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RENTE Wunsch statt Wirklichkeit

Die Info-Briefe der Rentenversicherung täuschen den Beitragszahlern eine Sicherheit vor, die mit der Realität wenig zu tun hat.
• aus DER SPIEGEL 34/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schreiben strahlte Seriosität aus. Bundesversicherungsanstalt für Angestellte stand auf dem Briefkopf, Abteilung Rente und Versicherung. Vor etwa einem Jahr bekam Michaela Redmann von ebenjener Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), dem größten Rentenversicherungsträger Deutschlands, zum ersten Mal eine »Renteninformation« über ihren »aktuellen Kontostand«. Knapp 100 Euro monatliche Rentenansprüche hatte sich die 30-Jährige bislang erworben, war da zu lesen. Wahrlich nicht viel. Reichlich 650 Euro monatlich bekäme sie mit 65 Jahren, vorausgesetzt, ihr Gehalt bliebe in etwa auf dem bisherigen Niveau und es käme in Zukunft zu keinerlei Rentenerhöhung. Auch diese Summe erschien ihr nicht gerade üppig.

Doch dann überraschte die BfA sie: »Ihre Rente wird aber auf Grund künftiger Rentenanpassungen tatsächlich höher ausfallen«, versprachen ihr die Experten. Bei einer jährlichen Rentenerhöhung von 1,5 Prozent kämen am Ende immerhin mehr als 1000 Euro raus, bei 3,5-prozentiger Steigerung sogar mehr als 2000 Euro. In einem anderen Beispiel rechnet die Rentenkasse einer 35-jährigen Frau bei dieser Steigerungsrate gar stolze 5614 Euro Rente aus.

Michaela Redmann wunderte sich. Hatte man ihr nicht eingebläut, die zukünftigen Renten würden mickrig ausfallen, der Lebensstandard müsste ohne zusätzliche private Vorsorge drastisch reduziert werden? Und nun prophezeite ihr die BfA ein Ruhegeld, das sogar ihr bisheriges Netto-Gehalt kräftig überstieg?

Seit Juni 2002 haben die BfA und die Landesversicherungsanstalten (LVA) rund 16 Millionen solcher Renteninformationen an ihre Versicherten geschickt. Bis Ende 2004 soll jeder der insgesamt rund 42 Millionen zukünftigen Rentner einen solchen Bescheid bekommen. Ab 2005 sogar jährlich. Die Briefe waren Teil der RiesterReform und sollten mehr Transparenz in den Rentendschungel bringen. Doch genau das Gegenteil scheint einzutreten.

»Diese Kontoauszüge helfen nicht, den Menschen Rentenrealität beizubringen«, moniert Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge. Katzenstein reibt sich vor allem an der von BfA und LVA zu Grunde gelegten Rentenerhöhung von 3,5 Prozent. »In Zeiten, in denen man Nullrunden für die Rentner diskutiert, sind 3,5 Prozent Zuwachs jährlich geradezu utopisch«, so Katzenstein. Inzwischen gibt selbst Kanzler Schröder unumwunden zu, dass die Rentner »für etliche Zeit« nicht mit Zuwächsen zu rechnen brauchten: »Die Zeit des fröhlichen Verteilens ist vorbei.«

BfA und LVA hingegen berufen sich stoisch auf geltendes Recht. »Unsere Berechnungen basieren auf den langfristigen Lohnannahmen der EU-Kommission, der Bundesregierung und der Wirtschaftsforschungsinstitute«, sagt Franz Ruland, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger. »Wir dürfen nun mal keine beliebigen Annahmen machen, sondern müssen uns an Daten orientieren, die dem Rentenversicherungsbericht der Regierung zu Grunde liegen«, steht ihm Klaus Michaelis, Direktor der BfA, zur Seite.

Doch genau hier lauert das Problem: Zwar liegen die vorausgesagten Lohnsummenzuwächse, an denen sich auch die Rentenerhöhungen orientieren, tatsächlich zwischen zwei und vier Prozent. Doch dass in Zukunft die Renten im Gleichschritt mit den Löhnen und Gehältern steigen, kann nicht einmal die BfA glauben - dafür sorgt schon die demografische Entwicklung. Die Bundesregierung will deshalb einen Nachhaltigkeitsfaktor ins Rentensystem einbauen, der die Rentenzuwächse in der Zukunft drastisch abbremst.

Auch wenn das berücksichtigt würde, sähe die BfA-Rechnung für die künftigen Rentner besser aus, als sie in Wirklichkeit sein wird: Der Hinweis darauf, dass die ausgewiesenen Zahlen nicht preisbereinigt sind, ist den Infobriefen nur am Rande zu entnehmen. In realer Kaufkraft können die zukünftigen Rentner deshalb wahrscheinlich gerade mal den Betrag erwarten, der ihnen von den Rentenkassen ohne Steigerungsraten vorgerechnet wird. Und selbst diese Summe ist fraglich. So ist eine mögliche Besteuerung der Rente noch gar nicht einkalkuliert.

Doch entsprechende Anmerkungen sind »so klein gedruckt wie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen in windigen Verträgen«, kritisiert Rürup-Kommissionsmitglied Bernd Raffelhüschen. Auf diese Weise führen BfA und LVA die alte Blümsche Weisheit nur mit anderen Mitteln fort: Keine Sorge, die Rente ist sicher. Der eigentlichen Intention, nämlich »die Planbarkeit der privaten Vorsorge zu erleichtern«, so Michaelis, läuft die bisherige Praxis zuwider.

Stattdessen wünschen sich die Kritiker der Kontoauszüge einen deutlichen Hinweis auf die tatsächliche Versorgungslücke. »Diese Berechnungen basieren auf dem Status quo«, könnte da stehen. »Gehen Sie davon aus, dass sich der heutige Anspruch real nicht erhöhen wird.« Dann »bekämen die Leute einen Riesenschrecken und würden anfangen zu sparen«, sagt Katzenstein.

Franz Ruland vom VDR hält davon jedoch wenig: »Die privaten Versicherungen machen das ja auch nicht.« JANKO TIETZ

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