UNTERNEHMEN Zeit der Mäuseködler
Walter Cipa, Chef des siechen AEG-KonZerns, sorgte sich im eigenen Hause um seine Sicherheit: Zum Treffen mit einem Mitarbeiter der AEG-Konzerntochter AEG-Kanis GmbH in der Essener Kruppstraße brachte Cipa seine Leibwächter mit.
Derart gut gewappnet, eröffnete der AEG-Boß dem Betriebsratschef Hans Fchr, daß die Produktion der Gasturbinen-Firma eingestellt werden soll. 1300 Kanis-Werker werden überflüssig; mit den Jobs in Zulieferfirmen dürften rund 2000 Arbeitsplätze verlorengehen.
Cipas Verdikt bedeutete das Aus für eine Firma, die bis vor zwei Jahren noch stattliche Gewinne erwirtschaftete. Nun aber, so Cipas Begründung für den Produktionsstopp, balgten sich weltweit zu viele Wettbewerber um immer knappere Aufträge.
Cipas Pessimismus überraschte die Branche. Konkurrent Siemens etwa schätzt den Markt ganz anders ein: Die Münchner steckten gerade 50 Millionen Mark in den Turbinenbau der hauseigenen Kraftwerk Union.
Die wahre Ursache der Malaise bei AEG-Kanis liegt denn auch nicht bei anonymen Marktmächten. Vielmehr scheiterte AEG-Chef Walter Cipa mit seiner Turbinenfabrik, weil er binnen kurzem das gesamte Top-Management des Unternehmens verscheuchte. Vor allem Cipas unberechenbarer und autoritärer Führungsstil, in Managerkreisen als wesentlicher Grund für die anhaltende AEG-Misere angeführt, brachte die Essener Firma auf Null.
Das Unheil begann, als Cipa 1977 den Kanis-Entwicklungschef Ferdinand Möller vorzeitig in Pension schickte. »Von da an«, erinnert ein Kanis-Mann, »wurde nicht mehr entwickelt, sondern nur noch umgezeichnet.«
Wenige Monate später ging der nächste Kanis-Spitzenmanager. Finanzchef Rolf Bürger hatte sich den Unwillen des AEG-Chefs zugezogen, als er 20 Millionen Mark in ein vielversprechendes Brasilien-Projekt steckte. Cipa mutmaßte, der Finanzmann müsse »wohl stinkbesoffen« gewesen sein.
Im September 1978 schließlich entledigte sich Cipa auch noch des Kanis-Vertriebschefs Max Nowag, der in der AEG-Zentrale durch seine unkonventionellen Praktiken aufgefallen war.
Zwar handelte Nowag einen sowjetischen Rekord-Auftrag über 123 Turbinen (Auftragswert: 1,8 Milliarden Mark) ein. Aber zum Mißfallen seiner Oberen scheute der Vertriebsmann wohlvertraut mit der russischen Seele -- vor gelegentlichen Wodka-Treffen mit seinen Kunden nicht zurück.
Zudem nutzte Nowag seine Ost-Kontakte zum Einkauf von jugoslawischen Generatoren, die von den Essener Kanis-Werken dann in die Turbinen montiert wurden. Die Eigenmächtigkeit störte die Konzernführung. Nach deren Plan sollten die Geräte vom Berliner AEG-Werk geliefert werden, freilich beträchtlich teurer. Vergangenen September schließlich bot sich Cipa die Gelegenheit, den erfolgreichen, aber unbotmäßigen Verkäufer loszuwerden. Um einen algerischen Auftrag überzuholen, hatte Nowag das Angebot der Konkurrenz unterboten: Statt der von Cipa festgesetzten 6,1 Millionen Mark pro Turbine offerierte Nowag die Maschinen für 5,9 Millionen Mark. Erbost feuerte Cipa den Verkäufer fristlos. Inzwischen liefert AEG-Kanis das Gerät zum Vorzugspreis von 3,5 Millionen Mark an.
Nach dem Abgang des Führungstrios begann in Essen, so erinnert sich der ehemalige Betriebsratchef Robert Malone, »die Zeit der Mäuseködler und Erbsenzähler«.
Cipa heuerte den Ingenieur Volker Rösch als neuen Kanis-Chef an. Und der entpuppte sich nach Ansicht eines ehemaligen Kanis-Manns »mehr als Auftragsabwehrer, der in 18 Monaten keinen Kunden besuchte«.
Dazu fehlte dem neuen Mann wohl auch die Zeit. Denn an kurzer Leine der AEG-Zentrale verfaßte Rösch immer neue Berichte über die Lage und war »mehr in Frankfurt zum Rapport«, so ein Kanis-Manager, »als hier«.
Unter Führungsmangel litt auch die Entwicklungsabteilung der Turbinen-Bauer: Cipa ließ den Chefposten unbesetzt. Der Nachfolger für den geschaßten Verkäufer Nowag, aus der Londoner Filiale, bat schon nach einem halben Jahr um seine Versetzung.
Unter der strammen Verwaltung der AEG-Zentrale -- selbst die Geschäftsführer mußten sich Auslandsreisen genehmigen lassen -- erlahmte auch der Eifer in der Kanis-Etappe. »Die Verkäufer schrieben Berichte für die Bürokraten«, erzählt ein Kanis-Mann, »statt rauszufahren.«
Als die Kanis-Katastrophe offenkundig wurde, handelte Cipa allerdings sehr unbürokratisch. Ohne Rücksicht auf das Betriebsverfassungsgesetz, das eine »rechtzeitige und umfassende« Information des Betriebsrats verlangt, überrumpelte der AEG-Boß die Betriebsräte mit dem Stillegungsbeschluß.
Ein ehemaliger Kanis-Top-Manager erklärt den Führungsstil seines Ex-Chefs mit zwei Silben: »Krankhaft.«