Öl-Politik Zement für die Wüste
Omar el-Sakkaf, Außenminister des saudiarabischen Königs Feisal, hielt sich nicht mit orientalischen Höflichkeiten auf. Im königlichen Gästehaus zu Riad, der Hauptstadt von Saudi-Arabien, belehrte der Araber vergangenen Mittwoch Bonns Wirtschaftsminister Hans Friderichs unverblümt: »Einige Freunde in Europa gewähren uns ihre Unterstützung nicht mit der gleichen Intensität wie andere Staaten. Der Standpunkt der Freunde muß klar sein.
Unmißverständlich ließ der Saudi den Gast wissen, daß mit sicherem Öl-Nachschub aus dem Wüstenstaat nur zu rechnen sei, wenn Bonn im Nahost-Konflikt -- ähnlich den Franzosen
auf harten anti-israelischen Kurs gehe. Sakkaf: »Wenn der Versuch, eine politische Verständigung zu erreichen, mißlingt, ist es schwierig, zu wirtschaftlicher Kooperation zu kommen. Deutschland weiß, welchen Weg es einschlagen muß.«
Um den rechten Weg zu markieren, hatten die Bonner, die den größten Teil des importierten Erdöls aus dem nahöstlichen Königreich beziehen, Anfang letzter Woche Wirtschaftsminister Friderichs als Pfadfinder in die Wüste geschickt. In seiner Begleitung flogen 17 westdeutsche Industrielle mit in den Orient, die sich über die von König Feisal auch erwünschte Wirtschaftskooperation informieren wollten. Für die Expedition hatte Friderichs bei der zum Horten-Konzern gehörenden Chartergesellschaft »Seestern« eine Düsenmaschine vom Typ BAC 1-11 gemietet. Charterpreis: 67 000 Mark.
Der Jet transportierte eine »ungewöhnlich hochkarätige Delegation« (ein Friderichs-Beamter) -- darunter die Stahlgewaltigen Dieter Spethmann von Thyssen und Willy Korf von der Korf Stahl-AG, Rudolf von Benningsen-Foerder vom Petro-Konzern Veba und Christian Peter Henle vom Maschinenbau-Unternehmen Klöckner.
Die Reise der Manager-Elite war seit langem geplant. »Industrialisieren Sie Saudi-Arabien. Dann geben wir Ihnen soviel Öl, wie Sie brauchen«, hatte der saudische Ölminister Achmed el-Jamani schon vor knapp einem Jahr, während der Energiekrise, in einem SPIEGEL-Gespräch verkündet.
Doch die Deutschen ließen sich Zeit. Sie kamen als 31. Delegation seit dem arabischen Öl-Boykott. Von Abgesandten aus nahezu allen Industriestaaten war König Feisal, der über die reichsten Erdölvorkommen der Welt gebietet, inzwischen mit Kooperationsvorschlägen eingedeckt worden. Friderichs-Regierungsdirektor Karl Otto Henze: »Wir stehen am Schwanz der Klinkenputzer da.«
Doch die Zurückhaltung der Westdeutschen -- Friderichs: »Wir kamen nicht unter wirtschaftlichem Druck« -- hatte die Petroleum-Potentaten keineswegs verstimmt.
Die offenbar auf deutsche Technik erpichten Araber gaben zu erkennen, daß sie sich von einem westdeutschen Unternehmen -- wahrscheinlich von Thyssen oder Korf -- mit Kapitalbeteiligung aus der Bundesrepublik möglichst bald ein Baustahl-Werk errichten lassen wollen. Thyssen-Direktor Spethmann beeindruckt: »Die machen bei der Industrialisierung voran.« Vertragsfertig ist zudem ein Projekt der Daimler-Benz AG. Mit 26 Prozent beteiligt sich das Stuttgarter Unternehmen an einer Lastwagen-Montagefabrik in Dschidda, aus der einmal 5000 Mercedes-Laster im Jahr rollen sollen.
Auf lukrative Bestellungen können sich auch die beiden größten westdeutschen Hersteller von Zementfabriken -- die Krupp-Tochter Polysius AG und die Klöckner-Humboldt-Deutz AG -- einstellen. Handelsminister Mohammed Ah Al Awadi erkundigte sich bei den Abgesandten von Krupp und Klöckner sogar, ob sie ihm nicht eine Zementfabrik in Deutschland abreißen und in Saudi-Arabien aufbauen könnten. Da die Araber knapp die Hälfte ihres Zements aus Übersee heranschiffen müssen, dauert ihnen die Bauzeit von drei Jahren für eine neue Fabrik zu lang.
Das bislang spektakulärste Vorhaben deutscher Unternehmen in Saudi-Arabien ist freilich schon im Bau. 20 Kilometer nördlich der Handelsmetropole Dschidda stampft die Essener Hochtief AG für rund 800 Millionen Mark einen hypermodernen Flughafen aus der Wüste. Das Airport-Projekt erfreut sich besonderer Förderung durch den gläubigen König: In Dschidda landen alljährlich Hunderttausende islamischer Pilger aus aller Welt, die nach Mekka wallfahren.
Den unternehmerischen Eifer der hofierten Westdeutschen honorierten die Saudis noch während des Viertage-Besuchs mit einem Öl-Vertrag. Die Araber verpflichten sich, in den nächsten drei Jahren aus ihrem Partizipationsöl (jenem Öl, das die Saudis nicht an ihre amerikanischen Hauptabnehmer von der Aramco abführen) 12 Millionen Tonnen an den Veba-Konzern und dessen Tochter Aral zu verkaufen. Veba-Chef von Benningsen: »Das ist schon eine dolle Sache.«
Ob das Öl aber auch fließen wird, wenn es den Arabern demnächst wieder gefallen sollte, mit einer Lieferbremse Druck im Nahost-Konflikt auszuüben -- dies kann der deutsche Öl-Einkäufer allerdings nicht abschätzen. Einstweilen bekundet von Benningsen Optimismus: »Ich gehe davon aus, daß die Saudis vertragstreu sind.«
Wie unsicher derzeit die Lage ist, bekam die deutsche Equipe in Riad plastisch vorgeführt. Am gleichen Tag, an dem König Feisal dem deutschen Minister Friderichs morgens gepredigt hatte, »daß der Weltzionismus immer wieder angreift«, sprach nachmittags auch US-Außenminister Henry Kissinger bei dem Öl-Herrscher vor.
Der Amerikaner, wieder einmal auf Orient-Tournee, hatte einen Blitzabstecher nach Riad gemacht, um mit dem König zu konferieren. Thema des Tateà-tête: Feisals Drohung mit einem neuen Öl-Boykott, falls die Nahostverhandlungen nicht rasch zu einem den Arabern genehmen Abschluß kämen.