ZDF: "Weder frisch noch frech" - DER SPIEGEL
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ZDF "Weder frisch noch frech"

Zu viele Moderatoren, zu wenig Leidenschaft ­ eine internes Papier des ZDF zeigt dessen journalistische Mängel auf. Mit Reformen und neuen Magazinen will Chefredakteur Brender gegensteuern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Abends geht es beim ZDF in Mainz manchmal richtig lustig zu. Die Leute im Sendezentrum auf dem Lerchenberg kommen dann auf tolle Ideen, etwa das "Sockenrennen".

Erst neulich trat Nikolaus Brender, 52, einen solchen Wettstreit an: Der Journalist rannte im Untergeschoss des Redaktionsgebäudes ohne Schuhe vor amüsiertem Publikum gegen den Chef vom Dienst des Polit-Magazins "Frontal 21".

Dabei genoss der Chefredakteur den Triumph, nach 100 Metern gleichauf mit dem 15 Jahre jüngeren Kollegen im Ziel angekommen zu sein.

Die fidele Stimmung passt zu dem Gefühl, das der vor rund einem Jahr zum ZDF gestoßene Fernsehmann Brender vermitteln will: Alles geht, Dynamik erwünscht, Ideen willkommen, auch solche, die unkonventionell anmuten. Mit einem Konzept der behutsamen Erneuerung will Brender das zweite deutsche TV-Programm als führenden Informationsanbieter profilieren und so auch die Modernisierung der gesamten, 1961 gegründeten Sendeanstalt voranbringen.

Eine Info-Offensive mit neuen Moderatoren ("heute-journal") und neuen Formaten ("ZDF.Reporter") soll helfen, dem Sender jüngere Zuschauer zuzuführen.

Das Problem der Mainzer ist nicht erst seit gestern bekannt: angestaubte Programme, ein Seniorenimage, wenig erfolgreiche Neuerungen, zögerliche Reaktionen ­ und ein leicht provinzieller Touch.

Quotenbringer sind die Ausnahme

Bei der Unterhaltung leben die Mainzelmännchen von der 20 Jahre alten Gottschalk-Gameshow "Wetten, dass ...?" Fast jeder zweite Haushalt, der fernsieht, guckt den Wettspielen zu. Weitere Quotenbringer wie die "Johannes B. Kerner Show" sind eher die Ausnahme. Auch ein Versuch mit Comedys geriet ins Stocken, Blödelexperte Marco Rima musste vorzeitig aufgeben. Spätestens Ende des Jahres hört Unterhaltungschef Viktor Worms auf.

Sogar das jahrelang erfolgreiche ZDF-Fernsehspiel ist in die Bredouille geraten. RTL-Moderator Günther Jauch raubt mit dem Quiz "Wer wird Millionär?" seit Monaten wertvolle Marktanteile. Längst gehört der Montagabend ­ einst eine ZDF-Domäne ­ nicht mehr den Mainzern.

Der Plan des Intendanten Dieter Stolte, 66, mit dem Zweiten mal Erster im Fernsehmarkt zu werden, hat derzeit wenig Chancen. Im Jahr 2000 landete das ZDF wieder auf einem respektablen dritten Platz. In der "Primetime", der besten Sendezeit am Abend, schlägt sich der Sender mit einem anspruchsvollen Programm zwar weiterhin besser als andere, aber auch hier bröckelte der Marktanteil leicht um 0,5 Prozentpunkte.

Der Wettbewerb drehe sich nicht allein um Sportrechte oder Quizformate, sagt Stolte über den TV-Markt, sondern auch um das "umfassendste, glaubwürdigste und kompetenteste Informationsprogramm".

Chefredakteur Brender als Supermann

Wie ein Wundermann war da Einsteiger Brender erwartet worden. Der gelernte Jurist hatte beim WDR-Fernsehen für steigende Quoten gesorgt. Das gefiel der SPD, die im öffentlich-rechtlichen Proporzsender ZDF eine Art Vorschlagsrecht für den Chefredakteur hat ­ als Gegengewicht zum unionsnahen Intendanten und dessen zahlreichen Vertrauten.

In Mainz blieb Brender zunächst unauffällig. Der Ex-ARD-Mann setzte auf Wühlarbeit von innen ­ und stieß im Juni 2000 einen 14-köpfigen "Innovationskreis" an. Die regelmäßig tagende Runde sollte, so die Vorgabe, "ohne Selbstbeschränkung" die Programmqualität erörtern. Das bisherige Resultat: eine für ZDF-Verhältnisse ungewohnt kritische Analyse. Schonungslos listet ein internes Protokoll, das dem SPIEGEL vorliegt, die Hauptdefizite des Senders auf.

Als ersten Punkt nennt das vertrauliche Papier vom November 2000 eine "fehlende Profilierung über Köpfe". Beim ZDF habe der Zuschauer "die Qual der Wahl", heißt es ­ "zu viele Köpfe, zu viele Moderatoren" führten durchs Programm. Bis zu 25 Leute präsentieren demnach einen Tag, bis zu vier Moderatoren eine wöchentliche Sendung. Klare Forderung der Reformerrunde: ein Gesicht für eine Sendung.

Auch sollte die Ansprache, so die Autoren, "emotionaler und humoriger" sein, vermisst würden "Leidenschaft und die Freude daran, die eigene Sendung zu verkaufen". Der Rat: "Es bedarf dringend eines Coachings der Moderatoren sowie eines professionellen Stylings."

