ZEW-Stimmungsindex Konjunktur droht Schockfrost
Mannheim - Das Konjunkturbarometer des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), für das rund 300 Analysten und institutionelle Anleger nach ihren mittelfristigen Erwartungen gefragt werden, sank im August auf minus 5,6 Punkte. Im Juli lag der Wert noch bei plus 15,1 Punkten. Es ist der siebte Rückgang in Folge, und dabei sackte der Index weit stärker ab als gedacht. Beobachter hatten zwar mit einen Rückgang gerechnet, allerdings erwarteten sie immerhin noch etwa zwölf Punkte. Der Index erreichte stattdessen nun den niedrigsten Stand seit Juni 2001.
Damit bewegt sich der Index weit abgeschlagen von seinem historischen Mittelwert von 35 Punkten. "Die Entwicklung des Indikators signalisiert eine deutliche Abkühlung der konjunkturellen Entwicklung", hieß es beim ZEW.
Grund für die pessimistischen Einschätzungen sei die Erwartung, dass sich die wesentlichen Nachfragekomponenten Export, Investitionen und Konsum abschwächen könnten. Der Export dürfte von einer nachlassenden US-amerikanischen Nachfrage und einem starken Euro in Mitleidenschaft gezogen werden, glauben die Analysten. "Die Einschätzungen der Finanzmarktexperten zeigen, dass die Lage für 2006 und die erwartete Entwicklung für das Frühjahr 2007 weiterhin beträchtlich auseinander laufen. 2006 mag die Einschätzung einer sonnigen konjunkturellen Großwetterlage durchaus gerechtfertigt sein, aber für 2007 ziehen dunkle Wolken am Horizont auf", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Anfang 2007 soll die Mehrwertsteuer von derzeit 16 auf 19 Prozent angehoben werden.
Auch für Europa sehen Analysten schwarz
Die aktuelle Konjunktursituation in Deutschland beurteilten die Experten im August jedoch erneut besser als im Vormonat. Dieser Index kletterte von 23,3 auf 33,6 Punkte. Der Index für die aktuelle Konjunkturlage im Euroraum verbesserte sich um neun Punkte und steht nun bei 34,9 Punkten. Die Erwartungen für die Eurozone verschlechterten sich dagegen ebenfalls deutlich von 18,1 auf 1,3 Punkte.
Das ZEW befragt Anleger und Analysten nach ihren mittelfristigen Erwartungen zur Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung. Der Index gibt die Differenz der positiven und negativen Einschätzungen für die künftige Wirtschaftsentwicklung in Deutschland auf Sicht von sechs Monaten wieder. An der monatlichen Umfrage beteiligten sich im August 307 Analysten und institutionelle Anleger.
Die HVB wiegelt trotz der schlechten Nachrichten aus dem Wirtschaftsinstitut ab: Eine Rezession in Deutschland stehe trotz nicht vor der Tür, heißt es in einer Studie das Bankhauses. In zwei Monaten sollten die ZEW-Konjunkturerwartungen aber wieder zulegen. Sollte das nicht der Fall sein und der Indikator weiter im negativen Bereich absinken, würde das Risiko einer Rezession zunehmen.Auch die Commerzbank erwartet ein kräftiges Abflauen der Konjunktur im kommenden Jahr. "Nach einem Wachstum von zwei Prozent in diesem Jahr rechnen wir 2007 nur noch mit einem Zuwachs des realen Bruttoinlandsproduktes um ein Prozent", so das Finanzinstitut.
Auch Weltwirtschaft droht zu schwächeln
Auch vom Münchner ifo-Institut kamen schlechte Nachrichten: Das Weltwirtschaftsklima hat sich im dritten Quartal dem Forschungsinstitut zufolge erstmals seit dem zweiten Quartal 2005 wieder eingetrübt. Der entsprechende Indikator sei von 111 Punkten im Vorquartal auf 105,6 Zähler gesunken, teilte das Institut mit. Der Rückgang sei ausschließlich auf die weniger zuversichtlichen Erwartungen für die nächsten sechs Monate zurückzuführen. Die Urteile zur aktuellen wirtschaftlichen Lage hätten sich dagegen erneut verbessert. Diese Konstellation spreche für ein Abflachen des konjunkturellen Aufschwungs in den kommenden Monaten.
An den Finanzmärkten war die Reaktion auf die schlechten Nachrichten zumindest bis zum Mittag verhalten. Der Eurokurs büßte etwas an Wert ein und lag zuletzt bei 1,2850 Dollar. Am Rentenmarkt baute der Bund-Future seine Kursgewinne aus und legte auf 117,66 Punkte zu. Der Dax büßte einen Teil seiner Kursgewinne nach den Daten ein, behauptete allerdings bis zum Mittag sein Vortagesniveau von 5794 Punkten. Händler sagten, die Europäische Zentralbank (EZB) werde die Befürchtungen nicht ignorieren können, dass sich die Konjunktur abkühle. Insofern sei die Nachricht für den Aktienmarkt nicht so negativ. Insgesamt beschrieben Händler die Umsätze wie schon am Vortag als extrem niedrig.
ase/dpa-AFX/Dow Jones/reuters