Abends kalt
Wie eine fünfzehndächrige chinesische Pagode ohne Glöckchen steht der »Energie-Baum« im Garten des Erfinders im rheinischen Hersel. Günther Wegner, in Zeitungen schon gerühmt als »Edison von Hersel« und »rheinischer Einstein«, gewinnt damit Wärme für sein Haus: Wegner, so ein Bericht in der Bonner »Welt«, »heizt mit Regen, Schnee und Wind«.
Wegners »Energie-Baum«, etwa fünf Meter hoch, besteht aus übereinandergeschichteten flachen Kunststoff-Hohlkörpern, die von einer Salzlösung durchströmt werden und der Umgebungsluft Wärme entziehen.
Etwas stabiler, weil aus Kupfer statt Plastik, wirkt der »Energie-Turm« der Hamburger Firma Spranger & Büll (Typenbezeichnung: »ESB 1200"), der vorletzte Woche auf der Hannover-Messe präsentiert wurde. Beim Spranger-Turm sind es runde Scheiben von 1,20 Meter Durchmesser, in denen das wärmesammelnde Medium zirkuliert.
Der viereckige Turm aus Hersel wie der Hamburger Rundling sind die beiden exotischsten Erzeugnisse auf einem Markt, der bei westdeutschen Eigenheimbesitzern nach wie vor die Hoffnung nährt; Heizöl lasse sich in großem Stil einsparen, wenn man nur den Wärmevorrat der Umgebungsluft anzapfe, »eine schier unerschöpfliche Energiequelle der Natur« (so der Kupferturm-Hersteller Spranger & Büll).
Rund fünf Millionen Wohnungen und Eigenheime, so hatte die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke noch 1980 in einer Studie vorausgeschätzt, würden bis zum Jahr 2000 in der Bundesrepublik mit Wärmepumpen ausgestattet sein. Schon bis 1985, so damals die Schätzungen, könnte eine halbe Million der ölsparenden, aber stromfressenden Heizsysteme installiert sein, die gleichsam nach dem umgekehrten Kühlschrank-Prinzip funktionieren (siehe Graphik).
Inzwischen klingen die Prognosen schon gedämpfter: Die meisten der rund 50 000 Fortschrittswilligen, die Heizwärmepumpen gekauft und in Betrieb haben, mußten mittlerweile einsehen, daß Wärmepumpen als Haus-Heizung - jedenfalls bei den derzeitigen und in absehbarer Zukunft zu erwartenden Heizölpreisen - unwirtschaftlich sind.
»Von Amortisation«, räumte ein Sprecher der Firma Stiebel Eltron auf der Hannover-Messe ein, »sprechen wir nicht gern.« Die Firma, die Wärmepumpensysteme für Eigenheime liefert, appelliert mit ihrem Angebot mehr an die Einsicht, daß es um jeden Preis Öl einzusparen gelte. Stiebel-Eltron-Sprecher Thomas Gross: »Die Volkswärmepumpe gibt es noch nicht.«
»Ohne rot zu werden«, würde er den Einbau von Wärmepumpen in Einfamilienhäusern »nicht vertreten«, erklärte auch Helfried Crede, Inhaber einer Firma, die inzwischen nur noch Wärmepumpensysteme für Großobjekte wie etwa Schwimmhallen oder Industriebauten liefert. Frühestens bei einem Heizölpreis von 1,50 Mark je Liter werde die Haushalts-Wärmepumpe diskutabel. Crede: »Nach kaufmännischen Gesichtspunkten sind Wärmepumpen für Ein- und Zwei-Familien-Häuser völlig unrentabel.«
Nach wie vor werden die Wärmepumpen dennoch von Herstellern und von S.238 den Elektrizitätswerken propagiert; der Verkauf wird mit Sonder-Stromtarifen nach Kräften gefördert. Die Schätzungen des Zentralverbandes der Elektrotechnischen Industrie wurden indes bereits halbiert: Bis 1985 werden nur mehr 200 000 Wärmepumpenheizungen erwartet. Der Verkauf von Wärmepumpen war im letzten Jahr in der Bundesrepublik stark rückläufig: um 41 Prozent gegenüber 1980.
Die wachsende Scheu vor dem Einbau von Wärmepumpen spiegelt nur, wie schlecht sich diese Investition rechnet. Die Anschaffungs- und Installationskosten - zusätzlich zu einer normalen Heizöl-Anlage, auf die bei niedrigen Außentemperaturen zurückgegriffen werden muß - liegen für ein Ein- bis Zwei-Familien-Haus zwischen 18 000 und 35 000 Mark. Frühe und häufige Reparaturen sind die Regel.
