Unternehmen Zwei Klassen
Viele Erben hatten eine weite Reise. Sie kamen von den Kanarischen Inseln, aus den USA und sogar aus Südamerika. Zuvorkommend wurden die Vertreter der 220köpfigen Siemens-Sippe in der Münchner Konzernzentrale empfangen.
Einige aus dem Troß besichtigten die renovierte Vorstandsetage mit den knallgelben Rohrobjekten an den Flurwänden. Dann ließen sie sich von Oberhaupt Peter Carl von Siemens ("PC") und Finanzvorstand Karl-Hermann Baumann über die Geschäftslage berichten.
Bei der Hauptversammlung wurden die Gründererben in der Olympiahalle von Saaldienern zu ihren Plätzen gebracht. Die ersten Stuhlreihen waren extra freigehalten worden.
Die Sonderbehandlung derer von Siemens geht vielen Aktionären inzwischen zu weit. Sie fordern mehr »Aktionärsdemokratie«. Schließlich besitzt die Sippe nur 1,65 Prozent des Grundkapitals als Vorzugsaktien.
Doch der Einfluß ist viel größer, die Schmeicheleien für die Erben haben einen Grund. Ihre Anteile sind nämlich mit dem sechsfachen Stimmrecht ausgestattet. Damit kommt der Clan auf 9,9 Prozent der Stimmen.
Die Familie besitzt darüber hinaus weitere rund 7 Prozent Aktien mit einfachem Stimmrecht. Da auf den Hauptversammlungen von Siemens nur wenig mehr als 50 Prozent des Grundkapitals präsent sind, kommen die Erben bei den Aktionärstreffen auf weit über 25 Prozent. Kein Wunder, daß sich die Manager deren Wohlwollen sichern.
Bisher hat die Familie ihren Stimmblock nicht eingesetzt. Doch Kritiker befürchten, die Sippe könnte bei Beschlüssen gegen ihre Interessen alles blockieren. Kein anderer Einzelaktionär und keine Anlegergruppe verfügt über ein annähernd großes Stimmenpaket.
Das Vorrecht bei Siemens stammt aus dem Jahre 1920 und wurde 1945 bestätigt, nachdem Gründer-Enkel Ernst von Siemens den Aktienbesitz der Familie vor der Einnahme Berlins nach München geschafft hatte.
Solche Stimmrechte seien »anachronistisch«, schimpfte der Würzburger Wirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger, 40, auf der Hauptversammlung dieses Jahres. Die »Zwei-Klassen-Gesellschaft« müsse abgeschafft werden.
In der Tat präsentiert sich der deutsche Elektromulti mit seinen 407 000 Beschäftigten in 150 Ländern immer noch als Familienunternehmen. Die Kritiker wollen verhindern, daß eines Tages ein total zerstrittener Clan das Ansehen des Konzerns schädigt.
Die Hauptversammlung bei Siemens wollten die Opponenten als Plattform nutzen, so Wenger, um »ein politisches Signal zu setzen«. Denn die Bundesregierung weigert sich seit Monaten beharrlich, eine Anweisung der EG-Kommission in deutsches Recht umzusetzen. »Mehrstimmrechte«, steht in einer Brüsseler Richtlinie zum Europäischen Aktienrecht, »sind verboten.«
Die Lobby der Konzerne mit Stimmrechtsprivilegien konnte bislang verhindern, daß der Anachronismus abgeschafft wird. Mit dem Mehrstimmrecht, argumentieren die Bewahrer, könnten feindliche Übernahmen verhindert werden.
Das traf bislang nur einmal zu - bei der Essener Goldschmidt AG. Mit ihren zehnfachen Stimmrechten konnten die Familiengesellschafter eine unerwünschte Machtergreifung durch den Mischkonzern Viag und die Ruhrkohle bisher verhindern.
Uneinnehmbare Bollwerke sind die Energiekonzerne HEW (40faches Stimmrecht) in Hamburg, Energieversorgung Ostbayern (35fach) und das Essener RWE (20fach). Die Mehrstimmrechte waren nach dem Ersten Weltkrieg zum Schutz der Stromkunden vergeben worden.
Vehement verteidigen heute die Vertreter der Kommunen ihre Privilegien. Mit 30 Prozent am Grundkapital, aber 60 Prozent der Stimmen schmetterten im Dezember vergangenen Jahres die Vertreter von 64 Gemeinden und Städten den Antrag auf Verzicht der Vorzugsrechte bei RWE ab.
Bei Siemens hatten Vorstand und Aufsichtsratsspitze alles akribisch vorbereitet, um die Oppositionellen auflaufen zu lassen. Beim Familientreffen vor der Hauptversammlung instruierte Finanzvorstand Baumann die Erben. Sie sollten sich keinesfalls zu Wortmeldungen provozieren lassen.
Baumann konnte nicht nur die Stimmen der Familie einsetzen, auch die Depotbanken votierten gegen Wengers Antrag, die Mehrstimmrechte abzuschaffen. Die Geldhäuser waren vom Finanzchef vorher auf Kurs gebracht worden. Schließlich wollte keiner den Bruch mit einem so wichtigen Großkunden riskieren. Siemens legt einen Großteil der rund 20 Milliarden Mark Liquidität in Wertpapieren und als Termingeld an.
So abgesichert hatten die Siemens-Manager leichtes Spiel mit den Kritikern. Mitten in Wengers Rede schaltete Aufsichtsratschef Heribert Närger einfach das Mikrofon ab.
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_119b Aktionärsgruppen bei Siemens
_____ / Japan; USA; Deutschland; EG ohne Deutschland
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