Handel Zuviel kaputt
Der Betriebsrat des »Co op-Gebrauchsgüterzentrums Kamen« will nicht länger unter einem Management arbeiten, das »seit 1966 permanent Mißwirtschaft betrieben« hat. In einem Brief an den Hamburger Aufsichtsrat der konsumgenossenschaftlichen Co op-Gruppe forderten die Arbeitnehmervertreter« »den Vorstand seines Amtes zu entheben und insbesondere die für die derzeitige Misere unseres Versandhauses verantwortlichen Vorstandsmitglieder -- die Herren Balhorn, Boehme, Dr. Mohr und Dr. Peters -- nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch haftbar zu machen«.
Zu der Attacke ·auf ihre obersten Bosse sahen sich die Betriebsräte durch eine Vorstandsorder veranlaßt, nach der das Versandhandeisgeschäft der Co op im Februar nächsten Jahres eingestellt werden soll. Durch den nach Meinung des Betriebsrates »unverantwortlichen Beschluß« verlieren von den im »Gebrauchsgüterzentrum Kamen« 1220 Beschäftigten rund 750 ihren Arbeitsplatz.
Ihren »lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern« hatten die Co op-Manager in einem Rundschreiben mitgeteilt, das Versandgeschäft sei für das Unternehmen »immer mehr zu einer finanziellen Belastung geworden, die die Existenz des Gebrauchsgüterzentrums insgesamt bedroht«.
Der Befehl zur Liquidation des Versandgeschäfts kam für die Co op-Bediensteten in Kamen völlig überraschend. Denn die Geschäftsentwicklung des Unternehmens war in letzter Zeit durchaus positiv. Allein 1972 wurden bei einem Angebot von über 20000 Artikelpositionen Versandwaren im Werte von 598 Millionen Mark verkauft -- 11,2 Prozent mehr als 1971.
Diese Zahlen konnten Branchenkenner jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Co op. Manager ihr Versandgeschäft organisatorisch nicht in den Griff bekamen. So mußten Kunden, die in Co op-Läden Bestellungen nach den rund 500 Seiten starken Katalogen aufgaben, oft bis zu sechs Wochen warten, ehe die gewünschte Ware bei ihnen zu Hause eintraf.
Als die Bestellungen in den Co op-Geschäften deswegen immer mehr zurückgingen, weigerten sich zahlreiche Konsumgenossenschaften, beim Kataloggeschäft weiter mitzumachen: Dutzende von Konsumläden nahmen für die Kamener Zentrale keine Bestellungen mehr an.
Um die Verluste auszugleichen, konzentrierte das Management alle Kräfte auf das schon beim Otto Versand und anderen Branchenunternehmen bewährte Sammelbestellungssystem. Über ein dichtes Netz von Außendienstmitarbeitern wurden Genossen dazu angehalten, bei Verwandten und Betriebsangehörigen Aufträge hereinzuholen. Für ihren Feierabend-Job erhielten die sogenannten »VN« (Vertreter im Nebenberuf) neun Prozent Rabatt plus ein Prozent Inkassoprovision.
Die neuen Verkaufsagenten der Kamener waren so fleißig, daß in der Zentrale eine wahre Auftragsflut einging. Dies bescherte dem Management jedoch neue Probleme. Denn eine eigens für diesen Zweck installierte Computer-Anlage brachte gelegentlich die ganze Auftragsabwicklung durcheinander. So wurden Kühlschränke nicht an die vorgeschriebenen Kundenadressen geliefert, sondern nebenberuflichen Vertretern ins Haus geschickt. Den Feierabend-Verkäufern blieb schließlich nichts anderes übrig, als die Ware auf eigene Kosten an ihren Bestimmungsort weiterzubefördern. Eine Reihe von Sammelbestellern orderte deshalb nur noch Waren, deren Weitertransport ihnen keine Schwierigkeiten machte.
Im Protokoll einer Kamener Verkaufsgebietsleiter-Tagung wurde sogar der Verdacht geäußert, »in unserem Betrieb herrscht Sabotage. Fast alle Teilnehmer hatten nämlich über »Fehlbuchungen«, »defekte Lieferungen« und daraus resultierende »Umsatzverluste« zu klagen. Eine Musiktruhe für 498 Mark habe zum Beispiel dreimal zurückgesandt werden müssen, da sie entweder in der »falschen Farbe«, »kaputt« oder »beschädigt« geliefert wurde. Aus dieser einen Bestellung seien allein 350 Mark Frachtkosten entstanden.
Erschwert wurde die Arbeit der VN-Mitarbeiter noch durch eine unverständliche Arbeitsanweisung der Zentrale. So durften die Vertreter zwei Kilometer im Umkreis eines jeden Co op-Geschäftes keine Bestellungen annehmen. Ergebnis: Der Co op-Versandhandel verlor in der Sperrzone immer mehr Kunden an die Konkurrenz.
Die Kamener Betriebsräte glauben inzwischen herausgefunden zu haben, daß solche Schwierigkeiten »unter der Leitung eines neuen Managements« rasch zu beheben seien. In einer Resolution »Zur Rettung unseres Versandhandels« schlugen die Arbeitnehmervertreter vor, den Co op-Versandhandel mit einer »Forcierung des Sammelbesteller-Geschäfts« fortzusetzen.
Für den Fall, daß die Hamburger Genossenschaftsbosse auf den Rat ihrer Betriebsräte keinen Wert legen, wollen die selbstbewußten Arbeitnehmer das Kommando im Betrieb selbst übernehmen. Ihr Plan: »Das Kamener Unternehmen wird aus der Co op-Gruppe juristisch herausgelöst und als gemeinwirtschaftliches Unternehmen durch die Arbeitnehmer des Gebrauchsgüterzentrums Kamen in eigener Regie weitergeführt.«
Finanzielle Unterstützung erhoffen sich die Kamener unter anderem von der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft und den Wirtschaftsförderungseinrichtungen des Landes Nordrhein-Westfalen. Betriebsratsvorsitzende Lore Lowey: »In spätestens zwei Jahren könnte das Unternehmen dann wieder rentabel arbeiten.«