BIER Zeitgeist in Flaschen
Sonnabends immer gegen elf Uhr setzt sich der Brauereibesitzer Karl-Friedrich Hintz, 54, aus Marne im holsteinischen Dithmarschen an die Hammondorgel. Er spielt und singt seinen Gästen, Besucher-Gruppen der Brauerei Karl Hintz, wenige Meter von der laufenden Abfüllanlage entfernt, nördliche Weisen vor: »Wi sind ut Schleswig-Holstein, uns könt se all am Mors klein.« Dazu gibt es Dithmarscher Pilsener aus der Bügelflasche, es geht plattdeutsch zu und hoch her.
Die Flasche mit dem altertümlichen Porzellanverschluß (Hintz-Slogan: »Beugelbuddelbeer") hat dem kleinen Brauhaus an der Westküste Glück gebracht.
Bis Ende 1983 hatte Karl-Friedrich Hintz sein Bier in der üblichen Kronenkorkenflasche verkauft. Der Jahresausstoß von 12000 Hektoliter entsprach dem Geschäftsumfang einer kleinen Regionalbrauerei.
Seit Hintz aber daranging, sein Dithmarscher Pilsener außer im Faß nur noch in Bügelflaschen anzubieten, stieg der Absatz binnen vier Jahren auf nahezu die sechsfache Menge: 45000 Hektoliter waren es schon 1986. Und in dieser Saison wird Hintz seinen Ausstoß auf 70000 Hektoliter steigern. Dithmarscher Pilsener gibt es heute nicht nur in Holstein, sondern ebenso in Hamburg und Niedersachsen. Nachfragen von hessischen Getränke-Großhändlern kann Hintz nicht nachkommen, weil seine Brauerei derzeit zu klein ist.
In dem seit Jahren stagnierenden deutschen Biermarkt - der Verbrauch von 146 Litern je Kopf und Jahr läßt sich offenbar beim besten Willen nicht mehr steigern - machen Hintz und andere Familienbrauereien mit der kleinen dicken Flasche und dem Gummiring unter dem Porzellankopf Furore. Im kieselharten Wettbewerb, bei dem die Gewinne des einen nur noch die Verluste des anderen sind, zählen die Brauer mit dem Bügel ausnahmslos zu den Siegern.
Mitte der sechziger Jahre war die bis dahin allgemein übliche Flasche mit dem Porzellanverschluß nach und nach vom Markt verschwunden. Sie galt als unhygienisch, weil am Gummiring allerlei, wenn auch harmlose Mikroorganismen gediehen. Vor allem aber war sie der Getränkeindustrie im Vergleich zur Kronenkorkenflasche zu teuer, denn die Flasche mit dem Bügel kostet 70, die andere dagegen nur 20 Pfennig. Selbst bei einem erhöhten Flaschenpfand von 30 Pfennig (statt der sonst üblichen 15 Pfennig) macht der Fabrikant mit jeder verlorenen Bügelflasche 40 Pfennig Verlust. Zudem gestattet der komplizierte Verschluß eine vergleichsweise geringe Abfüllmenge je Stunde, die etwa nur die Hälfte des Standards beim Kronenkorkenverschluß erreicht.
Lediglich ein deutsches Unternehmen, die Flensburger Brauereien Emil Petersen & Co. KG, behielt damals die Bügelflasche bei. Freilich geschah das nicht in weiser Voraussicht, sondern »aus Sturheit«, so der Geschäftsführer Hans Dethleffsen. Emil Petersen weigerte sich einfach, dem technischen Fortschritt zu folgen, denn er mochte die neumodische Kronenkorkenflasche nicht leiden.
Gleichwohl legte der ökonomisch schwerlich vertretbare Beharrungssinn des Flensburger Brauers die Grundlagen für den späteren Bügelboom. Der um sich greifenden Nostalgie und dem wachsenden biogrünen Bewußtsein kam der altväterliche Verschluß entgegen. Der Widerstand gegen Einwegflaschen und Dosen verlieh der Bügelflasche, die wegen des hohen Pfandbetrags nicht weggeworfen wird, ein umweltfreundliches Image.
Schließlich vermittelt das Gefäß in der endlosen Paletten-Welt uniformer Verpackungen den Eindruck von Originalität und Qualität. Hans Dethleffsen: »Der Zeitgeist holte die Flasche ein, das war weder unsere Schuld noch unser Verdienst.« Eine Flasche »Flens« wurde in der Szene zum festen Begriff.
