Zocker, Makler, Scheichs: Die größten Krisengewinnler - DER SPIEGEL
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Zocker, Makler, Scheichs Die größten Krisengewinnler

Die einen verlieren, die anderen profitieren: Die Kreditkrise hat Tausende Amerikaner das Haus gekostet, Banken müssen Milliarden abschreiben. Gleichzeitig machen Makler, Spekulanten und Börsenbetreiber Spitzengeschäfte - SPIEGEL ONLINE stellt die Krisengewinnler vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Für Kleinanleger war der Januar kein guter Monat. Dow Jones - minus vier Prozent. Eurostoxx - minus 13 Prozent. Dax - minus 14 Prozent. Hart trifft es auch die großen Banken: Weil sie sich mit US-Ramschkrediten verspekuliert haben, müssen sie nun gigantische Summen abschreiben, allein die Schweizer UBS rund 18 Milliarden Dollar. Tausende Amerikaner haben ihr Eigenheim verloren, weil sie ihr Darlehen nicht zurückzahlen konnten.

Glücksschweine an der Frankfurter Börse: Jede Krise hat ihre Gewinner

Glücksschweine an der Frankfurter Börse: Jede Krise hat ihre Gewinner

Foto: DPA

Überall nur Verlierer? Bei weitem nicht. Wenn es den einen schlecht geht, freuen sich die anderen. Jede Krise hat ihre Gewinner - SPIEGEL ONLINE stellt sie vor.

Zocker

Den richtigen Riecher muss man haben. So wie John Paulson. Dem 51-Jährigen gehört eine New Yorker Investmentfirma, die rund 23 Milliarden Dollar verwaltet. Schon Mitte 2006 sah Paulson die Kreditkrise voraus - und wettete konsequent gegen den Markt. Während andere Anleger massenweise Wertpapiere kauften, die durch billige Hypothekenkredite gesichert waren, spekulierte Paulson auf einen Zusammenbruch des Immobilienbooms. Und er behielt Recht.

Seine verschiedenen Fonds legten bis Ende September um 340 Prozent zu. Die Finanzagentur Bloomberg bezifferte Paulsons Gewinn auf 2,7 Milliarden Dollar. In einem Anlegerbrief erklärte er seine Strategie: nicht auf Rating-Agenturen hören, sondern selber nachrechnen. Eine Selbstverständlichkeit, die so manche Bank ignoriert hatte. Im Oktober hat Paulson übrigens 15 Millionen Dollar gespendet. Das Geld ging an eine Organisation, die sich um die Opfer der Kreditkrise kümmert.

Noch mehr Rendite als Paulson hat Andrew Lahde geschafft. Der Hedgefonds-Manager war überzeugt, dass die Geschäfte mit den weitergereichten Krediten nicht gut gehen konnten. Das Geld seines Fonds Lahde Capital setzte er auf sinkende Kurse - und gewann. Die Rendite im vergangenen Jahr: satte 1000 Prozent.

Makler

Der eine kauft, der andere verkauft - und der Dritte macht den Gewinn. Egal ob die Immobilienpreise steigen oder fallen, Makler profitieren immer. Vor allem in Krisenzeiten laufen die Geschäfte: Je mehr Besitzer ihr Haus verkaufen müssen, desto mehr Provisionen streichen die Vermittler ein.

Was für den privaten Häusermarkt gilt, ist auch bei Gewerbeimmobilien der Fall. Große Maklerfirmen wie CBRE oder JLL verzeichnen deshalb ein gigantisches Wachstum. CBRE steigerte den Umsatz in den ersten drei Quartalen 2007 um 54 Prozent, JLL kam auf ein Plus von 35 Prozent.

Längst verdienen die Unternehmen ihr Geld nicht mehr allein mit der Vermittlung von Immobilien. Auch auf Beratung und Bewertung haben sie sich spezialisiert. In der Krise kommt ihnen das zugute: Weil verunsicherte Banken ihre Portfolios überprüfen lassen, machen CBRE und JLL zusätzliche Gewinne.

Scheichs

Großbanken sind zurzeit billig zu haben. Weil sie Milliarden abschreiben mussten, sind die Aktienkurse auf Tiefststände gefallen. Genau diese Chance nutzen ausländische Staatsfonds zum günstigen Einstieg. So hat sich die Mega-Gesellschaft GIC aus Singapur zusammen mit einem weiteren Investor für 7,8 Milliarden Dollar bei der Schweizer Bank UBS eingekauft. Auch die amerikanische Citigroup könnte Milliardenhilfe aus Singapur erhalten.

