Zertifikate Wunderkind im Sommerloch
Frankfurt am Main - Trendsetter sind Deutschlands Fondsmanager selten. Noch vor einigen Monaten ließen sie Zertifikate mit feinem Lächeln links liegen. Kein Mehrwert werde durch solche Konstrukte geschaffen, deren Strukturen seien intransparent, so das Urteil der Herren des Geldes. Sie haben ihre Meinung geändert.
Heute zeigt es sich, dass die Anleger sich von den mahnenden Worten nicht haben abschrecken lassen und zunehmend Zertifikate kaufen. Im April dieses Jahres wurden allein mehr 890 Millionen Euro für Discountzertifikate ausgeben, im Mai waren es schon 1,2 Milliarden Euro. Über alle Varianten gerechnet, stieg der Zertifikateumsatz von Mai auf Juni von zehn Milliarden auf 14 Milliarden Euro, errechnete das Deutsche Derivateinstitut (DDI). Im Dezember des vergangenen Jahres waren es noch knapp mehr als acht Milliarden Euro.
Die Banken, die solche Finanzprodukte ersinnen, reiben sich die Hände, aber auch Unternehmen wie die Zertifikatejournal-Gruppe können zufrieden sein. Das Haus berichtet unter anderem regelmäßig über diese Anlagespielart und berät Emittenten. Damit konnte es allein im ersten Halbjahr 2006 das Umsatzniveau des Vorjahres von 3,2 Millionen Euro erreichen. Die Branche ist sich sicher, dass es so weiter geht.
Glaubt man den Experten, sind die Aussichten dabei besonders für Discountzertifikateanleger günstig. Damit erstehen Investoren zum Beispiel die Aktien ihrer Wahl zu einem günstigeren Kurs, verzichten im Gegenzug aber auf einen Teil des möglichen späteren Kursgewinnes der Aktie. Dabei gilt die Faustregel: Je höher der Preisnachlass auf den aktuellen Aktienkurs, desto größer der Verzicht auf spätere Kursgewinne. Das lohnt sich für Anleger dennoch in den meisten Fällen, haben Experten der Deutschen Bank errechnet.
Ihre Wertpapierexperten verglichen die Renditen, die Investoren in den vergangenen vier Jahren mit ihren Discountzertifikaten einstrichen mit Zertifikaten ohne Kaufpreisverbilligung. Das Ergebnis. Mehr als 80 Prozent aller Discounter brachten ihren Besitzern mehr Geld ein als Zertifikate ohne Kursnachlass-gegen-Gewinnverzicht-Möglichkeit.
Konstruktionsbedingter Vorteil
Nach Expertenmeinung profitieren Anleger gerade jetzt besonders von der Konstruktion dieser Wertpapiere. Denn sie erwiesen sich in der Vergangenheit speziell dann als gute Anlegerwahl, wenn beim Kauf solcher Wertpapiere das Kursniveau an der Börse vergleichsweise niedrig war, die Aktienkurse aber recht kräftig schwankten. Und das trifft in der Tendenz auch auf die aktuelle Börsenlage zu.
Deutschlands Aktienleitindex Dax beispielsweise musste seit Mai dieses Jahres deutliche Rückschläge verkraften. Das Börsenbarometer verlor in dieser Zeit nahezu 600 Punkte und rangiert derzeit bei gut 5400 Indexpunkten. Verglichen mit seinem Einjahreshoch bei 6160 Zählern sind deutsche Aktien also derzeit vergleichsweise günstig zu haben.
Auch die zweite Bedingung für den Einsatz von Discountzertifikaten scheint zu stimmen: Die Aktienkurse schwanken wieder stärker als noch vor einigen Monaten. Zwischen Mai und Juni nahm die Volatilität an der Börse deutlich zu, der entsprechende VDax-Indikator erreichte nahezu Dreijahreshochstände. Mittlerweile hat sich der Markt zwar wieder beruhigt, doch verglichen mit den ersten Monaten des Jahres weisen deutsche Aktien noch immer eine erhöhte Volatilität auf. Und je höher die ist, desto größer fällt der Discount und damit der Sicherheitspuffer für Anleger aus.
Wie vorteilhaft das sein kann, erlebten Anleger erst vor wenigen Wochen. Anfang Mai fiel der Dax-Indexstand binnen weniger Handelstage um 850 Indexpunkte, die Kurse an der Börse in Frankfurt am Main gaben auf breiter Front nach. Besitzer aller Dax-Aktien mussten in dieser Zeit Kursverluste hinnehmen.
Wer sich jedoch zuvor für den Kauf eines Discountzertifikates entschieden hatte statt direkt in die Aktie seiner Wahl zu investieren, kam mit etwas weniger Verlust davon. Denn alle Discountzertifikatanleger hatten ihre Wertpapiere schließlich zu einem niedrigeren Kurs erworben als die Aktienanleger für ihre Titel zahlen mussten. Der Puffer reichte, um zumindest weniger starke Verluste zu machen, als die Börse insgesamt hinnehmen musste.
"Je höher der Discount, desto größer ist deshalb auch der Sicherheitspuffer der Anleger gegenüber sinkenden Kursen. Und diesen Vorteil sollten Investoren nicht unterschätzen", sagt Heiko Weyand, Derivateexperte des Düsseldorfer Bankhauses HSBC Trinkaus & Burkhardt gegenüber manager-magazin.de. Dem Sommerloch indes entkommen die Discountzertifikte ebensowenig wie andere Anlageprodukte: Im Juni sackte der Umsatz auf den Aprilwert ab.