Zukunft des Dax: "Keine Alternative zu Aktien" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zukunft des Dax "Keine Alternative zu Aktien"

Nach dem krassen Einbruch des Dax herrscht Unsicherheit: Soll man Ruhe bewahren oder schnell die Gewinne sichern, fragen sich Anleger. Optimisten warnen, dem Herdentrieb zu folgen und verweisen auf satte Unternehmensgewinne und attraktive Bewertungen.
Von Kai Lange und Karsten Stumm
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Kursrutsch ist heftig: Rund 500 Punkte hat der Dax   binnen sieben Handelstagen verloren, die schärfste Korrektur seit knapp zwei Jahren. War's das jetzt mit der Korrektur oder sollten Anleger schleunigst ihre verbliebenen Gewinne sichern?

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sprach gestern von einem "gesunden Bruch" des Aufwärtstrends, der ihn "überhaupt nicht nervös" mache. Was sollte er auch sonst tun? Sein Fonds-Chefstratege, DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen, hatte dem Dax noch Anfang Mai ein Potenzial bis zu 7000 Zähler zugetraut. Eigentlich waren sich fast alle großen Bankhäuser bis vor wenigen Tagen in ihrem Optimismus einig. Demzufolge muss der angeschlagene Dax in den kommenden Tagen gute Einstiegschancen bieten.

"Wo investieren, wenn nicht am Aktienmarkt?"

Doch auch Investmentstrategen raten zur Gelassenheit. Vor sechs Monaten notierte der Dax noch bei 4800 Punkten, seitdem ist er ohne nennenswerte Verschnaufpause bis auf 6100 Zähler geklettert. Verständlich, dass beim ersten  Rückschlag viele Anleger ihre Gewinne sichern.

"Sich selbst verstärkende Effekte" nennen Analysten das, oder, um es optimistisch zu sagen, eine "Übertreibung nach unten", die "fundamental unbegründet" sei. "Anleger weltweit haben zuletzt schlicht ein wenig Höhenangst bekommen und nutzten die erste Atempause, um Gewinne mitzunehmen", sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse des Allianz Fondsmanagers Dit.  

"Anleger werden mittelfristig wieder Aktien kaufen – denn es gibt derzeit keine vernünftige Alternative zu Aktien", sagt auch Philipp Vorndran, CEO und Investmentstratege bei Credit Suisse Asset Management. Er ist überzeugt, dass sowohl Aktien- als auch Rohstoffpreise mittelfristig wieder steigen werden.

"Wo sollen Investoren, die jetzt Gewinne gesichert haben, ihr Geld wieder anlegen? Renten und Anleihen sind derzeit nicht attraktiv", so Vorndran. Steigende Zinsen drücken in der Regel die Kurse von Anleihen nach unten. "Außerdem leuchten derzeit alle Inflationswarnlichter auf: Das sind keine guten Voraussetzungen, um im Rentenmarkt zu investieren."

Der Stratege von Credit Suisse hält ein Niveau zwischen 5400 und 5600 Punkten im Dax für ein "interessantes Einstiegsniveau": Es würde ihn überraschen, wenn der Index unter die Marke von 5200 Punkten fiele.

Beste Quartalssaison seit Jahren

Dass steigende Zinsen in den USA nun den Aktienmarkt ins Bodenlose schicken werden, hält auch Aktienstratege Frank Schallenberger für eine unbegründete Sorge. "Die Zinssorgen sind vorgeschoben. Wir hatten 16 Zinserhöhungen in den USA bei steigenden Aktienmärkten. Warum sollte eine mögliche 17. Erhöhung die gesamte Entwicklung auf den Kopf stellen?", fragt der Experte der Landesbank Baden-Württemberg.

Ein Fall des Dollar zählt unbestritten zu den größten Risiken für die Finanzmärkte.    Allerdings nur dann, wenn der Dollar zu rasch und zu stark abrutscht: Eine sanfte Abwertung ist dagegen die zwingende Voraussetzung, damit die USA ihr gigantisches Handelsdefizit in den Griff bekommen.

Der steigende Euro hat in den vergangenen Tagen den deutschen Exportwerten zwar tüchtig wehgetan: Ein starker Euro dämpft gleichzeitig aber auch den Anstieg des Ölpreises, denn der Rohstoff wird in der Regel in Dollar berechnet. Energiehungrigen Unternehmen kommt das zu Gute.

Ihren Optimismus für den Dax begründen die meisten Aktienstrategen weiterhin mit den deutlich gestiegenen Gewinnen der Unternehmen. "Fundamental hat sich nicht viel geändert. Die Dax-Unternehmen haben im ersten Quartal sehr gut verdient", sagt Vorndran.

"Die Wirtschaft in Deutschland bleibt auch in den nächsten Monaten intakt", ergänzt Dit-Kapitalmarktexperte Naumer. Ihn sorgen selbst schwächere Konjunkturdaten nicht, wie sie zuletzt etwa das Wirtschaftsstimmungsbarometer des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung signalisierte. "Die Daten normalisieren sich jetzt, nach den teils übertrieben Ausschlägen der vergangenen Monate. Sorgen müssen wir uns deshalb sicher nicht machen."

Die Analysten der US-Investmentbank JP Morgan sind ebenfalls optimistisch. "Wir stehen nicht am Beginn eines Bärenmarktes, sondern haben lediglich eine Pause im aktuellen Zyklus eingelegt", beruhigt Tom Elliott, globaler Stratege von JPMorgan Asset Management. Noch immer sei reichlich Liquidität vorhanden, und Aktieninvestments seien für das freie Kapital nicht zuletzt wegen der neu entfachten Übernahmephantasien ein attraktives Ziel.

Aber warum fallen die Kurse so gnadenlos rasch, wenn Unternehmen so prima verdienen und Zinssorgen wie Dollarschwäche nicht wirklich als Verkaufsargument ziehen? Die Erklärungsansätze sind schlicht: "Nach der guten Quartalssaison und der Rekord-Ausschüttung Anfang Mai sind Anleger in ein Loch gefallen", meint Schallenberger. Frisches Geld gibt's erst wieder im nächsten Jahr, und mit neuen Quartalszahlen ist erst Ende Juli zu rechnen. Zeit also, den Blick zu wechseln und sich unerfreulichen Dingen wie Zinsen, Devisen und der Inflation zu widmen. "Die eigentlich gar nicht dramatisch steigende Teuerungsrate zum Beispiel haben sich viele Investoren deshalb zu stark zu Herzen genommen", sagt Dit-Experte Naumer. "In solch einer Phase sind Indizes anfällig", bestätigt Vorndran.