Die GIC (Government of Singapore Investment Corp.) verwaltet insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar. Das Unternehmen ist eng mit dem Regierungsapparat des südostasiatischen Landes verwoben. An der Spitze steht Lee Kuan Yew, der Staatsgründer Singapurs. Sein Sohn Lee Hsien Loong ist GIC-Vizechef - und Ministerpräsident des Landes. Trotzdem betont die GIC, keine staatlichen Interessen zu verfolgen; bei den ausländischen Investitionen gehe es nur um Rendite.

Das Gleiche behauptet von sich auch die Abu Dhabi Investment Authority (Adia). Die Gesellschaft aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist mit Reserven von 875 Milliarden Dollar der größte Staatsfonds der Welt. Im November kaufte sie fünf Prozent der Anteile an der Citigroup - für 7,5 Milliarden Dollar. Die Scheichs sind nun einer der größten Aktionäre der US-Bank. Analysten bescheinigen dem Staatsfonds, einen "sehr günstigen Zeitpunkt" für die Beteiligung gewählt zu haben.

Immobilienhaie

In den USA möchte man zurzeit kein Eigenheim besitzen. Die Immobilienpreise fallen, Banken ziehen ihre Kredite zurück, Tausende Häuser werden zwangsversteigert. Der Markt für Gewerbeimmobilien bricht ebenfalls zusammen, auch in Großbritannien. Diejenigen, die verkaufen müssen, verlieren oft viel Geld. Diejenigen, die kaufen, könnten dagegen schon bald profitieren. Das gilt vor allem für große Immobilienfonds.

"Die Krise bietet den Fonds die Chance, günstig einzukaufen", sagt der Immobilienexperte einer großen deutschen Bank. "Wer zum richtigen Zeitpunkt zugreift, kann hohe Renditen erwirtschaften." Natürlich unter der Voraussetzung, dass die Preise wieder anziehen.

Die Immobilienfonds sind im Vorteil, weil die konkurrierenden Private-Equity-Fonds kaum mehr zum Zuge kommen. Eigentlich kaufen auch die Beteiligungsgesellschaften gerne Immobilien. Sie finanzieren ihre Deals aber zu einem Großteil über Kredite - und die vergeben die Banken kaum noch. Im Gegensatz dazu verfügen offene Immobilienfonds über große Mengen Eigenkapital. Allein in Deutschland hat die Branche in den ersten drei Quartalen 2007 mehr als sieben Milliarden Euro eingesammelt. Dieses Geld will nun gewinnbringend investiert werden.

Banker

Die meisten Banken gehören zu den Verlierern der Kreditkrise. Milliardenabschreibungen und Verluste machen der Branche schwer zu schaffen. Ein Institut ragt jedoch aus all der Trübsal hervor: die US-Investmentbank Goldman Sachs. Im vierten Quartal 2007 verdiente sie unter dem Strich 3,2 Milliarden Dollar - ein Plus von immerhin zwei Prozent, was angesichts der Kreditkrise beachtlich ist.

Warum die Geschäfte von Goldman Sachs so stabil verlaufen, lässt sich nur vermuten. Experten bezeichnen die Bank als extrem seriös: Das Risikomanagement funktioniere besser als bei anderen, außerdem habe es keine übermäßigen Spekulationen mit Ramsch-Hypotheken gegeben. Einige ausgelagerte Fonds fuhren in der Krise zwar Verluste ein. Insgesamt konnte Goldman Sachs das aber wettmachen.

In den kommenden Monaten will die Bank übrigens 1500 Mitarbeiter entlassen. Nach Konzernangaben liegt das aber nicht an der Kreditkrise, sondern an der alljährlichen Mitarbeiterbeurteilung. "Wer schlechte Leistung gebracht hat, muss gehen", sagt ein Sprecher.

Wahlkämpfer

Angst ist ein beliebtes Mittel der Politik. Je größer die Rezessionssorgen der Wähler, desto besser lassen sie sich im US-Vorwahlkampf ausschlachten. Maroder Arbeitsmarkt, Konjunktureinbruch, Kurssturz an der Börse - alle diese Themen nutzen den Kandidaten der Mittelschicht.

Beispiel Barack Obama: Der demokratische Präsidentschaftsbewerber spricht kaum noch über den Irak-Krieg, dafür täglich über die Kreditkrise. Selten war ein Wahlkampf so wirtschaftslastig - und so klassenkämpferisch. Natürlich ist das Duell mit Hillary Clinton noch nicht entschieden. Doch der frühere Underdog bestimmt mittlerweile die Agenda: Es geht um Arm gegen Reich, um Mittelklasse (für die Obama stehen will) gegen Establishment (für das Clinton stehen soll).