In diesem Jahr erzielt die Flensburger Brauerei einen Absatz von über 500000 Hektolitern. Das ist gut viermal mehr als 1974. Damit sind die Flensburger, mit einem Faßbieranteil von nur 20 Prozent, bundesweit der mit Abstand größte Anbieter des Bügelbieres.
Der Erfolg verlockte andere, zunächst kleine Brauereien, den produktionstechnischen Rückschritt der Flensburger nachzuahmen. Friedrich Strate, Inhaber der Detmolder Privatbrauerei Heinrich Strate, füllt seit 1979 sein Detmolder Pilsener ("echt handgebraut") in Bügelflaschen ab. Das Produkt schlug in Ostwestfalen »wie eine Bombe ein« (Strate).
Der Ausstoß wuchs seither von 15000 auf 70000 Hektoliter.
Touristen aus Holzminden und Umgebung, die im Urlaub an der Küste Flensburger Bügelbier kennengelernt hatten drängten die heimische Brauerei Allersheim so lange, bis sich das Unternehmen 1979 entschloß, einen Teil seiner Produktion auf Bügelflaschen umzustellen. In diesem Jahr setzt Allersheim 10000 Hektoliter der Marke Bügel-Pils in einer langhalsigen Flasche ab.
Gerd Borges, Inhaber der Firma Seilerbräu im Allgäuer Marktoberdorf, startete 1980 mit der Biermarke Altenmünster in einer besonders aufwendigen Halbliter-Bügelflasche, von der er in diesem Jahr - als einziger bundesweiter Anbieter - 300000 Hektoliter absetzt. Borges klagt unter der Bürde des Erfolgs: »Insgesamt habe ich wohl an die 30 Millionen Flaschen verloren«, bei 85 Pfennig Herstellungspreis und 30 Pfennig Pfand sind das immerhin über 15 Millionen Mark.
Derartige Verluste sind nur deshalb nicht tödlich, weil die Bügelbrauer bislang durchweg auf Biere hoher Qualität setzten und überdies mit Hilfe der Flasche dem hartgesottenen Preiswettbewerb in Super- und Abholmärkten aus dem Weg gehen konnten. Das Bier kostet für alle Großhändler und Einkäufer gleich viel, einerlei wieviel sie abnehmen. Regalmieten, die viele große Brauereien für ihre Marken entrichten müssen, um in Supermärkten Fuß zu fassen, entfallen für die Flensburger und ihre Nachahmer.
Braumeister Hintz aus Marne: »Der Getränkefachgroßhandel nimmt die Bügelflaschen gern, weil er daran verdient. Bei vielen Produkten großer Brauereien aber verdient er doch nur noch an dem Kasten, den er nicht verkauft.«
Während viele Markenbiere auf Abholmärkten zwischen zwölf und 13 Mark je Eurokasten mit 24 Flaschen Inhalt in Ramschpreis-Nähe notieren, zahlen die Käufer von Bügelbier für den Kasten durchweg zwischen 16 und 20 Mark. Die Privatbrauerei Ernst Barre im westfälischen Lübbeke berechnet den Abnehmern ihres Pilseners im Bügel denselben Preis wie den Käufern des gleichen Bieres in der herkömmlichen Flasche obwohl der Bügelkasten vier Flaschen weniger enthält.
Der anhaltende Erfolg des altertümlichen Verschlusses löste bei der Großbrauerei Holsten (Jahresausstoß 3,5 Millionen Hektoliter) in Hamburg Abwehrreaktionen aus. Mit der neuentwickelten Marke Lüneburger Pilsener bringt Holsten in dieser Woche erstmals seit 1963 und als erste Großbrauerei wieder eine Bügelflasche heraus, um verlorenes Terrain im attraktiven Qualitätsbiermarkt zurückzuholen.
Der Holsten-Brauerei folgt in dieser Woche die Gilde-Brauerei in Hannover mit ihrem Gilde Pilsener in der Bügelflasche und dem Slogan: »Gilde Pilsener läßt die Flaschen knallen.«
Welchen Eindruck die kleinen Brauer auf die großen gemacht haben, zeigt die Auswahl der Flaschen. Gilde wählte die langhalsige Flasche der Brauerei Allersheim, die Holsten-Flasche sieht bis hin zur blauen Farbe des Siegels auf dem Porzellankopf der Flensburger zum Verwechseln ähnlich.