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AUTOMOBILE Zu modern

Das »Auto des Jahres« 1984, der neue Kadett von Opel, kommt bei der deutschen Kundschaft nicht so an wie erwartet. *
• aus DER SPIEGEL 1/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Duell des Jahres schien bereits entschieden, noch ehe es begonnen hatte. Als die Adam Opel AG dem Golf des Wolfsburger Konkurrenten VW im September ihren neuen Kadett entgegenstellte, ernteten die Rüsselsheimer geradezu überschwengliches Lob für den Neuling.

Der »Stern« meldete das »Ende einer Legende«, der Legende nämlich, daß der Golf dem Kadett überlegen sei. Für das Kölner Branchenmagazin »Auto Zeitung« war der Golf nach einem ersten Vergleichstest mit dem Kadett »vom Thron gestoßen«. Die »Frankfurter Rundschau« bescheinigte dem Neuen aus der Nachbarstadt Rüsselsheim »eine große Zukunft«. Ganze zwei Monate nach Erscheinen wurde der Kadett von Autojournalisten mit großem Vorsprung zum »Auto des Jahres« 1984 gewählt.

Der Erfolg des Kadett beim Kunden schien danach nur noch eine Formsache zu sein. Der sehnlichste Wunsch der Opel-Manager, den Golf und mit ihm Volkswagen vom ersten Platz der deutschen Verkaufsrangliste zu verdrängen, schien endlich in Erfüllung zu gehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Die »Liebe auf den ersten Blick« (Opel-Werbung) zwischen professionellen Autokritikern und Kadett ließ die Kundschaft kalt. Im Oktober und November, den ersten beiden vollen Verkaufsmonaten des neuen Modells, konnte Opel gerade 30 000 neue Kadett absetzen. VW verkaufte 52 000 Golf.

Der Kadett blieb damit weit hinter den Erwartungen zurück. Die Opel-Manager hatten mit mindestens 45 000 neuen Kadett in den ersten zwei Monaten gerechnet. Europaweit sollten 1984 noch 120 000 Kadett abgesetzt werden.

Daraus wurde nichts. Bestenfalls 80 000 bis 90 000 sind im abgelaufenen Jahr verkauft worden.

In der Bundesrepublik, die traditionell rund 40 Prozent des Kadett-Absatzes aufnimmt, verkaufte sich das neue Modell bisher sogar deutlich schlechter als der alte Kadett. Im Oktober und November des Vorjahres hatte der Abstand zum Golf nur 8000 Fahrzeuge betragen, fast zwei Drittel weniger als in den Vergleichsmonaten 1984. Dabei waren die Voraussetzungen für Opel damals schlechter: Der Golf war neu, während der alte Kadett durch die Ankündigung eines neuen Modells gebremst wurde.

Die Opel-Händler, die fast die Hälfte ihres Umsatzes mit dem Kadett machen, sind denn auch von dem Neuen schwer enttäuscht. Der Kadett-Verkauf, so ein Hamburger Opel-Händler, laufe »unerwartet schleppend«. Nach Auskunft eines Kollegen aus Köln »steht« der Kadett »wie Blei« auf dem Hof.

Die Schuld an dem »Flop des Jahres«, wie ein Stuttgarter Opel-Händler die Markteinführung des Kadett kommentiert, geben die Verkäufer den Opel-Managern in Rüsselsheim. Opel-Vorstandschef Ferdinand Beickler, dessen Ziel es war, mit dem neuen Kadett »das Image von Opel weiter zu verjüngen und zu dynamisieren«, sei zu weit gegangen. Die aerodynamische Verpackung des Neuen ist vielen Opel-Kunden, die mehr das Biedere lieben, offenbar zu modern.

Inzwischen zeigt sich, wie gut die VW-Manager daran getan haben, die Karosserie des Golf nur behutsam weiterzuentwickeln. Damit bewahrte Volkswagen das verkaufsfördernde Image des klassenlosen Autos. Die Opel-Manager hingegen haben offenkundig ihren Kundenkreis unfreiwillig eingeengt: Die jugendlich-sportlich gestylte Karosserie scheint für ein Massen-Auto ungeeignet.

Darüber hinaus hat der neue Kadett einen schweren Geburtsfehler: Es gibt ihn nur ohne Katalysator. Der Anteil der Katalysator-Fahrzeuge am Gesamt-Absatz nimmt derzeit stetig zu - ein Wachstumsmarkt, an dem Opel mit seinem jüngsten Produkt nicht teilhaben kann.

Läuft es schlecht für den Kadett, dann läuft es auch schlecht für Opel. Der Marktanteil des Unternehmens, der von 15,9 Prozent im Jahre 1981 auf 17,2 im Jahre 1983 gestiegen war, sackte 1984 auf 14,6 Prozent zurück. Zugleich konnte sich der Rivale Volkswagen von 21,3 auf 21,7 Prozent verbessern.

Während VW nach zwei Verlust-Jahren 1984 wieder einen Gewinn erzielte, rutschte Opel nach einem Überschuß von fast 300 Millionen Mark im Jahr 1983 nun wieder tief in die roten Zahlen. Im ersten Halbjahr 1984 mußte die Opel-Mutter General Motors für Europa einen Verlust von rund 250 Millionen Mark hinnehmen. Davon kam der größte Teil aus Rüsselsheim.

Der schwere Rückschlag könnte schon bald personelle Konsequenzen an der Spitze des Opel-Managements haben. In Rüsselsheim wird inzwischen bezweifelt, daß Vorstandschef Beickler das Steuer noch einmal herumreißen kann, zumal er gesundheitlich angeschlagen ist.

Im September erlitt Beickler einen Herzinfarkt. Zwar ist der 62jährige Automanager kurz vor Weihnachten wieder an seinen Schreibtisch zurückgekehrt. Aber bei Opel wird gemunkelt, daß er schon bald auf einen Posten im Aufsichtsrat hinweggelobt werden und an der Opel-Spitze einem jüngeren Mann Platz machen soll.

Unter den Vorstandsmitgliedern in Rüsselsheim hält sich vor allem Hans Wilhelm Gäb, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Intimus von Beickler, für die Nachfolge bereit. Während der dreimonatigen Abwesenheit seines Chefs profilierte sich Gäb in der Umweltdebatte als engagierter Vertreter der Interessen seines Unternehmens und der gesamten Branche.

Wer immer Deutschlands zweitgrößtes Automobil-Unternehmen in Zukunft auch führen wird, er muß dafür sorgen, daß sein wichtigstes Produkt, der Kadett, ein Erfolg wird. Der neue Kadett, so Opel-Chef Beickler bei der Vorstellung des Modells, repräsentiere »nicht nur einen normalen Modellwechsel«, er spiele »für Opel in der Zukunft eine wichtige Rolle«.

So setzen die Opel-Manager derzeit denn auch alles daran, den Geburtsfehler des Kadett so schnell wie möglich zu korrigieren. Bereits im Frühjahr will Opel den Kadett auch mit Katalysator anbieten.

Ob das Auto dem Unternehmen dann doch noch den erhofften Erfolg bringen wird, ist allerdings fraglich. Der billigste Katalysator-Kadett soll knapp 19 000 Mark kosten. Das sind fast 5000 Mark mehr, als ein vergleichbar ausgestatteter Kadett ohne Katalysator kostet.

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