Zu ehrgeizig - DER SPIEGEL
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Manager Zu ehrgeizig

Der neueste Tick der japanischen Wirtschaftselite: Aufsteiger orientieren sich an den oft brutalen Methoden mittelalterlicher Samurai-Krieger.
• aus DER SPIEGEL 38/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schwitzende Samurai-Krieger marschieren durch die Nacht, ihre Schwerter funkeln. Jeden Sonntagabend läßt der japanische Fernsehsender NHK den mächtigen Feldherrn Toyotomi Hideyoshi (1536 bis 1598) in einem aufwendigen Serienspektakel über den TV-Bildschirm ziehen.

Wenn Hideyoshi seine Krieger zum Treueschwur zwingt, wenn die Vasallen sich dem Meister ehrfurchtsvoll vor die Füße werfen, soll die japanische Fernsehnation nicht nur in der Vergangenheit schwelgen. »Vom Drama Hideyoshi lernen«, fordert die Industriezeitung Nikkei Sangyo, das Managermagazin President setzte den Kriegshelden prompt auf das Titelblatt.

Genau so ist die TV-Serie auch gemeint: »Wenn die Manager 'Hideyoshi' sehen, sollen sie das auf sich beziehen und denken: 'Auch ich will mich morgen anstrengen"', erläutert der Drehbuchautor sein Konzept.

Nicht zufällig wurde »Hideyoshi« von Taichi Sakaiya geschrieben, einem ehemaligen Elitebeamten des Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie (Miti). Mit seinen Miti-Kollegen organisierte Sakaiya einst Japans Aufstieg zur zweitstärksten Wirtschaftsnation. Nun will er seinen Landsleuten erneut als Schrittmacher dienen.

Für Ex-Bürokrat Sakaiya ist Hideyoshi der »Mann, der den Traum überwand": Vom zerlumpten Bauernjungen stieg er im 16. Jahrhundert zum gefürchteten Feudalherren auf. In blutigen Schlachten gelang es ihm, das zersplitterte Japan zu einen.

Die Japaner sollen auch von Hideyoshis Mißerfolgen lernen, verlangt der Autor. Denn der Feldherr hatte einen großen Fehler: er war zu ehrgeizig.

Hideyoshi schickte zweimal Truppen gegen den Nachbarn Korea, um von dort das asiatische Festland zu unterwerfen und sich schließlich, so der Plan, auf den chinesischen Kaiserthron zu schwingen. Das Unterfangen scheiterte, währenddessen starb Hideyoshi - ohne einen starken Nachfolger bestellt zu haben.

Die Samurai-Helden bieten Unternehmern und Angestellten der Japan AG ein schier unerschöpfliches Arsenal an Tricks und Kniffen, um im beruflichen Daseinskampf zu überleben. Vielen imponiert die väterliche Fürsorge der Fürsten, die kindliche Treue der Feldherren, die brutale Konkurrenz der Burgherren von einst.

Jeder der Samurai-Charaktere dient mittlerweile als Prototyp für die Jetzt-Zeit: Hideyoshi-Vorgänger Oda Nobunaga (1534 bis 1582) gilt als »super-rationeller Firmenchef« (President). Von Tokugawa Ieyasu, der eine Gesellschaftsordnung begründete, die Japan fast vollständig gegenüber dem Ausland abriegelte, könnten aufstrebende Manager die »Geheimnisse der Personalpolitik« erfahren, behauptet das Magazin Diamond.

Selbst der japanische Management-Guru und ehemalige McKinsey-Berater Kenichi Ohmae preist die strategischen Fähigkeiten der Samurai-Krieger als Vorbilder: »Wenn man kämpft, tut man bis zum Extrem alles, um im Kampf zu siegen. Hat man jedoch einmal gesiegt, vergißt man den Kampf vollkommen und denkt an Ruhe und Ordnung«, schreibt Ohmae in seinem Standardwerk »Firmen-Generalstab«.

Die Japaner lieben solcherlei Ratschläge, die sich aus dem Verhalten ihrer Ur-Ur-Ahnen ableiten lassen. Wenn sonntags die Samurai-Krieger zur Tat schreiten, schnellt die Einschaltquote auf 40 Prozent nach oben. Auch das Buch zur TV-Serie wurde ein Bestseller.

Die japanischen Verlage machen mit der Rückbesinnung auf kriegerische Tugenden allesamt ein gutes Geschäft. Je komplizierter die wirtschaftliche Gegenwart, desto kräftiger offenbart sich die Sehnsucht nach der überschaubaren Vergangenheit. Die Großbuchhandlung Yaesu am Tokioter Hauptbahnhof hat eine spezielle Abteilung für Strategietitel eingerichtet, die sich nahezu alle auf die Tradition der Samurai-Krieger berufen.

»Hideyoshi - konsequenter Dienst am Kunden«, »Historische Rezepte für die verworrene japanische Wirtschaftslage«, »Sieg oder Niederlage« und »Kämpfe, Mutterfirma!«, heißen die Titel. Das Magazin Diamond gibt in regelmäßiger Folge Gesundheitstips für die gestreßten »Wirtschaftskrieger« heraus.

Die Kundschaft ist zumeist schon an der Kleidung erkennbar: blaue Anzüge und schlichte Krawatten - die Uniform der Firmenkrieger eben.

Wer sich nicht allein auf einheimische Feldherren verlassen will, kann sich auch von ausländischen Strategen inspirieren lassen. So berichtet Getränkefabrikant und Buchautor Takanori Nakajo den Lesern, wie er mit »angewandter Kriegskunst« à la Clausewitz und unter Berücksichtigung des Chinesen Sun-tzu die Biermarke »Asahi« zu einem der beliebtesten Getränke gemacht hat: »Um im Kampf zu siegen, muß man zunächst den Feind kennen. Übertragen auf die Welt des Bieres heißt das schlicht: Man muß wissen, was die Verbraucher wünschen.«

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