Zweite Welle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 100

BANKEN Zweite Welle

Japanische Banken drängen verstärkt in das internationale Kreditgeschäft. *
• aus DER SPIEGEL 18/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Nobuya Hagura, Amerika-Repräsentant einer japanischen Bank, dem Wall Street Club hoch oben im Chase Manhattan Plaza beitreten wollte, holte er sich eine Abfuhr. Keiner der Banker und Firmenmanager, denen der Klub zur Pflege nützlicher Beziehungen dient, fand sich bereit, für den Japaner zu bürgen.

Das ist noch keine 20 Jahre her. Heute erfreut sich der Japaner, der damals den ganzen Hochmut des New Yorker Dollar-Establishments zu spüren bekam, in Wall Street größter Wertschätzung. Nobuya Hagura ist inzwischen Präsident der größten Bank der Welt. Die allerdings heißt nicht Chase Manhattan, Citicorp oder BankAmerica. Es ist Dai-Ichi Kangyo, Hauptsitz Tokio.

Bitter für die Amerikaner. Japans Banken haben die bis vor wenigen Jahren noch als unanfechtbar geltenden Geldgiganten aus Nordamerika überholt. Von den 20 größten Banken der Welt tragen 13 japanische Namen. Japan, stellte das »Wall Street Journal« fest, sei zur »globalen finanziellen Supermacht« aufgestiegen.

Amerikas größter Bankkonzern Citicorp muß sich heute mit Platz sechs begnügen, davor liegen nur Japaner. Der bundesdeutsche Branchenführer, die Deutsche Bank, rangiert weit abgeschlagen auf Rang elf. Japans Nummer eins, Dai-Ichi Kangyo, ist nach der Bilanzsumme fast doppelt so groß wie das Spitzeninstitut der Bundesrepublik.

Jahrelang haben die Japaner erfolgreich einen Produktionssektor nach dem anderen aufgerollt - vom Auto über die Unterhaltungselektronik bis zu den Chips. Jetzt drohe »eine zweite Welle«, meint Willy de Clercq, in der Brüsseler EG-Kommission verantwortlich für Handelspolitik und Außenbeziehungen. Die Japaner hätten sich »das Finanzgewerbe als Ziel für die Eroberung ausgewählt«.

Da ist schon manches Bollwerk des westlichen Kapitalismus gefallen. Die jüngsten Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel belegen es: Die Japaner haben gegenwärtig mehr Kredite an Kunden jenseits ihrer Landesgrenzen vergeben als die Amerikaner.

Zum ersten Mal überstiegen Ende September vergangenen Jahres die Auslandsforderungen der Banken in Japan (509 Milliarden Dollar) die der Geldkonzerne aus den USA (488 Milliarden Dollar). »Die Entwicklung des internationalen Bankgeschäfts«, analysierten die BIZ-Experten, »wurde von September 1986 bis September 1987 von den japanischen Banken dominiert.«

Das bekommen vor allem die Amerikaner zu spüren, die von einer japanischen Geldflut überspült werden. Kalifornien, geographisch ohnehin Einfallstor für die Asiaten, scheint dabei einen besonderen Reiz auf die neuen Konkurrenten auszuüben.

Fünf der zehn größten Banken Kaliforniens gehören den Japanern. Erst kürzlich erwarb die Bank of Tokyo für 750 Millionen Dollar über ihre Tochtergesellschaft California First Bank die Union Bank in Los Angeles, das fünftgrößte Geldhaus des US-Bundesstaats.

Inzwischen kontrollieren japanische Banken schon 22 Prozent des kalifornischen Kreditmarktes. Auf japanische Institute entfallen mittlerweile fast zehn Prozent der von Banken in den USA ausgewiesenen Aktiva.

Bei den feinsten Adressen des amerikanischen Geldgewerbes sind die Japaner mit ansehnlichen Beteiligungen dabei: Sumitomo Bank beispielsweise bei der Wall-Street-Firma Goldman, Sachs und, ebenso wie die Versicherungsgesellschaft Nippon Life Insurance, bei Shearson Lehman Bros. Ein Bankenkonsortium unter Führung der Mitsui Bank sowie Versicherungskonzerne stiegen mit 350 Millionen Dollar bei der Bank America ein.

Doch die japanischen Bankiers haben nicht nur an Amerika Gefallen gefunden: Auch am wichtigsten Finanzplatz Europas, in London, sind sie von Jahr zu Jahr besser vertreten. Auf die 31 japanischen Banken in der britischen Hauptstadt entfallen 36 Prozent des internationalen Bankgeschäfts, das von London aus betrieben wird.

Bei ihrem Vorstoß nach England haben die Japaner gezeigt, daß sie auch größere Risiken nicht scheuen, wenn sie dadurch ins Geschäft kommen. So boten sie den Stadtverwaltungen von Sheffield und Liverpool sowie der gemeinnützigen Baugesellschaft Abbey National Building Society Kredite an. Englischen Banken schienen solche Engagements nicht profitabel genug oder, im Fall der heruntergewirtschafteten Städte, zu riskant.