ZDF-Sendungen ohne Profil

Als Nächstes nahmen sich die Mitglieder des Innovationskreises die "fehlende Profilierung" einiger ZDF-Sendungen vor: Die Anmutung etlicher Programme sei "weder frisch noch frech", fanden sie. Ein großes Problem sei, dass sich mehrere Formate einen Programmplatz teilen. Und: "Eine Formatpflege wird insofern vernachlässigt, als Sendermarken zu häufig ausfallen oder gekürzt werden."

Das traf erst jüngst ausgerechnet das neue Magazin "Reporter": Es entfiel zunächst wegen Fußball, dann auf Grund der Karneval-Sondersendungen und wurde zuletzt wegen der fünfteiligen Serie "Ein unmöglicher Mann" ausgesetzt.

Mit den einzelnen Beiträgen in Nachrichten und Magazinen zeigte sich Brenders Sondertruppe ebenfalls unzufrieden. Durch die wachsende Zahl aktueller Sendungen wie "heute ­ in ­ Europa" oder "heute in Deutschland" gäbe es "negative Folgen" für die Qualität, erklären die ZDF-Experten: "Für ein herausragendes, unverwechselbares Programm bedarf es erkennbarer Handschriften von Autoren und Moderatoren." Ihre Lösung: "Intensive Fortbildung und Reporterseminare".

Und schließlich kritisierte der Brender-Kreis in einem vierten Hauptpunkt noch, dass es bei vielen Sendungen "eine nicht zeitgemäße Studiogestaltung" gäbe. Das Design, so der Befund, sei unmodern.

Das Ergebnis der Debatten im Innovationskreis wurde im November den Hauptredaktionsleitern des ZDF vorgestellt. Über die Chancen einer schnellen Reform des Senders gingen die Meinungen stark auseinander.

Wenig Verständnis für ein freches Programm

Laut Protokoll plädierte Ex-"Frontal"-Mann Ulrich Kienzle dafür, "mehr Mut zu haben, die notwendigen Grausamkeiten zu begehen". Kollege Bodo Hauser, demnächst Chef des Dokumentationskanals Phoenix, sowie ZDF-Wirtschaftschef Michael Jungblut dagegen hielten es für "ausgeschlossen", dass sich die Forderung nach frechem Programm umsetzen lasse. Ihre Begründung: Das Verständnis dafür sei "im Hause nicht vorhanden".

Chefredakteur Brender will jetzt Tempo machen. In einer Januarsitzung referierte er den Plan, in seinem Bereich "alle Moderatoren nach und nach von der Medienforschung testen zu lassen". Die Ergebnisse sollten Grundlage "für eine Diskussion über die Reduzierung der Moderatorenzahl" sein, heißt es im Protokoll, die derzeitige Vielzahl "erschwere eine Profilbildung".

Die Vorschläge des Innovationskreises seien "in Arbeit", sagt Brender zum SPIEGEL. Bei Sendungen wie "Hallo Deutschland" oder "Mittagsmagazin" gebe es nur noch zwei feste Moderatoren. Falls erforderlich, würden alle neuen Bildschirmkräfte getestet, "einem Mann wie Wolf von Lojewski aber muss man nichts mehr beibringen". Der Anchorman von "heute-journal" gilt als mit Abstand stärkste journalistische Kraft des ZDF.

Mit seiner Bilanz ist Brender zufrieden: "Was ich mir vorgenommen habe, konnte ich durchsetzen." Seine Diagnose: "Das ZDF ist der führende Informationssender." Allerdings zeigt nur "Berlin Mitte" mit Talkfrau Maybrit Illner ansteigende Quoten-Form.

Weiter Weg in die Königsklasse

Zur entscheidenden Bewährungsprobe des Reformers Brender werden die neuen ZDF-Magazine. Damit will er die Abkehr von früheren Tendenzsendungen schaffen, die noch eindeutig als "links" oder "rechts" einzustufen waren.

So soll vom 3. April an das Polit-Magazin "Frontal 21" in der Tradition von "Panorama" oder "Monitor" den Mächtigen auf die Finger sehen ­ mit ausführlichen Berichten, Porträts, Glossen und sogar Kommentaren. Redaktionschef Claus Richter: "Ein politisches Magazin in Reinkultur, ohne Mätzchen und Boulevard." Brenders Quotenvorgabe: stolze 12 bis 13 Prozent.

Ausgerechnet das neue Reportagemagazin aber, mit dem Moderator Steffen Seibert auf die 30- bis 40-Jährigen zielt, hat die richtige Form noch nicht gefunden. Bei "Reporter" stolpern die ZDF-Journalisten zuweilen unbeholfen als Frager durchs Bild, manche interviewlastigen Beiträge haben mit Reportagen wenig zu tun, auch die Quoten blieben bisher hinter den Erwartungen zurück: Mit durchschnittlich 8,7 Prozent haben die sieben Sendungen das gesteckte Zehn-Prozent-Ziel verfehlt. Es sei noch "ein weiter Weg bis in die Königsklasse", kommentiert die "FAZ".

"Da muss noch dran gearbeitet werden", sagt auch Chefredakteur Brender, "das Reportageformat ist noch nicht eingelöst." Das sei nun mal das "schwierigste Genre", aber die Redaktion bekomme "die Zeit, die sie benötigt".

Ganz flott wird das äußere Erscheinungsbild erst mal poliert. Das Design soll in Kürze mit einem modischen Orange aufgepeppt werden ­ der neuen Hausfarbe des ZDF.

HANS-JÜRGEN JAKOBS