Zur Abschreckung - DER SPIEGEL
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ZAHLUNGSMORAL Zur Abschreckung

Die Gas- und Stromlieferanten klagen über säumige Kunden. Manche Stadtwerke wollen für notorisch schlechte Zahler wieder Münzzähler installieren.
• aus DER SPIEGEL 31/1982
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Zweimal kommt die schriftliche Mahnung, dann erscheint der Kassierer. Der muß, um Geld bei den Strom- und Gaskunden einzutreiben, derzeit viel öfter unterwegs sein als früher. »Unser Mahnkassierer«, sagt etwa Wolfgang Pahl, Leiter der Stadtwerke Husum, »hat mehr zu tun als je zuvor.« Und häufiger als zuvor muß er ohne Geld abziehen.

Wie in Husum sieht es in fast allen bundesdeutschen Städten aus. Die Zahl der säumigen Kunden sei erheblich angestiegen, klagen die Gas- und Stromlieferanten allenthalben.

Den Münchner Stadtwerken kommen täglich rund 50 Anträge auf Gebühren-Stundung ins Haus - 40 Prozent mehr als vor einem Jahr. In Pforzheim wurden 34 Prozent mehr Anschlüsse gesperrt, Ende 1981 hatte sich in Bochum die Zahl der Mahnungen und Stundungen gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt.

Die Zahlungsmoral der Kunden ist so schlecht geworden, daß manche der privaten oder kommunalen Versorgungsunternehmen, so etwa die Stadtwerke Neumünster, auf monatliche Zahlungsweise umstellen. Bislang war ein zweimonatlicher Rhythmus üblich. Die kürzere Abrechnungszeit hat den Vorteil, daß geringere Beträge auflaufen; und die sind leichter einzutreiben.

Über den Grund für die Zahlungsunfähigkeit oder -unwilligkeit muß nicht lange spekuliert werden. In vielen Haushalten sind die Real-Einkommen nun schon im zweiten Jahr nicht gestiegen; in jenen Familien, in denen ein Familienmitglied arbeitslos wurde oder eine weniger gut bezahlte Stelle annehmen mußte, S.65 sind die regelmäßigen Einkünfte gar gesunken.

Schwierigkeiten mit säumiger Kundschaft haben daher nicht nur die Stadtwerker. Seit April, so berichtet ein Manager der Düsseldorfer Stadt-Sparkasse, nehmen bei diesem Geldinstitut die Mahnungen ständig zu. Nach den Beobachtungen der Sparkassen-Banker haben sich im vorigen Jahr schwache Schuldner - vor allem solche, die ihre hohen Hypotheken-Zinsen nicht mehr bezahlen konnten - von Bekannten oder Verwandten Geld geliehen. Das sei nun vorbei. »Die Reserven der Privatkundschaft«, sagt der Sparkassen-Manager, »sind praktisch aufgezehrt.«

Bei der Verbraucherbank in Hamburg stiegen von August vorigen Jahres bis zum März die Anträge auf Stundung von Tilgungszahlungen um ein Drittel. Alfred Richter, Vorstandssprecher der Bank: »Die Leute brauchen eine gewisse Übergangszeit, um sich anzupassen.«

Diese Übergangszeit geht offenbar vor allem zu Lasten der Lieferanten von Gas oder Strom, weil die Ware vor der Bezahlung, also quasi auf Kredit, geliefert wird.

Um an das Geld chronisch schlechter Zahler zu kommen, greifen manche Stadtwerke inzwischen auf ein Relikt der 50er Jahre zurück: Sie installieren Münzzähler, die Strom oder Gas gegen Einwurf einer Münze für bestimmte Zeit fließen lassen. Den Kunden, die mehrmals in Rückstand geraten, »ganz problematischen Fällen« (Stadtwerke Pforzheim), wird die Installation eines Münzzählers angedroht.

Die Husumer haben sich zum Jahresanfang zehn Gas-Münzzähler zugelegt, »mehr zur Abschreckung«, wie Werkleiter Pahl sagt. Zwei Münzzähler sind unterdes in Husum montiert worden. Bei den Geräten muß eine Metallmarke eingeworfen werden, die - gegen Barzahlung natürlich - von den Stadtwerken ausgegeben wird.

Bei Deutschlands größtem Energiekonzern, dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE), hat sich die Inkasso-Abteilung noch nicht auf die Münzschlucker zurückbesonnen. Das RWE läßt nach wie vor pfänden, doch das nun viel häufiger als früher. »Daß Kunden mit relativ kleinen Außenständen von 100 bis 150 Mark in die Zwangsvollstreckung gehen«, sagt ein RWE-Mann, »das hatten wir vorher nicht.«

Es hilft offenbar auch wenig, die Zahlungsbereitschaft mit kräftigen Gebührenerhöhungen für säumige Kundschaft zu fördern. Weil das Mahnen, das Sperren und das Aufheben der Sperre so teuer sei, haben beispielsweise die Kölner Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerke die Gebühren für alles das kräftig angehoben: von 6,50 auf 52,55 Mark.

Aber auch die höheren Gebühren, klagt ein Sprecher der Kölner Stadtwerke, »decken bei weitem nicht den Verwaltungsaufwand«. Die Münzzähler wohl eher.

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