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ÖLKONZERNE Zeit ist Geld

Die Ölgesellschaften erzielen Rekordgewinne im Geschäft mit Schmierölen. Durch den Aufbau gespaltener Märkte wollen sie die hohen Preise ihrer Markenware so lange wie möglich verteidigen.
• aus DER SPIEGEL 36/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Zentralverband des Kraftfahrzeuggewerbes und die Schmiermittelfirma Veedol entdeckten unlängst gemeinsame Interessen.

Über eine Werbekampagne in Radio, Fernsehen und Publikumszeitschriften versuchten die beiden, den knausrigen deutschen Autofahrer wieder zurück in die kostspielige Vertragswerkstatt zu holen und ihn überdies zum Kauf des teuren »Leichtlaufschmierstoffs Veedol Synthron« zu animieren.

Allerdings - Veedol, »dieser einzige Motorenölhersteller, der der Fachwerkstatt konsequent die Treue hält« (Rundschreiben des Kraftfahrzeuggewerbeverbandes an seine Mitglieder), zahlte die Neun-Millionen-Rechnung der Werbeaktion allein. Und das hatte seinen Grund.

Heftiger denn je nämlich ist der Preiskrieg um Schmieröle entbrannt, und rigoroser denn je arbeiten die Ölverkäufer mit Tricks, um den Anteil teurer Schmieröle so hoch wie möglich zu halten. Denn bei ihnen kassieren die Ölkonzerne Gewinnmargen von gelegentlich mehreren 100 Prozent.

»Wir wissen, daß das gegenwärtige Preisniveau bei unseren hochwertigen Motorenölen nur noch für eine begrenzte Zeit gehalten werden kann«, begründete unlängst der Vorstand eines renommierten Ölkonzerns auf einer Tagung die Vorgänge am Markt, »es ist aber unsere Aufgabe, diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuschieben.«

Gegenwärtig zahlen Autofahrer, die bei der Vertragswerkstatt das Motorenöl wechseln lassen, rund 13 Mark für den Liter Öl. Lassen sie sich auf den Erwerb sogenannter Leichtlauföle ein, die der Mobil-Werbung zufolge den Spritverbrauch um 3,5 bis 4,2 Prozent senken sollen, müssen sie sogar zwischen 14 und 16 Mark auf den Tisch legen. Die Herstellungskosten der Öle liegen oft unter zwei Mark, der Abgabepreis an die Händler im Bereich von sieben Mark.

Der Ölwechsel selbst bei kleinen Motoren kostet dadurch meistens schon um die 50 Mark, bei großvolumigen leicht einmal das Doppelte. In Großbritannien dagegen kosten hochwertige Markenöle ungefähr die Hälfte, nämlich acht Mark - trotz des für Umrechnungen solcher Art ungünstigen Wechselkurses der britischen zur deutschen Währung. Verdient aber wird auch dort.

Mit Importölen aus Großbritannien haben denn auch Supermärkte und S.56 Kaufhäuser vor Jahren schon Konkurrenzangebote gegen die teuren deutschen Schmieröle aufgebaut. Noch 1975 sind nur 16 Prozent der in Deutschland verkauften Schmieröle über diesen dritten Vertriebsweg geliefert worden, 1981 waren es 21 Prozent, und 1985 sollen es nach einer Studie der Deutschen Shell AG 35 Prozent sein. Außer Konkurrenz laufen Schmieröleinkäufe in Dänemark, die privat im kleinen Grenzverkehr stattfinden.

Daß die halb so teuren Öle trotz gleicher Qualität nur langsam an Marktanteilen gewinnen, liegt an speziellen Käuferhemmungen. Denn für den Ölwechsel standen dem Autofahrer meist nur Vertragswerkstätten und Tankstellen zur Verfügung, die beide vorwiegend teure Ölsorten anbieten mußten. Kundschaft, die bei Inspektionen ihr eigenes Öl zum Wechsel mitbrachte, wurde oft nicht bedient.

Billiges Öl ohne Ölwechsel nachzufüllen, trauten sich viele Autofahrer auch gar nicht, weil vom Kraftfahrzeughandwerk erfolgreich die Parole verbreitet wurde, es müsse stets das gleiche Öl nachgefüllt werden, das im Motor schon immer arbeitete.

Erst seit viele Tankstellen Selbstbedienungsanlagen zum Ölwechsel einrichteten, wurde die Kundschaft mutiger. Von diesem Zeitpunkt an aber begannen auch die Ölkonzerne, ihre teuren Sorten in schlichterer Verpackung zum halben Preis anzubieten.

So verkaufen einige der großen Treibstoffgesellschaften an ihren Zapfsäulen sogenannte SB-Markenöle, die zwischen fünf und 5,50 Mark kosten. Als einzige unter den großen Benzingesellschaften bietet überdies die Deutsche Shell ihre Autoschmierstoffe im Einzelhandel auch noch unter dem Handelsnamen »Mac« an.