Ähnlich ist es bei den Republikanern: Der Kandidat der Mitte heißt hier John McCain - seine Chancen stehen besser als die des Multimillionärs Mitt Romney. Vorbei sind die Jahre, in denen die Amerikaner einen Öl-Baron vom Schlage George W. Bushs als Präsidenten wollten. Unsichere Zeiten gehören den Kandidaten des kleinen Mannes.

Händler

Der Schwarze Montag war der Tag der Deutschen Börse. Panisch verkauften die Anleger am 21. Januar ihre Aktien, allein die Firmen im Dax verloren binnen Stunden 60 Milliarden Euro an Wert. Für die Börse selbst ein Grund zur Freude: Selten hat sie solche Handelsumsätze verbucht wie an diesem Tag.

Schon seit dem Sommer 2007 profitiert die Deutsche Börse von der Unsicherheit der Märkte. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" spricht von einer "geradezu erhabenen zweiten Jahreshälfte" für das Unternehmen. Hypernervöse Investoren waren ständig damit beschäftigt, zu kaufen und zu verkaufen. Und jedes Mal hat die Börse einen kleinen Beitrag eingestrichen.

Auch Online-Broker machen gute Geschäfte. So scheffelte die Comdirect Bank im Sommer, in dem sonst kaum Umsätze anfallen, so hohe Erträge wie in keinem Quartal zuvor. Der Grund auch hier: das hektische Auf und Ab der Kurse. Für das Unternehmen "dürfte wohl häufiger Finanzmarktkrise sein", schreibt die "Börsenzeitung".

Milliardäre

Manche Anleger haben an Krisen regelrecht Spaß. Sie warten, bis die Kurse tief genug gefallen sind - und schlagen dann zu. Der König in dieser Disziplin ist Star-Investor Warren Buffett. Mit seiner Holding Berkshire Hathaway hat der Milliardär schon viele Geier-Rallyes gewonnen.

"Buffett liebt Krisen", sagt Hendrik Leber, Geschäftsführer der Frankfurter Fondsgesellschaft Acatis und selbst Berkshire-Aktionär. "Auf eine Situation wie diese hat er lange gewartet."

In den Jahren vor der Krise, als Private-Equity-Fonds im Kaufrausch waren und die Preise für Unternehmensbeteiligungen in die Höhe trieben, hielt sich Buffett zurück. Er häufte lieber Cash an - bis zu 50 Milliarden Dollar. Jetzt, da die Preise purzeln, kann das Geld günstig angelegt werden. Noch hat sich Buffett für kein Übernahmeziel entschieden. Experten gehen aber davon aus, dass er die aktuelle Krise zu einem großen Coup nutzen könnte. Vielleicht, wird gemunkelt, kauft er gleich eine ganze Bank.

Buffett selbst ist vor Übernahmen ziemlich sicher: Berkshire Hathaway hat einen Wert von rund 200 Milliarden Dollar. Die Aktie ist der teuerste Anteilsschein der Welt - pro Stück sind zurzeit rund 140.000 Dollar fällig.

Newcomer

Die Kreditkrise verschiebt weltweit die Gewichte. Begonnen hat sie in den USA, danach hat sie sich in Europa ausgebreitet. Damit sind vor allem "alte" Volkswirtschaften betroffen. Junge, aufstrebende Staaten konnten die Turbulenzen besser verkraften.

Natürlich sind auch in China, Indien, Russland oder Brasilien die Aktienkurse gefallen. Das Ausmaß ist aber weit geringer als in den Ländern der "old economy". In früheren Krisen zogen die Anleger ihr Geld als erstes aus den aufstrebenden Märkten ab. Heute ist das anders: Europäische und amerikanische Wertpapiere werden verkauft, Anleihen und Aktien aus Schwellenländern gekauft.

Weil die US-Notenbank die Zinsen radikal senkt, verschärft sich der Trend noch: Höher verzinste Papiere aus den Newcomer-Staaten werden attraktiver. China und Co. saugen Geld auf, das in den etablierten Industrienationen keine passende Anlageform findet - das Kapital und seine Macht wandern von West nach Ost.

Allerdings: Auf der sicheren Seite sind Investoren auch in China nicht. Mittlerweile müssen Banken hier ebenfalls Milliarden abschreiben, Börsengänge werden aus Angst vor einem Flop verschoben. Möglicherweise, warnen Experten, platzt in Asien bald die nächste Blase.

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