Japanische Banken waren auch dabei, als die Kredit-Milliarden für den Eurotunnel gesammelt wurden. Sie sind überdies

stets darauf bedacht, mit freundlichen Gesten etwas für ihren guten Ruf zu tun. So spendete das Brokerhaus Nomura in London einen ansehnlichen Geldbetrag der Tate Kunst-Galerie.

Auch in der bundesdeutschen Bankenszene kommen die Japaner voran - allerdings sind sie hier noch längst nicht so allgegenwärtig wie in England oder Kalifornien. Mit einem Geschäftsvolumen von gut 35 Milliarden Mark haben sie nur einen Anteil von knapp einem Prozent am Geschäft aller Banken in der Bundesrepublik.

Alle großen Banken Japans haben sich jedoch in der Bundesrepublik niedergelassen. Einen Großteil der über 20 Kreditinstitute zog es nicht in das deutsche Finanzzentrum Frankfurt, sondern nach Düsseldorf.

Aus gutem Grund: In der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt und ihrem Umland ist rund die Hälfte aller in der Bundesrepublik tätigen Japan-Firmen ansässig, mit denen die Bankiers aus der Heimat den größeren Teil ihres hiesigen Geschäfts machen.

Zielstrebig bauen die japanischen Geldmanager in der Bundesrepublik vor allem den Wertpapierhandel aus. Sie tun dies über rechtlich selbständige Tochtergesellschaften, wie es die japanischen Bankengesetze vorschreiben.

So haben die Bank of Tokyo und die Industrial Bank of Japan Wertpapiertöchter in Frankfurt. Tokios Finanzministerium hat bereits drei weiteren Banken - Fuji, Sumitomo und Mitsubishi - die Genehmigung erteilt, Wertpapierfirmen in der Bundesrepublik zu gründen.

Wie rasch das Wertpapiergeschäft wächst, macht Shujiro Hirose, Chef der Bank of Tokyo Ltd. in Düsseldorf, deutlich: Bei dem Wertpapierableger der Bank arbeiteten vor anderthalb Jahren sechs Mitarbeiter, inzwischen sind es mehr als 30.

Vor allem bei der Ausgabe neuer DM-Anleihen, dem sogenannten Emissionsgeschäft, wollen die Japaner künftig eine wichtige Rolle spielen. Seit Oktober vergangenen Jahres dürfen sie, so entschied die Bundesbank, als sogenannte Konsortialführer tätig sein, das heißt, neue Wertpapiere verkaufen. Es ist ein besonders einträgliches Geschäft.

Der Erfolg der japanischen Banken wird zum Teil noch mit Mißtrauen beobachtet. Die Japaner, so meinen manche Kritiker, verfolgten eine Strategie, die sie im industriellen Bereich bereits erprobt hätten: Mit niedrigen Preisen, notfalls auch unter den eigenen Kosten, versuchten sie möglichst hohe Marktanteile zu erobern. Zinsen, Kommissionen und Gebühren seien häufig hauchdünn kalkuliert.

Daß die Japaner auf die internationalen Finanzmärkte drängen würden, war andererseits unvermeidlich. Japan schwimmt geradezu in Geld. Gewaltige Exportüberschüsse und eine fast beispiellose Sparwut der Bevölkerung schwemmen riesige Beträge auf die Konten.

Die sind im eigenen Land gar nicht unterzubringen. Doch während die japanischen Banken immer mehr auf die internationalen Märkte drängen, haben es ausländische Banken in Japan noch schwer. Zwar sind viele Institute - darunter auch sieben führende deutsche Banken - am Finanzplatz Tokio im Wertpapiergeschäft dabei. Aber im traditionellen Kreditgeschäft machen die ausländischen Bankiers in Japan die gleichen Erfahrungen wie zuvor die Kollegen aus der Industrie: Mit viel Einfallsreichtum und einer Fülle staatlicher Reglementierungen sichern sich die Japaner die besten Kontrakte.

Besonders benachteiligt sind ausländische Banken in Japan durch die für sie sehr hohen Kosten der Geldbeschaffung. Die japanischen Institute besorgen sich ihre Mittel über ein weitgestreutes Filialnetz zu sehr günstigen Zinsen, die staatlich kontrolliert sind. Den Auslandsbanken ist dieser Weg versperrt. Sie müssen sich über die vergleichsweise teuren Geld- und Kapitalmärkte finanzieren und dabei einen Wust staatlicher Auflagen erfüllen.

Das ändert sich nur langsam. Wie beim Abbau der Handelsbarrieren zieren sich die Japaner, die Ausreden sind oft allzu durchsichtig. »Eine Liberalisierung«, behauptet Kaneo Nakamura, Präsident der Industrial Bank of Japan, »kann nur schrittweise erfolgen, da es sonst zu Turbulenzen nicht nur im Finanz- und Banksystem, sondern in der gesamten Volkswirtschaft kommt.«

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 100