HANDEL Zweikampf in der City
Noch bevor Ingo Riedel vor etwa einem Jahr mit der Führung des Quelle-Konzerns beauftragt wurde, sorgte der promovierte Jurist in der altehrwürdigen Firmenzentrale in Fürth für Aufregung.
»Rotzfrech und naßforsch«, erinnern sich Mitarbeiter des traditionsreichen Versandhauses, sei »der Youngster«, damals einfaches Mitglied des Vorstands, dahergekommen. Immer wieder habe er sich in die Angelegenheiten der Spartenchefs eingemischt und sich »als Controller aufgespielt«.
Das war erst der Anfang: Riedel, 37, hat Großes vor. Der für Fürther Verhältnisse ungewöhnlich junge Vorstandschef, verheiratet mit einer Enkeltochter des 1977 verstorbenen Firmengründers Gustav Schickedanz, will das biedere Versandhaus zu einem der größten Handelskonzerne in Deutschland ausbauen und in die Top ten in Europa bringen.
Noch in diesem Jahr wird Quelle Großaktionär der Karstadt AG in Essen, des größten deutschen Warenhauskonzerns. Dann entsteht ein Unternehmen mit 40 Milliarden Mark Umsatz und 133 000 Mitarbeitern.
Wenn das Kartellamt, wie erwartet, im August seine Zustimmung erteilt, ist der spektakuläre Deal perfekt. Vergangene Woche wurden auch noch die letzten Querelen um die Besetzung des künftigen Karstadt-Vorstands beseitigt: Spätestens im Frühjahr kommenden Jahres wird der frühere Kaufhof-Chef Wolfgang Urban, 52, die Leitung in Essen übernehmen.
Der geplante Zusammenschluß des Warenhausgiganten und des Versandriesen markiert einen neuen Höhepunkt der Konzentrationswelle im Einzelhandel. Nie zuvor wurde in Deutschland eine Handelsfirma dieser Größenordnung von einem Konkurrenten geschluckt.
Immer deutlicher zeichnet sich ab, daß die von Experten wie dem Metro-Vorstandssprecher Klaus Wiegandt, 59, schon vor mehr als zehn Jahren abgegebene Prognose eintrifft: Anfang des nächsten Jahrhunderts werden fünf oder sechs Handelsgiganten das Geschäft überwiegend unter sich ausmachen - und Riedel will dabeisein.
Die Zeit drängt. Sinkende Realeinkommen bei den Verbrauchern, knallharte Preiskämpfe und die immer noch anhaltende Ausweitung der Verkaufsflächen haben den Einzelhandel in die schwerste Krise der Nachkriegszeit gestürzt.
Was jetzt zählt und das Überleben sichert, ist die Einkaufsmacht bei den Herstellern: Mit Karstadt wird Quelle der mit Abstand größte Textilhändler der Republik; die Nummer eins im Buchhandel ist Karstadt bereits.
Seit sechs Jahren schon muß sich der drittgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland mit schrumpfenden Umsätzen plagen, und sein Anteil am privaten Verbrauch sinkt ständig: 1991 konnte der Handel von jeder ausgegebenen Mark noch 42 Pfennig in seine Kasse lenken - jetzt sind es nur noch 34 Pfennig. Und deutlich mehr als die rund 700 Milliarden Mark der Vorjahre werden die Verbraucher auch in diesem Jahr nicht in den Läden lassen.
Besonders hart getroffen sind die Warenhäuser, denn die Innenstädte ziehen immer weniger Kunden an. Gegenüber den frühen neunziger Jahren zählen Marktforscher in Städten wie Lübeck oder Essen, Hamburg und München bereits einen Rückgang der Besucher um 12 bis 25 Prozent. Und nicht nur dort: »Vielerorts« registriert die Hamburger Immobilienmanagerin Elisabeth Lange »eine dramatische Verarmung der innerstädtischen Einzelhandelsszene und eine Verödung des urbanen Lebens«.
Die Folge: Immer mehr Warenhäuser gaben auf. Zunächst erwischte es nur die Billiganbieter wie Kepa oder Bilka, die mit ihren hohen City-Mieten keine Chance hatten gegen die sich immer weiter ausdehnenden Verbrauchermärkte an den Stadträndern. Damals gab auch Quelle seine Warenhäuser auf und verkaufte die meisten von ihnen an den Konkurrenten Hertie.
In den nächsten Monaten werden auch noch die Signets der Kaufhalle, dem Billigableger des Kaufhofs, aus dem Straßenbild verschwinden. In den Innenstädten setzt dann nur noch die Woolworth-Kette auf die einkommensschwache Kundschaft.
Aber auch mit ihren Haupthäusern gerieten die einst so starken Warenhauskonzerne immer heftiger in die Zange zwischen trendigen City-Boutiquen und den Billiganbietern auf der grünen Wiese. Mit ständig wechselnden Konzepten versuchten sie, die Kunden in ihre Konsumtempel zu locken. Doch der Erfolg blieb meist aus - das große Fressen begann.
Von den einst vier großen Warenhauskonzernen überlebte bis jetzt nur Karstadt als selbständiges Unternehmen: Horten wurde vom Kaufhof geschluckt, Kaufhof fand unter dem Dach der Metro Unterschlupf, und Hertie wurde zum Ableger von Karstadt. Ein Mittel gegen den Kundenschwund ist die Konzentration jedoch nicht - die Branche braucht neue Ideen.
