Zahlenkolonne in Verruf - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Zahlenkolonne in Verruf

Holzmann, Comroad, Phenomedia - die Wirtschaftsprüfer von KMPG geraten in die Schusslinie. Wie aussagekräftig sind ihre Testate? Schon droht der nächste Fall.
Von Heiko Martens und Marcel Rosenbach
• aus DER SPIEGEL 18/2002
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Noch Anfang des Monats schien sich für den Vorstandssprecher der Wirtschaftsprüfer von KPMG Deutschland, Harald Wiedmann, alles zum Guten zu wenden: Glänzende Geschäftszahlen ließen Bilanzskandale wie beim Milliardenbetrug des schwäbischen Bohrunternehmens Flowtex oder des Baukonzerns Philipp Holzmann, in die Wiedmanns Leute verwickelt waren, für kurze Zeit in Vergessenheit geraten.

Von einem »Spitzenjahr für KPMG« konnte er schwärmen, mit einem Umsatzsprung von 25 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro und einem gewaltigen Satz an die erste Stelle der Unternehmensprüfer in Deutschland. Zweistelliges Wachstum sah Wiedmann auch für 2002 vor - und zudem eine zukunftssichernde Fusion.

»Auf sehr gutem Wege« sei die KPMG Deutschland, mit dem deutschen Teil des Konkurrenten Arthur Andersen zusammenzugehen, der sich nach der Skandalpleite des amerikanischen Energieriesen Enron selbst zur Zerschlagung freigegeben hatte. Ein Memorandum sei unterschriftsreif. Wiedmann hoffnungsfroh: »Dieser Schritt positioniert uns gut für eine erfolgreiche Tätigkeit auch in Zukunft.«

Vorige Woche war Schluss mit Visionen. In einer außerordentlichen Versammlung in Eschborn beschlossen die Andersen-Partner, KPMG die kalte Schulter zu zeigen und stattdessen mit den weltweit auf Platz vier stehenden Kollegen von Ernst & Young in Deutschland zu fusionieren. Nicht zuletzt der jüngste, besonders peinliche Prüfungs-Fauxpas der Berliner, so sehen es Insider, hätte die Stimmung bei den ebenfalls angeschlagenen Andersens umschlagen lassen.

Eine Sonderprüfung des inzwischen vom Neuen Markt verbannten Telematik-Anbieters Comroad hatte ergeben, dass schon 1998 rund 63 Prozent des Umsatzes mit einer gar nicht existenten VT Electronics Ltd. in Hongkong getürkt worden waren, im darauf folgenden Jahr bereits 86 und im Jahr 2000 sogar 97 Prozent - geprüft und für gut befunden von Wiedmanns Prüfern, die sich nun die Frage gefallen lassen müssen: Was sind ihre Testate überhaupt wert?

Nach Comroad war KPMG mit einem weiteren Aufsteiger des Neuen Marktes ins Zwielicht geraten. Gegen den Moorhuhn-Erfinder und KPMG-Kunden Phenomedia ermittelt die Bochumer Staatsanwaltschaft wegen frisierter Bilanzen. Phenomedias Vorstandschef Markus Scheer und sein Finanzvorstand Björn Denhard wurden vom Aufsichtsrat fristlos entlassen.

Ein verzweifelter Versuch der KPMG-Mannen in der vorigen Woche, den neuerlichen Imageschaden offensiv zu begrenzen, schlug kläglich fehl: Wiedmann kündigte an, alle 45 von seinem Unternehmen bereits geprüften und testierten Neue-Markt-Kunden noch einmal unter die Lupe nehmen zu wollen. Hämisch kommentierten Konkurrenten, die KPMG traue wohl ihrer eigenen Arbeit nicht mehr.

Doch die Berliner geraten nicht nur mit ihren Testaten am Neuen Markt in Verruf. Als hätte sich alles gegen das Unternehmen verschworen, spielt der Name der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft auch bei der spektakulärsten Pleite der deutschen Nachkriegsgeschichte eine Rolle: dem Insolvenzverfahren des Münchner Medienunternehmers Leo Kirch.

Schon 1998 hatte Kirch die KPMG zu seinem Bilanzprüfer bestellt. Seither wälzten die Profis die Abschlüsse aller wesentlichen Kirch-Gesellschaften und hatten somit tiefen Einblick in das schwer durchschaubare Firmengeflecht. Schulden, Werte, Kreditfälligkeiten - die Zahlenkolonne der KPMG kannte viele der vertraulichsten Daten des Kirch-Imperiums.

Noch im Frühjahr 2001 sahen die Prüfer bei der Kernfirma KirchMedia keinen Anlass zur Beunruhigung: Mit Datum vom 25. Mai testierte die KPMG in ihrem »Bestätigungsvermerk« die KirchMedia-Bilanz für das am 31. Dezember 2000 abgelaufene Geschäftsjahr uneingeschränkt: »Unsere Prüfung hat zu keinen Einwendungen geführt.«

Ein Urteil, das nach Eröffnung der vorläufigen Kirch-Insolvenz Ende März erhebliche Fragen aufwirft - zumal Wirtschaftsprüfer laut Gesetz ein uneingeschränktes Testat nur erteilen dürfen, wenn sie die Liquidität und damit den Fortbestand einer Firma für mindestens zwölf weitere Monate gesichert sehen.

Die KirchMedia musste aber bereits Anfang April zum Konkursrichter - nur knapp elf Monate nach dem Vermerk. KPMG kann sich nur auf die bei Wirtschaftsprüfern beliebte Argumentation zurückziehen, es gelte das Datum des abgelaufenen Geschäftsjahres und nicht das des Testats - eine Auffassung, die in der Fachliteratur und der Branche umstritten ist.

»Zumindest ungewöhnlich« nennt das Kirch-Urteil Claus-Peter Weber, Professor für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlands in Saarbrücken. »Schon die im Geschäftsbericht veröffentlichten Zahlen«, so Weber, »zeigen doch, dass Kirch- Media auf eine erhebliche Liquiditätsenge zumarschierte - darauf wird nicht hingewiesen«. HEIKO MARTENS, MARCEL ROSENBACH

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