Zinsbesteuerung "Kalte Schulter"
Urs Philipp Roth, 54, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Schweizerischen Bankiervereinigung, sprach mit dem SPIEGEL über Europa und das Bankgeheimnis.
SPIEGEL: Die EU verschärft den Druck auf die Schweiz, den privaten Kapitalabfluss aus den Ländern der Union nach Zürich, Genf oder Lugano einzudämmen. Hintergrund ist die geplante EU-Zinsbesteuerung. Geben Sie dem Brüsseler Druck nach?
Roth: Wir haben der EU eine Machbarkeitsstudie vorgelegt. Unsere Banken würden demnach einen bestimmten Prozentsatz der Zinseinkünfte von EU-Bürgern, die auf Schweizer Konten anfallen, an die EU abführen.
SPIEGEL: Die Schweizer Banken wären dann praktisch Brüssels Steueragent?
Roth: Ja. Aber das wird natürlich auch etwas kosten. Wir wollen einen Teil der Zinseinkünfte für die anfallende Arbeit einbehalten.
SPIEGEL: Wann wird diese Quellensteuer eingeführt?
Roth: Realistisch ist das sicherlich nicht vor Mitte des Jahrzehnts zu machen. Wie bei allen Staatsverträgen in der Schweiz kann es auch zu einer Volksabstimmung über die neue Steuer kommen.
SPIEGEL: Wird dann das Schweizer Bankkundengeheimnis gelüftet?
Roth: Im Gegenteil. Durch eine praktikable Übereinkunft mit der EU werden wir das Bankkundengeheimnis stärken.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass das umstrittene EU-Modell einer harmonisierten Zinsbesteuerung überhaupt machbar ist?
Roth: Wenn alle wichtigen internationalen Finanzplätze das gleichwertige Abkommen mit der EU eingehen, dann ja.
SPIEGEL: Und wenn nicht?
Roth: Dann profitieren die Finanzplätze, die der EU die kalte Schulter zeigen. Dorthin wird das Kapital strömen.