Zukunftsstudie Service-Industrie wird Deutschlands Boombranche
Hamburg - Insgesamt 34 Branchen gibt es in der deutschen Wirtschaft, von A wie Auto bis V wie Versorgung. Das ist zumindest die offizielle Zählweise der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Doch wie zukunftsträchtig sind die einzelnen Branchen? Dieser Frage ist das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie nachgegangen, die heute in Berlin vorgestellt wurde.
Zu den absoluten Top-Performern gehören die unternehmensnahen Dienstleistungen, also Serviceanbieter von Gebäudereinigung bis IT-Beratung. Mit 77 von 100 möglichen Punkten landet die Branche auf Platz 1. Schon in den letzten Jahren stieg hier die Zahl der Erwerbstätigen um 15,1 Prozent. "Die unternehmensnahen Dienstleistungen sind eine Drehscheibe der Wirtschaft", sagt IW-Chef Michael Hüther. Danach folgt die Pharmabranche, die zuletzt auf einen Zuwachs von 14,4 Prozent kam. Rang drei belegt die Medizin- und Messtechnik.
Um die Zukunftsfähigkeit zu ermitteln, haben die Forscher drei Teilaspekte untersucht. Als erstes ging es dabei um die makroökonomische Performance der jeweiligen Branche, untersucht wurden zum Beispiel die Wertschöpfung und die Entwicklung der Beschäftigungszahlen in der Vergangenheit. Im Anschluss wurde analysiert, welche Wachstumstreiber eine Branche in Zukunft voran bringen. In diesen Index flossen die Entwicklung der Nachfrage, die Investitionen, die Produktivität sowie die Ausgaben für Forschung und Entwicklung mit ein. In einem dritten Schritt folgte eine ausführliche Expertenbefragung, um das Zukunftspotenzial einer Branche zu ermitteln. In diesen Index flossen die Antworten von 70 Wissenschaftlern, Analysten und Beratern mit ein.
Überraschend sind die Ergebnisse zur Autoindustrie. Im Gesamtvergleich kommt die Branche zwar auf einen respektablen vierten Platz. Wenn es dagegen um Forschung und Entwicklung, Innovationen und Humankapital geht, landet die Musterbranche der deutschen Wirtschaft nur auf Rang sieben - hinter der Fernseh- und Rundfunktechnik oder der Mess-, Steuer- und Regeltechnik.
Top ist die Autoindustrie hingegen bei der Bruttowertschöpfung: In den Jahren 2000 bis 2005 erzielte sie hier ein Plus von 37 Prozent. Der hohe Anteil von Vorlieferanten aus dem Ausland scheint der Branche also nicht zu schaden - sie schafft es trotzdem, im Inland neue Werte zu schaffen.
Megatrend Bildung
Gute Zukunftschancen haben aber nicht nur die etablierten Industrien. Für Branchen rund um die Gesundheit sind die Aussichten ebenfalls ausgezeichnet. Dazu zählen die Pharmabranche, die Medizintechnik und das Gesundheitswesen selbst. Alle diese Branchen profitieren von der Alterung der Gesellschaft und den aufbrechenden Familienstrukturen. Bei der Frage, welche Güter und Dienstleistungen in den nächsten zehn Jahren an Bedeutung gewinnen, liegen sie an der Spitze.
"Der Gesundheitssektor ist der Zukunftsbereich der deutschen Wirtschaft", sagt IW-Chef Hüther. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Studie vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) in Auftrag gegeben wurde. Auch sonst hat die Studie einen Makel: Die Gesamtübersicht über alle 34 Branchen stellt das IW der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung. Es werden also nur die Gewinner genannt - und nicht die Verlierer. Offensichtlich möchte sich das arbeitgebernahe Institut, das von Aufträgen aus der gesamten Wirtschaft lebt, keine Feinde machen.
Als weitere Megatrends der Zukunft listet die Studie die Globalisierung, eine verstärkte Einbeziehung von Zulieferern aus dem Dienstleistungsbereich sowie eine Akademisierung der Arbeitswelt auf. Zum Teil ergeben sich daraus automatisch Gewinnerbranchen - wie beispielsweise die Logistik, die vom weltweiten Handel mit Gütern profitiert, oder das Erziehungswesen, das die in der Zukunft erforderliche Bildung vermittelt.
wal