Teppiche«, so Ankläger Schomberg, lagerte Hupfer in der Pfandkammer der Speditionsfirma ein.
Als die Staatsanwälte später anläßlich einer Hausdurchsuchung fünf der, wie sie meinen, »unterschlagenen Teppiche« bei Hupfer sicherstellen konnten, zeigte sich seine Schwiegermutter Luise Winand, ebenfalls Vorstandsmitglied in Hupfers Anlegerschutzbund, arglos. Ihre Tochter, Brigitte Feldhausen-Hupfer, habe die Teppiche »an der Haustüre von Landfahrern erworben«.
Wieviel dem Rechtsanwalt Hupfer die Interessen seiner Mandanten wirklich wert sind, bekamen inzwischen auch die Geldgeber der Steuerspargesellschaft Americoal zu spüren. Die Kommanditisten dieser Abschreibungsfirma hatten gehofft, drei alte Gruben im US-Bundesstaat Kentucky steuerbegünstigt und gewinnbringend auszubeuten.
Doch das Zeichnungskapital von zehn Millionen Mark war noch nicht einmal voll plaziert, da arretierte Verbraucherschützer Hupfer im Namen von zwei Anlegern, die Betrug witterten, Bankkonten und Büroinventar der Firma.
Auf einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung warf Heinz Hupfer den Americoal-Initiatoren vor, sie hätten »keinerlei Ahnung vom US-Kohlegeschäft«.
Dafür schien der Anwalt von Kohle um so mehr zu verstehen, Hupfer empfahl sich selbst als Nothelfer: Nur er sei in der Lage, möglicherweise das Americoal-Projekt zu retten. Die früheren Americoal-Partner seien alle Betrüger und würden nur in die eigene Tasche wirtschaften.
Die nervös gewordenen Kommanditisten ließen sich überreden. Sie erteilten Hupfer einen Rettungsauftrag und bewilligten ihm zusätzliche Sanierungsdarlehen von fast einer Viertelmillion Mark.
Doch die Förderung in Kentucky kam nie so recht in Gang. Der vermeintliche Sanierer, so die Staatsanwaltschaft, gab das Geld der Anleger vor allem für Erste-Klasse-Flüge in die USA sowie für teure Übernachtungen und Spesen aus. Begleitet wurde er dabei von seiner Frau Brigitte, die ebenfalls im VKA-Vorstand sitzt.
Als Anlegerschützer Hupfer schließlich nicht mehr weiter wußte, bestellte er einen Notgeschäftsführer und ließ diesen Konkursantrag stellen. Da die Richter ein Verfahren »mangels Masse« prompt ablehnten, brauchte Hupfer über die von ihm verschleuderten Gelder bislang keine Rechenschaft abzulegen.
Das dürfte sich jedoch bald ändern: »Die Americoal-Affäre«, vermutet Oberstaatsanwalt Rochus, »ist wohl die wundeste Ferse von Herrn Hupfer.«