Wundersame Geschäfte - DER SPIEGEL
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ROHSTOFFE Wundersame Geschäfte

Die Industrie hat entdeckt, daß mit Abfällen Geld zu machen ist.
• aus DER SPIEGEL 5/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fünfzehn Jahre lang handelte Ludwig Trzanowski, 45, wie unzählige andere Brennstoffhändler nur mit Öl und Kohle. Doch seit 1973 hat der Geschäftsführer der Peter Arnst GmbH in Hamburg eine seltene Vorliebe für einen unappetitlichen Stoff entwickelt. Tonnenweise sammelt der Kaufmann abgestandenes und ranziges Fett aus norddeutschen Restaurants, Imbißbuden und Kantinen.

Für Trzanowski ist das alte Bratfett ein hochwertiger Rohstoff, und ein fast kostenloser dazu. Denn die Küchen sind froh, wenn sie das übelriechende Zeug los sind und auch noch zehn bis zwanzig Pfennig pro Kilogramm dafür bekommen.

Bei rund 1500 Kunden sammelt Trzanowski auf diese Weise etwa 60 bis 100 Tonnen Öl und Fett im Monat. Geschmolzen und von Fremdstoffen gereinigt, wird es von ihm als Halbfertigprodukt an Destillationsbetriebe verkauft. In einem aufwendigen Verfahren verarbeiten diese Spezialfirmen dann die Brühe zu Seife oder Tierfutter.

Ähnliche Geschäfte werden in der Bundesrepublik immer häufiger getätigt. Seit die Preise für Öle und Metalle, für Kunststoffe und Chemikalien in oft ungeahnte Höhen steigen, seit die Endlichkeit nahezu aller Rohstoffvorräte dieser Erde sichere Gewißheit ist -seither geht die Industrie mit den Rohstoffen sparsamer um und versucht auch noch die Abfälle zu nutzen.

Mittlerweile hat sich ein schwunghafter Handel mit dem Ausschuß und den Altteilen, mit Resten und Abfällen entwickelt. Fast 400 verschiedene Produktionsrückstände, von Aceton bis zum Zinkoxid, werden von mehr als 150 Spezialfirmen verwertet.

Gang und gäbe ist das Rohstoff-Recycling seit jeher bei Metallen: Nur ein Viertel des Metalls, das in Gebrauchsgütern steckt, landet auf dem Müll; das meiste sammeln die Schrotthändler ein.

Neben den Schrotthändlern entdecken nun immer mehr Branchen den Segen S.55 der Wiederverwendung. So holte sich die Glasindustrie 1979 aus rund 15 000 Spezialcontainern, die auf Märkten und Kirchplätzen, an Supermärkten und Wohnsilos aufgestellt wurden, rund 410 Tonnen Altglas.

Autoreifen werden seit einigen Jahren in zerkleinerten Schnipseln als Unterbau im Sportplatz- und Straßenbau verwendet. Styroporreste dienen Polyesterherstellern als Füllmaterial, Gärtner verbessern damit die Bodendurchlüftung.

Die mittelständischen Mineralölraffinerien gewinnen in ihren Aufbereitungsanlagen immerhin ein Drittel der in deutschen Landen verkauften Schmierstoffe aus Altöl.

Die bundesdeutschen Papierhersteller stecken im Jahr mehr als 2,6 Millionen Tonnen Altpapier und Kartonabfälle in ihre Fabriken. Der Stoff wird von den Altpapierhändlern in Containern gesammelt, zu 500-kg-Ballen gepreßt und an die Papierfabriken verkauft.

Mit gutem Gewinn inzwischen: Kostete die Tonne gemischtes Altpapier während der Baisse 1976/77 gerade 20, so können die Händler heute wieder 120 Mark verlangen. Anfang der siebziger Jahre waren sogar schon mal 300 Mark pro Tonne drin.

Weniger wechselvoll ist das Geschäft mit Kunststoffabfällen. Wie alle vom Öl abhängigen Produkte entwickelten sich die Preise für Kunststoff ständig nach oben. Und das bekommen auch die Second-hand-Verwerter zu spüren: Die Nachfrage nach der billigeren Gebrauchtware steigt.

»Wir könnten«, sagt Otto Repenning, Verkaufsleiter bei der Kunststoffverwertungs-Firma Percoplastic, »glatt das Doppelte verkaufen.«

Repenning ist ständig auf der Suche nach neuen Lieferanten, nach kleineren Kunststoffverarbeitern, die ihre Abfälle und Ausschußware immer noch auf den Müll kippen, statt sie gewinnbringend zu verkaufen.

Neue Kunden und Lieferanten können die Altwarenhändler an einer Börse finden, die vom Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) eigens für die Abfallstoffe eingerichtet wurde. Monatlich bietet die Abfallbörse des DIHT einen Überblick über Angebot wie Nachfrage und führt neue Gesprächspartner zusammen.

Die DIHT-Einrichtung hat sich inzwischen so bewährt, daß die EG-Kommission in Brüssel sie allen Mitgliedsstaaten zur Nachahmung empfohlen hat.

Nachgeholfen bei der nützlichen Abfallbeseitigung hat die Bundesregierung mit ihrem 1972 erlassenen Abfallbeseitigungsgesetz. Dieses Gesetz zwingt die Industrie, ihre Rückstände auf eigene Kosten wegzuschaffen. Um nicht zuviel dabei draufzuzahlen, sannen die Manager daher etwas intensiver über die Resteverwertung nach.

Für die DIHT-Umweltexpertin Franziska Haenert steht denn auch außer Frage, daß »ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Gesetzgebung und Abfallbörse besteht«.

Nach den DIHT-Spielregeln sammeln die regionalen Handelskammern Angebote wie Nachfragen aus ihrem Bereich und schicken die Offerten an ihre Bonner Dachorganisation. Der DIHT druckt jeden Monat eine Bundesliste, die ganz oder teilweise von den Mitteilungsblättern der Handelskammern (Auflage: 700 000) nachgedruckt wird.

Kunststoffe und chemische Rückstände waren beim Börsenhandel mit dem alten Zeug stets die Renner. Angeboten wurden aber auch so seltsame Stoffe wie Kirschkerne oder asiatisches Menschenhaar, angeschimmelter Schnittkäse oder Eisenbahnschwellen, Chausseebäume oder Toilettensitze. Gut ein Drittel der angebotenen und nachgefragten Abfälle konnte auch vermittelt werden.

Trotz aller Erfolge sind die Experten im Berliner Umweltbundesamt überzeugt, daß die Industrie die Möglichkeiten der Abfallwirtschaft bei weitem noch nicht ausschöpft. Die Umwelt-Beamten beauftragten daher den Verein Deutscher Ingenieure (VDI), bisher unbekannte Verwertungstechnologien zu erkunden.

Die VDI-Ingenieure mußten nicht lange forschen. Bei ersten Recherchen fanden sie in den Wirtschaftsarchiven reichlich Material über die Wiederaufbereitung von Rohstoffen.

Die Unterlagen stammen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren.

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