Zukunft von Chrysler: Rätselraten ums Valentins-Massaker - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zukunft von Chrysler Rätselraten ums Valentins-Massaker

DaimlerChrysler heizt die Angst vor einem "Valentinstag-Massaker" noch mal richtig an. Kurz bevor Konzernchef Zetsche endlich den Sanierungsplan für Chrysler erläutert, erklärt der Konzern: Alles ist offen. Will Zetsche Chrysler loswerden?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Detroit/Stuttgart - Der Aufsichtsrat entscheide heute über die Restrukturierungspläne des Vorstands für den angeschlagenen US-Autobauer Chrysler, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens am Mittag: Der Vorstand beabsichtige, "weitere strategische Optionen mit Partnern zu prüfen."

So weit, so unklar. Will Dieter Zetsche die defizitäre US-Tochter - die er selbst jahrelang geführt hat - jetzt loswerden? Auf der Jahres-Pressekonferenz von DaimlerChrysler   wird er heute Nachmittag seine Pläne erläutern. Allerdings könnte es gut sein, dass er da auch nur das sagt, was auch in der Konzernmitteilung steht.

In der Belegschaft ging schon vor der heutigen Nachricht die Angst um, Gewerkschaftsvertreter erklärten, sie erwarteten ein "Valentinstag-Massaker" - eine Anlehnung an die berühmte Mordserie im Rahmen eines Bandenkriegs in Chicago am 14. Februar 1929.

Dem "Handelsblatt" zufolge werden im Konzern derzeit verschiedene Szenarien diskutiert: So sei neben dem kompletten oder teilweisen Verkauf auch eine Allianz von Chrysler mit einem Konkurrenten denkbar, heißt es in dem Bericht. Schließlich hatte der Chef von Renault   und Nissan  , Carlos Ghosn, kürzlich sein Interesse an einer weit reichenden Kooperation mit einem US-Autokonzern angemeldet. Chrysler könnte aber auch zunächst in eine eigenständige Gesellschaft ausgelagert werden. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" will erfahren haben, dass eine solche Auslagerung hinter verschlossenen Türen bereits in Vorbereitung sei. Ob Zetsche diesen Schritt bereits heute ankündigen soll, entscheide der Aufsichtsrat jedoch erst unmittelbar vor der Pressekonferenz.

Analysten würde die Trennung von Chrysler gefallen - die Chancen, dass das US-Unternehmen sich wieder erholen könnte, stiegen so erheblich. Und vor allem wäre Daimler die schwierige Schwester endlich los, die seit der Fusion 1998 immer wieder die Bilanz verhagelt. 2006 machte Chrysler satte 1,2 Milliarden Dollar Verlust. An der Börse wurde bereits die heutige verschwurbelte Ankündigung gefeiert: Die Aktie schoss am Mittag binnen kurzer Zeit um bis zu 5,1 Prozent auf 51,75 Euro in die Höhe und erreichte damit den höchsten Stand seit Juni 2002. "Die Aussage, dass für Chrysler alle Optionen geprüft werden, hat Fantasie in die Titel gebracht", erklärt ein Analyst. Dabei sei ein Verkauf von Chrysler ebenso interessant wie eine Abspaltung oder eine Partnerschaft.

Trotzdem ist das Schicksal der US-Tochter noch nicht besiegelt. Denn wer sollte den defizitären Autobauer haben wollen? Und die Abspaltung würde Daimler wegen der Ansprüche auf Pension und Gesundheitsvorsorge der Chrysler-Mitarbeiter und der nötigen Kapitalausstattung einer neuen Gesellschaft teuer zu stehen kommen - rund 26 Milliarden Euro müssten die Stuttgarter nach Berechnungen von Sal. Oppenheim wohl hinblättern. Auch die Tatsache, dass die Bilanz-PK erstmals in Auburn Hills statt in Stuttgart abgehalten wird, kann man als Zeichen verstehen, dass DaimlerChrysler vorerst noch zu dem Problemkind in den USA steht.

Zwei Werke und 10.000 Jobs gefährdet

Zu der Unsicherheit, wie genau Zetsche sich über die Zukunft von Chrysler äußern wird, kommen noch die harten Einschnitte, die der Konzern zahlreichen Berichten zufolge plant: 10.000 Jobs sollen demnach gestrichen und mindestens zwei Chrysler-Werke dicht gemacht werden - eins in Delaware, wo die SUVs hergestellt werden, ein zweites in St. Louis, wo Trucks vom Fließband laufen. Drittens werde Zetsche versuchen, Kosten einzusparen, indem Chrysler und Mercedes in Zukunft enger zusammenarbeiten und etwa den geplanten Jeep Grand Cherokee und die Mercedes M-Klasse mit der gleichen Technik herstellen sollen, heißt es. Der Zubehör für die Chrysler-Wagen sollte zudem verstärkt in Asien gekauft werden. So sollen die Produktionskosten pro Auto insgesamt um satte 1000 Dollar gesenkt werden.

Doch dass solche Maßnahmen allein den Autobauer retten können, bezweifeln viele Insider und Experten. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Chrysler und Mercedes etwa dürfte in dem deutschen Konzernteil mit äußerst gemischten Gefühlen gesehen werden. "Es gibt da eine Menge Ängste", zitiert das "Wall Street Journal" eine mit dem Vorgang vertraute Person. Bei Mercedes habe man Angst, dass die Leute irgendwann die billigeren Chrysler-Wagen anstelle eines Mercedes kaufen könnten, wenn bei beiden das Gleiche unter der Motorhaube steckt.

Die Ankündigung, auf lange Sicht Optionen mit Partnern welcher Art auch immer zu prüfen, dürfte deshalb mehr als eine hohle Drohgebärde sein. Die wolkige Formel nicht genauer zu spezifizieren hätte außerdem einen Vorteil: Die Unsicherheit dürfte die Mitarbeiter in nächster Zeit zu einigen Zugeständnissen bewegen.

ase

Mehr lesen über