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EDELSTEINE Zu eng beieinander

Mit massivem Werbeaufwand müht sich die Diamanten-Branche, den lahmenden Absatz ihrer Edelsteine zu beleben.
• aus DER SPIEGEL 45/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Münchner Wirtschaftsberatungsunternehmen IKG, seit gut einem Jahr als Diamantenversandhändler tätig, bereitet die Deutschen per Postwurfsendung auf den Ernstfall vor.

»Was Sie nie vergessen sollten«, rät IKG in seinen fein aufgemachten Prospekten: »Grundstücke kann man enteignen, Diamanten kaum.« Das Photo eines gefechtsbereiten Panzers soll zudem demonstrieren, wie es mal enden kann in deutschen Landen.

Die drohenden Werbesprüche der Münchner Edelsteinvertreiber zielen auf alles, womit Wohlständlern Angst einzujagen ist: auf Sozialismus und Inflation, auf den Fiskus, auf Krisen und Kriege.

Sicherheit vor derlei Unbill bieten laut IKG Diamanten; die eignen sich nämlich vorzüglich als leicht verstaubares Fluchtkapital. O-Ton: »Wer weiß schon, was kommt und wohin man mal geht.«

Mit solch aggressiven Reklametönen wollen die Münchner den müden Markt der teuren Anlagesteine in Schwung bringen und, vor allem, den Umsatz mit den hauseigenen Preziosen erhöhen.

Seit die Diamantenpreise im Februar 1980 ihren Rekordstand erreicht hatten, lahmt der Absatz der Edelsteine. Kapitalanleger, denen Diamanten in den Siebzigern als stark renditeträchtig galten, sind wieder auf andere Objekte umgestiegen. Das schöne Diamanten-Hoch hat sich verflüchtigt.

Bis 1974 noch war der Markt klein und die Internationale der Edelsteinhändler so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft, die in geordneten, patriarchalischen Verhältnissen lebte. Der südafrikanisch-britische De-Beers-Konzern, der mehr als 80 Prozent des Rohdiamantenmarktes beherrscht, kontrollierte die Preise und ließ sie diskret, aber stetig steigen.

Dann nisteten sich Investmenthändler ins Diamantengeschäft ein und kauften auf, was zu bekommen war. Plötzlich waren Diamanten knapp.

Vor allem kleine Anlageberatungsfirmen profitierten davon. Sie konnten mit ordentlichen Wertsteigerungen werben. So kostete ein einkarätiger, lupenreiner Topwesselton, der Ende der sechziger Jahre noch für 5000 Mark zu bekommen war, ein Jahrzehnt später 16 000 Mark. Allein von Anfang 1977 bis Februar 1980 stiegen die Preise für Rohdiamanten um über 120 Prozent.

An die fünfzig deutsche Investmentfirmen haben sich in den letzten Jahren auf den Direktvertrieb der edlen Steine spezialisiert und gelten bei Juwelieren als unfeine Konkurrenz.

Diese Anlageberater, die ihre Steine per Post versenden, vertreiben ihre feine Ware zumeist eingeschweißt in durchsichtigen Plastikkassetten. Dazugefügt werden Wertzertifikate, deren Wert allerdings höchst zweifelhaft ist: Nur wenige gemmologische Institute - jene Einrichtungen also, die über die Klasse des teuren Kohlenstoffs ein Urteil abgeben können - sind international anerkannt.

Unseriöse Geschäftspraktiken und heftige Preissprünge brachten den Markt für Anlage-Diamanten im März vergangenen S.117 Jahres durcheinander. Inzwischen haben Anleger erhebliche Schwierigkeiten, ihre Steine mit Gewinn wieder zu veräußern - zumal vom Händler beim Kauf neben der Mehrwertsteuer auch eine zehn- bis vierzigprozentige Provision verlangt wird, die beim Wiederverkauf nicht weitergegeben werden kann.

So brachte ein im März vergangenen Jahres für 140 000 Mark mit erstklassigem Zertifikat gekaufter Top-Stein seinem Besitzer jetzt nur noch knappe 55 000 Mark.

»Als reine Kapitalanlage war der Diamant seit jeher denkbar unsicher«, weiß der Hamburger Juwelier Renatus Wilm, »zu eng liegen Zugewinn und möglicher Verlust beieinander.«

Hans-Jürgen Seybusch, gelernter Werbefachmann ("Alles, was ich über Diamanten wissen muß, hatte ich in zwei Stunden drauf") und jetzt Diamantenverkäufer bei der Münchner IKG, glaubt dennoch an eine glitzernde Zukunft für seine Zunft: »Unsere Zielgruppe sind die rund eine Million Bundesbürger, die monatlich mehr als 10 000 Mark verdienen.« Bei denen sei »für Anlagediamanten immer Platz«. Es komme eben auf »ansprechende und aufklärende Werbung an«.

Nur Ärzte, hat Seybusch inzwischen gelernt, erweisen sich zuweilen als bockig. Seybusch: »Die sind wohl zu oft betrogen worden.«

Monopolist De Beers müht sich derweil ebenfalls, mit klotziger Werbung die wachsende Diamantenproduktion abzusetzen und den Markt wieder in den Griff zu bekommen. In der Bundesrepublik gab der Konzern für Reklame zuletzt knapp sieben Millionen Mark jährlich aus. Mit zarten Softsex-Anzeigen ("Zeigen Sie mal Stärke bei Ihrer größten Schwäche") warben die Südafrikaner für ihre Edelsteine.

Bisher galt die Werbung fast ausschließlich dem Diamantenschmuck für Damen. Seit Oktober schürft De Beers ("Fragen Sie Ihren Juwelier") in einem neuen Markt. Mit einer vorerst 600 000 Mark teuren Kampagne will der Monopolist mehr edle Schmuckdiamanten an den Mann bringen - als Krawattennadel oder Manschettenknöpfe, Ringe oder Armkettchen.

Wenn der deutsche Mann die Diamanten schon nicht in den Safe stecken will, soll er sie zumindest an der Krawatte tragen.

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