Das hatte zunächst nur Horten bemerkt. Doch die Firma war zu schwach, um die Innovationen konsequent umzusetzen. Erst nach der Übernahme durch Kaufhof/Metro wurde das sogenannte Galeria-Konzept zum Erfolgsmodell. Mit hochwertiger Markenware, kleinen Shops und phantasievoller Warenpräsentation schuf der damalige Kaufhof-Chef Urban ein Lifestyle-Ambiente, das auch jüngere und kaufkräftigere Kunden anzieht.
Nach und nach werden alle Kaufhof-Filialen nach dem neuen Konzept umgerüstet. Und der Erfolg ist verblüffend. Bei der umgestalteten Kaufhof-Filiale an der Düsseldorfer Königsallee zum Beispiel stieg der Umsatz bis Ende Mai um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die nahegelegene Karstadt-Filiale Branchenberechnungen zufolge ein Minus von 4 Prozent verzeichnet.
Anders als Urban hatte Karstadt-Chef Walter Deuss, 62, bis vor kurzem weiter an den alten Rezepten festgehalten. Nur die gewaltigen Finanzreserven des Konzerns verhinderten, daß Karstadt ins Trudeln geriet, obwohl allein in den letzten fünf Jahren der Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche von 9100 auf 6900 Mark gesunken ist.
Vor gut einem Jahr spitzte sich die Lage dramatisch zu. Wochenlang arbeiteten einflußreiche Mitglieder im Aufsichtsrat mit gezielten Indiskretionen darauf hin, den glücklosen Vorstandschef, der seit 16 Jahren den Konzern regiert, aus dem Amt zu jagen.
Nur durch eine Verquickung glücklicher Umstände konnte Deuss seinen Job behalten. Doch die Deutsche Bank und die Commerzbank hatten nach dem gescheiterten Putschversuch endgültig das Interesse an dem wenig rentablen Konzern verloren und begannen, einen Käufer für ihre Anteile zu suchen. In Ingo Riedel, der gerade sein Amt als Vorsitzender der Schickedanz-Holding angetreten hatte, fanden sie schließlich einen Interessenten, der bereit war, für den Einstieg bei Karstadt rund eine Milliarde Mark zu zahlen.
Das knapp 20 Prozent starke Paket der Banken reichte aber noch nicht aus, um Riedel die Führung in Essen zu verschaffen. Da traf es sich gut, daß auch Karstadt-Aufsichtsratschef Guido Sandler, der die Interessen der Hertie-Erben vertritt und seit langem mit Deuss im Clinch liegt, über einen Ausstieg bei Karstadt nachdachte. Riedel und Sandler wurden handelseinig, und »zu einem sehr günstigen Preis«, so ein Schickedanz-Manager, ging das 30 Prozent-Paket der Hertie-Stiftung nach Fürth.
Inzwischen sind die Verträge mit der Hertie-Stiftung unterschrieben, die Banken haben eine Lösung gefunden, wie der etwa 1,2 Milliarden Mark teure Deal abgewickelt werden kann, und Sandler räumt im Herbst seinen Aufsichtsratsposten für Hans Meinhardt, den Vorsitzenden im Gesellschafterausschuß von Schickedanz. Mit dem anerkannten Branchenexperten Urban, der im Januar nach langen Querelen frustriert aus dem Metro-Vorstand ausgeschieden war, hatte der ehrgeizige Quelle-Chef auch schon einen geeigneten Steuermann für Karstadt gefunden.
Alles schien perfekt. Nur mit einem hatte Youngster Riedel nicht gerechnet: dem Zorn des mächtigen Metro-Managers Erwin Conradi, 63.
Als der Metro-Oberaufseher erfuhr, daß Urban zur Konkurrenz übergelaufen war, obwohl er bei seinem Abschied bei der Metro eine Wettbewerbsklausel unterschrieben hatte, drohte er, seinen einstigen Intimus öffentlich bloßzustellen. In diversen Schreiben warf Conradi dem designierten Karstadt-Chef unter anderem »schwerwiegende Verfehlungen« und »Spesenbetrug der primitivsten Art« vor.
Bei der Metro-Hauptversammlung am Dienstag dieser Woche werde er das Thema zur Sprache bringen. Dann, so Conradis Drohung, liege »die Vermutung nahe«, daß Urban die Entlastung als Vorstand verweigert werde und er »zu Schadensersatz herangezogen werden« könne.
Urban war sich keiner Schuld bewußt und schaltete auf stur. Er habe nur unterschrieben, »nicht zu Karstadt zu wechseln«. Bei seinem Eintritt bei der Schickedanz-Holding, behauptete er listig, sei noch gar nicht klar gewesen, daß Quelle die Mehrheit bei Karstadt übernimmt.
In fieberhaften Verhandlungen versuchte vergangene Woche der von Quelle beauftragte PR-Berater Moritz Hunzinger zu verhindern, daß der designierte Karstadt-Chef öffentlich des Betrugs bezichtigt wird. Am Freitag morgen war er am Ziel. In seinem Frankfurter Büro übergab Hunzinger einen Scheck über 15 713 Mark an Metro-Vorstand Wiegandt.
Damit übernahm Urban »ohne Anerkennung einer Rechtspflicht« nachträglich die Kosten »für eine Flugreise, deren geschäftliche Veranlassung zwischen den Beteiligten streitig ist«. Im Gegenzug erklärte Conradi, daß nun »kein rechtlich relevanter Anlaß besteht, Herrn Urban die Entlastung zu verweigern«.
»Von mir aus«, spielt Metro-Chef Wiegandt den Konflikt herunter, »kann Herr Urban morgen bei Karstadt anfangen.« Seine Leistung beim Kaufhof, so Wiegandt, werde »sowieso gnadenlos überschätzt«.
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Quelle und Metro: Übernahmen der Kaufhausriesen
Geschäftszahlen großer Handelskonzerne
[GrafiktextEnde]
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