Zigarettenpreise Mehr ackern für den nächsten Zug
Berlin - Eigentlich ist es egal, an welchem Tresen man in diesen Tagen den Gesprächen über die Zigarettenpreise zuhört, der Tenor ist eindeutig - jedenfalls unter denen, die rauchen. "Die Regierung versucht nur, ihre Finanzlöcher zu stopfen und das auf dem Rücken der kleinen Leute" - so oder ähnlich, gepflegter formuliert oder deutlich ruppiger, ganz egal.
Der Grund der Aufregung: Seit gestern läuft in den Tabakfabriken die neue Produktion an. Für jede Zigarette, die die Maschinen seit Schichtbeginn ausspucken, kassiert der Fiskus 1,2 Cent mehr als vorher. Eine Milliarde Euro zusätzlich erhofft sich Bundesfinanzminister Hans Eichel davon für das Jahr 2004. 2005 sollen sogar 2,5 Milliarden mehr in die Kassen strömen und 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2006.
Doch das sind abstrakte Zahlen. Viel wichtiger ist der konkrete Preis, der bald am Automaten fällig wird: vier Euro. Ein wenig dauert es noch, bis die Vorräte verbraucht sind, die die Händler noch zum alten Preis losschlagen dürfen. Aber dann heißt es: tief in die Tasche greifen.
Die Raucher werden bezahlen, unter Protest versteht sich - und sich vorkommen wie die Melkkuh der Nation. Genauso wie die Autofahrer, die Dosenkäufer, die . . .
Erforderliche Arbeitszeit, damals und heute
| Artikel | 1960* | 2002 |
|---|---|---|
| 10 Eier | 0 : 46 | 0 : 07 |
| 1kg Brathähnchen | 2 : 13 | 0 : 12 |
| 1kg Kabeljau | 0 : 56 | 0 : 58 |
| Damenkleid | 26 : 28 | 7 : 55 |
| 1l Normalbenzin | 0 : 14 | 0 : 05 |
| Fernseher | 351 : 38 | 44 : 58 |
| Packung Zigaretten | 0 : 42 | 0 : 14 |
Quelle: IW Köln
Rein rechnerisch betrachtet ist der Aufschrei sogar berechtigt (wie übrigens auch der aller anderen "Melkkühe der Nation"). Schließlich kann man die wahre Preisentwicklung einer Zigarette daran ermessen, wie lange man dafür arbeiten muss. "Kaufkraft der Lohnminute" nennen das die Ökonomen.
Die ist zwar seit 1960 kontinuierlich gewachsen. Nach einer Rechnung des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft, gestützt auf Daten des Statistischen Bundesamts und der Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung muss ein Durchschnittsbürger nur noch einen Bruchteil seiner Arbeitszeit aufwenden, um das Geld für die Anschaffung von Gütern des täglichen Bedarfs zu kaufen. Für Butter etwa sank der Aufwand von einst 39 Minuten auf gerade einmal fünf. Bohnenkaffee und Weinbrand verzeichneten einen noch drastischeren Rückgang. Verglichen mit 1960 genügt ein Zehntel der Arbeitszeit.
Für Zigaretten dagegen sank der notwendige Arbeitseinsatz nicht in gleichem Maße (ähnlich wie bei Normalbenzin, für das noch ein Drittel der einstigen Arbeitszeit nötig ist). Während unsere Großväter noch 42 Minuten schuften mussten, um sich eine Zwanziger-Packung leisten zu können (damals setzte übrigens gerade die Cowboyzigarette Marlboro zu ihrem Siegeszug an und begann Marken wie HB in die Nische zu drängen), waren 2002 noch knapp 14 Minuten notwendig. Jetzt, nach der Erhöhung der Tabaksteuer, sieht die Rechnung noch etwas ungünstiger aus: Der zusätzliche Euro kostet noch einmal viereinhalb Minuten Arbeitszeit.
Lediglich die Abonnements für Tageszeitungen, die Rundfunkgebühr und das Briefporto verzeichneten eine noch ungünstigere Preisentwicklung. Und Kabeljau. Dafür arbeitet man inzwischen sogar länger als 1960.
Dass die relativ ungünstige Preisentwicklung für Zigaretten zu einem nennenswerten Rückgang der Verkaufszahlen führen könnte, ist nicht zu erwarten. Schon 2002 hatte das Gesundheitsministerium eine Studie veranlasst, um festzustellen, ob der damals neu erhobene Terror-Cent je Zigarette am quantitativen Verhältnis von Rauchern zu Ex-Rauchern und Nichtrauchern etwas ändern werde. Ergebnis: "keine bedeutsamen Veränderungen".
Trotzdem sind die Flüche der Raucher nicht gerecht. Denn man kann das Problem auch anders rechnen. Aus der Perspektive der Nichtraucher etwa, die jetzt hoffen, dass wenigstens ein Teil der Kosten, die der Allgemeinheit durch Lungenkrebs, Raucherbeine oder Unfruchtbarkeit entstehen, wieder eingespielt wird. Dabei sind sie noch bescheiden: 20 Milliarden Euro kosten die Raucherkrankheiten jedes Jahr. Wäre der Staat konsequent und würde das Rauchen verbieten - die gesellschaftlichen Minderausgaben überwögen die Tabaksteuereinnahmen bei weitem.
Ein solch drakonisches Sparprogramm hätte allerdings kaum Chancen auf Durchsetzung, das zeigt schon die Erfahrung der letzten 400 Jahre: Im 17. Jahrhundert stand das Rauchen in vielen Ländern unter Strafe, es drohten Gefängnis, in Teilen Deutschlands, in Persien und Russland sogar das Schafott. Schließlich steckte selbst die Staatsmacht auf - und erhebt seitdem Steuern.