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Wallstreet Zu teuer

Die New Yorker Börse an der Wallstreet droht ihre beherrschende Stellung im Aktienhandel zu verlieren. Immer mehr Anleger wandern an Provinzbörsen und an den freien Aktienmarkt ab.
• aus DER SPIEGEL 7/1972
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»Eines Tages beschloß ich«, erklärte Abraham Treff, 19, Abendschüler in Philadelphia. »die Machenschaften auf dem amerikanischen Aktien markt zu studieren«

Die Lernmittel beschaffte sich Treff per Telephon, Er rief bei renommierten Wallstreet-Maklerfirmen an und gab Kauforder für Aktien bekannter US-Gesellschaften.

Ohne den Schüler nach Einkommen oder Kontostand zu fragen, legten die Makler -- unter ihnen so große Firmen wie Merrill Lynch, Pierce, Fenner & Smith, Paine, Webber. Jackson & Curtis und Reynolds Securities -- für Treff Aktien-Depots im Werte von insgesamt 200 000 Dollar an. Als Gegenleistung für Treffs neuen Reichtum verlangten sie zunächst nicht einen Cent.

Als ihm die Makler, Wochen später, ihre Rechnungen präsentierten, Treff aber nicht reagierte, fragten sie schließlich an, wann er denn zu zahlen gedenke. Erst als sie auch hierauf kein Geld erhielten, wurden einige Makler stutzig: Sie stießen die Papiere -- zum Teil mit Gewinn -- wieder ab. Andere ließen die Treff-Depots stehen, bis dieser seine Erlebnisse mit den kaufhungrigen Aktienmaklern der New Yorker Börsenleitung mitteilte.

»Es ist unglaublich«, staunte ein Beamter der Börsenaufsichtsbehörde SEC über die laxe Makler-Moral, »wie hart heute von den Wallstreet-Maklern um die Kunden gekämpft wird.«

Es ist ein Kampf um Maklers Sein: Nur noch 80 Prozent aller an der New Yorker Börse notierten Papiere wurden 1970 an der Wallstreet umgesetzt. 1967 waren es noch 90 Prozent.

Meinte Robert W. Haack. Präsident der New York Stock Exchange: »Machen wir uns nichts vor. Die Walistreet kämpft heute ums nackte Überleben.«

Denn als Anfang 1970 die Börsenaufsichtsbehörde eine neue Gebühren-Regelung einführte, wurde vielen Aktionären dei Wallstreet-Handel zu teuer. So kann ein Kunde an der New York Stuck Exchange in der Regel Aktien nur in Paketen von mindestens hundert Stück ("round lots") kaufen oder verkaufen. Beim Umschlag kleinerei Pakete ("odd lots") ist neben der Makler-Courtage ein besonderer Aufschlag fällig.

Bei allen Transaktionen von weniger als tausend Papieren dürfen Walistreet-Makler eine feste Zusatzgebühr von 15 Dollar erheben. Würde die Gebühr für einen Auftrag unter 30 Dollar liegen. darf der Makler seine Rechnung um die Hälfte dieses Betrags erhöhen.,. Der Aktionär«, so offenbarte ein Walistreet-Makler. »spielt heute die Rolle einer älteren Geliebten, die für alles zahlen muß.«

Im Wettlauf um die Gunst der Anleger gewinnen Versicherungsunternehmen, Pensions-Fonds und Investmentgesellschaften, die nur geringe Gebühren berechnen, immer mehr an Boden. Und gerade diese institutionellen Großanleger ziehen sich mehr und mehr von der New Yorker Börse zurück. Sie weichen auf regionale Börsen aus. Denn dort ist es -- im Gegensatz zur Wallstreet -- auch ihnen möglich, Börsenmitglieder zu werden, Aktien zu handeln und damit die Maklergebühren zu sparen.

Außer durch Provinzbörsen wird die Stellung der Wallstreet durch den sogenannten dritten Markt geschwächt. Als dritten Markt bezeichnen Amerikas Börsianer den Aktienhandel per Telephon. Über den Draht werden die Papiere von schätzungsweise 55 000 der insgesamt 550 000 amerikanischen Aktiengesellschaften umgeschlagen. Rund 45 Prozent der großen Pakete wechseln schon seit langem ihre Besitzer außerhalb der Wallstreet.

Um die Kurse des dritten Marktes möglichst rasch allen Interessenten mitzuteilen, installierte der Verband der Freiverkehrshändler in Trumbull (US-Bundesstaat Connecticut) eine Computerzentrale. Der Computer informiert die Händler per Fernschreiber über sämtliche Abschlüsse bei rund dreitausend der meistgehandelten Papiere.

Darüber hinaus sammelt täglich ein von den Wertpapierhändlern eingerichteter Notierungsdienst die Angaben über rund 8300 Freiverkehrswerte. Tags darauf erhalten Interessenten im ganzen Land ein Informationsblatt mit den Vortags-Kursen sowie den Namen der Händler. »Auf diese Art«, so meinte ein Mitglied der Börsenaufsichtsbehörde SEC (die auch den dritten Markt überwacht), »wird eine erstaunliche Markttransparenz erzielt.«

Seit April vergangenen Jahres verbreiten die Freimakler auch regelmäßig ihre Kurse von zunächst 78 börsennotierten Papieren. »Setzt sich diese Entwicklung fort«, meinte Wallstreet-Präsident Haack, »dann droht die Wallstreet und unser ganzes Börsenwesen ausgehöhlt zu werden.«

Auch westdeutsche Anleger sollen künftig -- so will es das kalifornische Maklerunternehmen Dahlgren, Richardson & Co. -- auf Amerikas drittem Markt investieren. Von einer Filiale in Frankfurt aus wollen die US-Makler sogar versuchen. Freiverkehrsgeschäfte mit US-Aktien in ganz Europa anzubahnen.

Um die Gefahren, die vom dritten Markt her drohen, zu bannen, sollen Amerikas Börsen nach Vorstellung des ehemaligen US-Zentralbankchefs William McChesney Martin jr., der Ende der dreißiger Jahre auch einmal Präsident der Wallstreet war, nach dem Muster des dritten Marktes umorganisiert werden. Martin schlug vor, sämtliche amerikanische Börsen elektronisch zu einem einzigen Aktienmarkt miteinander zu verbinden.

Einstweilen freilich mochten weder der Wallstreet-Vorstand noch die SEC-Offiziellen eine solch einschneidende Reform befürworten. Wallstreet-Präsident Haack fürchtet: »Das Projekt der Superbörse würde die New York Stock Exchange bis auf den Grund zerstören.«

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