Wunderland USA: Wehe, die Hitze lässt nach - DER SPIEGEL
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Wunderland USA Wehe, die Hitze lässt nach

Die USA werden überall um ihre Wachstumsraten beneidet. Dabei ist es kein Wunder, dass der Kessel pfeift - schließlich wird er kräftig befeuert.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer wenn Journalisten über den Atlantik blicken, ist er plötzlich da: der Begriff von der "Eurosklerose". Und obwohl es Unsinn ist, kann man die Leute natürlich verstehen: Denn die Wachstumsraten in den USA sind so viel größer als in Euroland, dass man als Europäer tatsächlich Komplexe bekommen könnte.

Aber was ist die Ursache der sensationellen amerikanischen Wirtschaftsentwicklung? Sicherlich hat der Erfolg viel mit der deutlich höheren Flexibilität zu tun. Doch ein anderer Zusammenhang wird gerne übersehen - und das ist die hohe Kreditmarktverschuldung in den USA.

Vereinfacht kann man sagen: In einer gleichgewichtigen Wirtschaft sollten die Zuwachsraten von Geldmenge und Kredit in etwa der Wachstumsrate der Wirtschaft entsprechen. Denn alle Investitionen werden gemeinhin vorfinanziert, entweder über die Börse oder über die Kreditvergabe der Banken.

Nun sind in den USA zwischen 1995 und 1999 die Bankkredite um 44 Prozent angestiegen, die Kreditmarktverschuldung insgesamt um 49 Prozent, die Verbindlichkeiten des gesamten Finanzsektors um 99 Prozent, die Verbindlichkeiten der Institute mit Staatsgarantie um 120 Prozent und die sonstigen verbrieften Kredite sogar um 186 Prozent.

Das Sozialprodukt hingegen ist in diesem Zeitraum nur um vergleichsweise mickrige 16 Prozent gestiegen.

Das heißt: In den USA wird gegenwärtig eine riesige Verschuldung aufgebaut, die hauptsächlich über den Kreditmarkt läuft. Zweierlei ist dabei besonders wichtig: Erstens schlagen sich die Kredit-Zuwachsraten nicht im Geldmengenwachstum nieder, weshalb sie auch bei der Federal Reserve kaum Beachtung finden.

Und zweitens ergibt sich hier neben der börsengetriebenen Reichtumsspirale ein zweiter gigantischer Wohlstandseffekt. Denn den Verbindlichkeiten der einen stehen spiegelbildlich immer die Guthaben der anderen gegenüber. Je größer also die Kredite, umso größer auch die Guthaben. Je größer die Kreditvergabe, umso reicher werden die Amerikaner.

Die US-Wirtschaft wird gegenwärtig mithin von einem wahren Trommelfeuer an Krediten angetrieben, welches jährliche Wachstumsraten von über fünf Prozent eigentlich niedrig erscheinen lässt. Man kann auf jeden Fall gespannt sein, was passiert, wenn dieses Trommelfeuer einmal nachlässt. Denn auf Dauer wird es sich garantiert nicht aufrechterhalten lassen.