Zigarettenschmuggel: Razzia bei Reemtsma - DER SPIEGEL
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Zigarettenschmuggel Razzia bei Reemtsma

Beim Schlag gegen Zigarettenschmuggler durchsuchten Zollfahnder auch die Hamburger Reemtsma-Zentrale. Regierungen vermuten, dass Manager von Tabakfirmen Kriminellen helfen.
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Innerhalb weniger Stunden war der gesamte Besitz des mutmaßlichen Schmugglers weg: der Porsche beschlagnahmt, drei schwere Motorräder ebenfalls. Beide Häuser konfisziert, auf dem Flügel in der weißen Villa klebt das Siegel des Gerichtsvollziehers, genauso auf den Gemälden, Teppichen und Antiquitäten. Sämtliche Konten sind eingefroren, alle Geschäftsunterlagen sichergestellt.

Auf den Einsatz am Rande von Hamburg hatten sich die Zollfahnder akribisch vorbereitet. Ein Sonderkommando stand am vergangenen Donnerstag ab sechs Uhr morgens in klirrender Kälte bereit, den Mann zu verhaften, der als mächtigster Zigarettenschmuggler in Deutschland gilt: Andreas N., 38, ein in der Sowjetunion aufgewachsener Deutscher mit Wohnsitz in der Nordheide. Der Mann war verschwunden, trotzdem schlugen die Fahnder der Soko "Tarot" zu und transportierten immerhin Beweismittel ab.

Zur gleichen Zeit marschierten Kollegen in die Hamburger Zentrale des Zigarettenkonzerns Reemtsma ein.

Sie nahmen einen leitenden Mitarbeiter, der mit N. gemeinsame Sache gemacht haben soll, zur Vernehmung mit und beschlagnahmten kistenweise Akten. Auch an zahlreichen anderen Orten, überwiegend in Norddeutschland, wurden Wohnungen und Firmen auf der Suche nach Beweisen durchsucht. Es war der größte Einsatz der Zollfahndung gegen den organisierten Zigarettenschmuggel in Deutschland.

Die kanadische Regierung ebenso wie EU-Behörden hegen schon lange den Verdacht, dass international agierende Schmugglersyndikate ihre Geschäfte mit stillschweigender Duldung oder gar Hilfe der Zigarettenindustrie machen. Denn den Firmen kann es egal sein, ob jemand auf ihre Produkte Steuern zahlt. Der Preis ab Werk ist immer gleich. Nach Schätzungen des Bundesfinanzministeriums verliert allein der deutsche Fiskus durch den Schmuggel rund eine Milliarde Mark pro Jahr.

Milliarden unversteuerter Glimmstängel, überwiegend von Marken der Firma Reemtsma wie West, soll allein der mutmaßliche Großschmuggler N. seit Anfang der neunziger Jahre in Hamburg gekauft und in die Staaten des ehemaligen Ostblocks verschickt haben, unter anderem an Firmen in Litauen und Kaliningrad. Ein großer Teil der Ware tauchte später freilich wieder illegal in Deutschland auf. Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt. Der Verdachtskatalog: Bildung einer kriminellen Vereinigung, gewerbsmäßiger Zigarettenschmuggel, Steuerbetrug und Geldwäsche.

Während der Fiskus nach Ermittlungen des Zolls ausmanövriert wurde und ein Steuerschaden von mindestens sechs Millionen Mark entstanden sei, so Fahnder, verdiente Reemtsma jahrelang gut an dem einstigen Partner. Andreas N. galt bei dem viertgrößten Zigarettenhersteller der Welt als Glücksgriff. Er setzte Milliarden-Stückzahlen ab und beglich seine Rechnungen immer pünktlich.

Als Reemtsma-Manager Ende 1999 mitbekamen, dass Ermittler hinter ihrem seltsamen Großkunden her waren, so sagt ein Firmensprecher, habe das Unternehmen jede Geschäftsverbindung mit ihm abgebrochen. Doch da sind sich die Zollfahnder nicht so sicher. Noch richtet sich das Verfahren nicht gegen Reemtsma. Mit den beschlagnahmten Akten können die Ermittler nun aber ihrem Verdacht nachgehen, ob zumindest der Leiter der Export-Abteilung Osteuropa, Siegfried F., lange gemeinsame Sache mit N. gemacht und auch nach dem Lieferstopp ungerührt weiter an den mutmaßlichen Syndikatsboss geliefert habe.

Dessen Karriere begann vermutlich Anfang der neunziger Jahre mit dem Abzug der russischen Truppen aus dem Osten der Republik. Riesige Transportmaschinen landeten in der wilden Zeit nachts auf dem Flugplatz Sperenberg bei Berlin. Wenn Zollfahnder zulangten, stießen sie meist auf Schmuggelzigaretten, mit denen etwa im Westen gestohlene Autos bezahlt wurden.

Andreas N., dessen Großeltern über gute Kontakte bis in höchste russische Parteikreise verfügt haben sollen, gründete damals eine Reihe von Handels- und Vertriebsgesellschaften in Deutschland. Dabei profitierte er nach Erkenntnissen der Ermittler von den Beziehungen seiner Großeltern nach Russland. In seinem Auftrag seien, so Fahnder, bald Lastwagen voll unversteuerter Ware quer durch Europa gefahren worden, um die Herkunft zu verschleiern.