Über den freien Handel müssen auch jene Ölgesellschaften ihre Produkte absetzen, die in der Bundesrepublik kein eigenes Tankstellennetz besitzen. Zu ihnen gehören vor allem die Mobil Oil, Tochter des drittgrößten Ölkonzerns der Welt, und die britische Burmah Oil, die in Deutschland unter den Marken Veedol und Castrol tief im Schmiermittelgeschäft steckt.

Die Burmah-Oil-Tochter Deutsche Castrol-Vertriebs GmbH verkauft gegenwärtig 13 000 Tonnen Schmierstoffe - knapp sieben Prozent des gesamten Schmiermittelabsatzes in Deutschland - über den billigen dritten Vertriebsweg der Supermärkte und Kaufhäuser. Die Schwester Veedol dagegen vertreibt Burmah Oil zu Höchstpreisen über den Fachhandel.

Mobil Oil verbündete sich mit der Grossisten-Vertriebskette Metro, bei der Gewerbetreibende und deren Freunde mit speziellen Ausweisen billig Großeinkäufe an Konsumgütern tätigen. Der im Fachhandel für 11,75 Mark je Liter erhältliche S.57 Schmierstoff »Mobil Super Formula 1« - mit der Viskosität 15 W-40 und der höchsten internationalen Qualitätsnorm API-SF - ist bei Metro als »Mobil Super« für nur wenig über vier Mark zu haben.

Über die Metro-Kette werden gegenwärtig 2500 Tonnen Schmieröl verkauft, fast 1,5 Prozent des gesamten Schmiermittelabsatzes. Bei anderen Händlern setzt Mobil Oil seine Produkte unter den Handelsmarken Expert Super, Karstadt HD, Jet, Techno HD und Rotring ab.

Techno HD wird vorwiegend an den Einkaufsverband Techno geliefert, der etwa hundert große Autohändler versorgt, darunter sämtliche VW-Vertriebszentren. Als Rotring findet Mobil-Schmieröl seinen Weg in die Niederlassungen der Daimler-Benz AG. Bei vorübergehender Marktschwemme verkauft Mobil sein Rotring-Öl auch an freie Autohändler. Sie zahlten dafür gelegentlich nur 2,20 Mark je Liter und haben es regelmäßig für mehr als elf Mark verkauft: ein Händlergewinn von 400 Prozent.

Fast sämtliche Fahrzeug-Fabriken beziehen von den Ölkonzernen inzwischen billiges Qualitätsöl. Einige bauten sich daraus sogar eigene Handelsmarken auf. Ford-Händler gießen Fomoco-Öl in die Motoren, Opel zog mit Opel-Öl nach, Fiat mit Oliofiat, und für BMW kauft die konzerneigene Handels- und Werkstätten Bedarf (HWB) Billigöl ein. Denn das von den Autofirmen in eigener Regie vertriebene Öl gilt dort, um alle Zweifelsfragen zu klären, als »Ersatzteil«.

Währenddessen müssen Vertragshändler der Ölmultis und Tankstellen, die über langfristige Lieferabkommen an die großen Ölgesellschaften gekettet sind, ihre Ware zu Listenpreisen zwischen 7,30 und acht Mark einkaufen. Weil in den Verträgen überdies noch Mindest-Kontingente festgesetzt sind, können viele Händler zusätzliches billigeres Schmieröl kaum noch verkaufen.

Sie sollen das auch gar nicht. Ganz im Gegenteil versuchen die Ölgesellschaften ihre Vertragshändler zum Verkauf noch weit teurerer Öle zu überreden, die - wie das Veedol Synthron - um die 16 Mark je Liter kosten und als »Leichtlauföl« den Eindruck erwecken sollen, daß die damit gefüllten Motoren leichter laufen, folglich weniger Benzin verbrauchen würden.

Neben Veedol und Mobil bieten inzwischen auch alle anderen die teuren Leichtlauföle an: BP Strato, Shell TMO und Ekofina von Fina sind zu Preisen zwischen 13 und 15 Mark je Liter zu haben.

Am teuersten verkaufen mithin die großen Konzerne. Weil sie nebenher mit eigenem Billigöl gegen freie Importeure antraten, konnten sie den Billigmarkt bislang unter Kontrolle halten und seinen Anteil am Gesamtmarkt wohltuend begrenzen: S.58

Von den gegenwärtig verkauften 190 000 Tonnen Schmieröl - Jahresumsatz: 2,2 Milliarden Mark - gehen immer noch 150 000 Tonnen zu Apothekerpreisen, also mit mehreren hundert Prozent Gewinn, an die Kundschaft weg. Aber auch aus den 40 000 Tonnen Billigöl, das es zu weniger als dem halben Preis gibt, holen die Konzerne noch reichlichen Gewinn.

Nirgends, selbst bei den deutschen Öl- und Gasquellen nicht, ist die Bonanza so groß wie beim Büchsengeschäft mit Schmieröl: »There is no business«, so ein alter Branchenspruch, »like oil business.«

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