Daheim war N. der brave Bürger und großzügige Sponsor, spendete große Summen etwa an die Krebshilfe. Nur wenn es um Fotos von ihm, dem edlen Geldgeber, ging, winkte der Mann stets ab. Er blieb, wie ein Fahnder sagt, der "Mann ohne Gesicht".

Ein zwei Meter hoher, zackenbewehrter Eisenzaun umgibt seine Villa, an jeder Ecke wachen Kameras mit Wärmesensoren. Der Mann hat offenbar Grund zur Vorsicht. Der Zigarettenschmuggler Gintaras P., der 1994 mit einer Maschinenpistole in seiner Wohnung in Hamburg-Jenfeld erschossen wurde, soll zu seinen Bekannten gehört haben.

Die Ermittlungen gegen N. und den Reemtsma-Mitarbeiter sind der vorläufige Höhepunkt einer Welle von Verhaftungen. Im vergangenen Jahr beschlagnahmten Zollfahnder bundesweit insgesamt 1086 Millionen Zigaretten ­ 66,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Doch nach Schätzungen der Polizei wurden trotzdem gerade einmal fünf Prozent aller geschmuggelten Zigaretten entdeckt. Denn Deutschland gilt weltweit als Schieberdorado ­ wegen seiner Nähe zu Osteuropa und wegen seiner Rolle als Transitweg nach Großbritannien, wo Zigaretten auf Grund hoher Steuern besonders teuer sind. Aber auch jede zehnte Zigarette, die in Deutschland geraucht wird, ist nach Schätzungen der Ermittler nicht versteuert.

Dass diese gewaltigen Mengen illegal verkaufter Zigaretten nicht ohne Zutun oder Kenntnis der Tabakindustrie umgeschlagen werden können, vermuten Fahnder seit Jahren.

Bei einem weltweiten Vergleich aller offiziell importierten und exportierten Zigaretten ergibt sich nach Berechnungen der US-Regierung ein Schwund von rund 35 Prozent. Kanada hat deshalb im Dezember 1999 den Tabakkonzern Reynolds wegen Umgehung der Tabaksteuer verklagt. Andere Länder folgten und gingen gegen weitere Tabakkonzerne vor.

Nach jahrelangen Ermittlungen reichte die Europäische Union im November vergangenen Jahres in den USA Klagen gegen Reynolds und den "Marlboro"-Hersteller Philip Morris wegen krimineller Machenschaften ein. Der Vorwurf unter anderem: Philip Morris habe massenhaft Tabakwaren an Tochterunternehmen in Belgien verkauft. Die hätten die Ware wiederum nach Zentralamerika weitergeleitet, von dort seien die Glimmstängel nach Europa zurückgeflossen. Sinn sei gewesen, die Verkäufe vor den Behörden zu verschleiern.

Auch in den vielen Dutzend Gerichtsverfahren gegen Zigarettenschmuggler in Deutschland trugen die Fahnder immer wieder Erkenntnisse zusammen, die darauf hindeuten, dass die Tabakindustrie den Schmuggel zumindest stillschweigend duldet. So verurteilte das Landgericht Berlin 1993 eine Bande polnisch-vietnamesischer Schmuggler zu Gefängnisstrafen zwischen eineinhalb und sechs Jahren.

Dem Haupttäter, einem in Hamburg wohnenden Polen, sprach die Kammer dabei ausdrücklich Strafmilderung zu: Die "Firma BAT", heißt es im Urteil, habe dem "Angeklagten in Verfolgung eigener wirtschaftlicher Interessen die Tatbegehung leicht gemacht". Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatte der mehrfach vorbestrafte Pole bei BAT in Hamburg mehrmals 9,6 Millionen Zigaretten der Marke HB geordert. Adressaten der Ware sollten Firmen in Polen oder Litauen sein, die in Wahrheit nicht existierten. Doch der Mann bezahlte cash.

Festgenommene Schmuggler haben vielfach bestätigt, dass Zigarettenfirmen nicht großartig nachfragen, wohin die Lieferung wirklich geht, wenn nur der Scheck gedeckt ist.

Nach intensiven Recherchen und Vernehmungen im Fall des Würzburger Rechtsanwalts Wolfgang G. schlugen Mitarbeiter des Zollfahndungsamt Nürnberg Ende 1997 zunächst vor, auch gegen Tabakfirmen vorzugehen. Der Jurist hatte zugegeben, Zigaretten nach Tschechien verschoben und dabei Steuern im großen Stil hinterzogen zu haben. "Gegen die offensichtlich beteiligten Mitarbeiter der Firma BAT", so ein Zollbeamter in einem internen Vermerk, habe sich zumindest "ein Anfangsverdacht der Beihilfe zum Zigarettenschmuggel" ergeben.

Doch wie in all den anderen Fällen scheuten die Ermittlungsbehörden dann doch davor zurück, sich intensiver mit der Rolle der Tabakindustrie im Schmuggelgeschäft zu beschäftigen. So kann sich die Branche weiterhin integer geben.

Reemtsma etwa beteilige sich "aktiv" am Kampf gegen den Zigarettenschmuggel, heißt es aus der Firmenzentrale in Hamburg. Die "Auswahl unserer Kunden erfolgt nach sorgfältiger Prüfung".

UDO LUDWIG, ANDREAS ULRICH