Die Lebenserwartung einer Wärmepumpen-Anlage liegt bei etwa zwölf Jahren. Demnach ist, wie die Verbraucherzeitschrift »Test« ermittelte, beim gegenwärtigen Ölpreis die Amortisationszeit länger als die Lebensdauer des Geräts.
Die besondere Störanfälligkeit beklagen freimütig auch Insider der Branche. Von vier größeren Reparaturen an seiner Heizanlage berichtet etwa Firmeninhaber Crede, der vor gut einem Jahr bei sich zu Hause eine Wärmepumpe zur Brauchwasser-Bereitung hatte einbauen lassen.
Bei der Firma Happel, Westdeutschlands größtem Wärmepumpen-Hersteller, meldet der Außendienst Unerfreuliches: Bis zu 500 Prozent »Angstzuschlag« ließen sich Installationsfirmen, wenn sie Wärmepumpen einbauen, von ihren Kunden auf den normalen Installationspreis draufzahlen, um für die zu erwartenden überdurchschnittlich häufigen Reklamationen Vorsorge zu treffen.
Daß der - auch von der Bundesregierung in ihrer Dritten Fortschreibung des Energieprogramms anvisierte - Großeinsatz von Wärmepumpen auch volkswirtschaftlich und energiepolitisch keinen Sinn macht, hat unterdes eine Studie der TU Berlin (Titel: »Ölsubstitution durch Elektrizität?") ergeben, die im Auftrage des Forschungsministeriums verfaßt wurde und demnächst erscheint.
Durch eine nach dem gegenwärtigen Stand der Technik erreichbare verbesserte Wärmedämmung (von einem sogenannten k-Wert 0,9 auf durchschnittlich 0,4) ließen sich insgesamt 60 Prozent des gegenwärtig verfeuerten Heizöls in den Haushaltungen einsparen, konstatierten die West-Berliner Forscher. Mehr schaffen Wärmepumpen auch nicht. Bei einer Wärmedämmung von k = 0,9 erreichen sie eine Ersparnis von 55 Prozent. Zudem würden beim millionenfachen Einsatz der Wärmepumpe der Zubau weiterer Kraftwerke und eine entsprechende Verstärkung des Verteilernetzes unvermeidlich.
Zumindest, so die TU-Studie, müßte diese Aussicht in die Wirtschaftlichkeitsberechnung von Wärmepumpen einbezogen werden. Der Strompreis, zu dem Wärmepumpen-Besitzer gegenwärtig von den Elektrizitäts-Unternehmen bedient werden, sei ohnehin ein Dumpingpreis.
Dabei ist die echte Energieausbeute von Wärmepumpen in aller Regel mager. Über die gesamte Betriebszeit einer Wärmepumpe, so die Berliner Studie, sei mit einer »Leistungsziffer von 2,1« zu rechnen. Das bedeutet: Die Wärmepumpe liefert gerade etwas mehr als das Doppelte derjenigen Energie, die in Form von (mit großer Energieverschwendung produziertem) elektrischem Strom hineingefüttert werden muß. Berechnungen S.241 wie die aus Berlin gelten für das in gemäßigten Breiten einzig sinnvoll erscheinende System: eine Kombination aus Wärmepumpe und konventioneller Heizung ("bivalentes System").
Vollends zum Liebhaberobjekt aber werden sogenannte »monovalente Systeme«, die sich allein auf das Prinzip der Wärmepumpe verlassen und ganz auf Ölreserven verzichten. Dann nämlich läuft bei niedrigen Außentemperaturen die elektrisch betriebene Pumpe sozusagen heiß, das Kosten-Nutzen-Verhältnis wird immer ungünstiger. Überdies sind Zusatzeinrichtungen, etwa große Wassertanks als »Pufferspeicher« oder aufwendige »Energie-Türme«, nötig, um das System noch in Gang zu halten.
So werden auch die Genie-Blitze aus Hersel und Hamburg, ob nun aus Plastik oder Kupfer, das Energie-Problem nicht lösen. Beim Hamburger Kupferturm kostet jede Scheibe 1000 Mark, an die dreißig davon, so Firmenchef Spranger, werden für ein Einfamilienhaus gebraucht: rund 20 im Garten und »nochmals sechs bis sieben in der Tiefgarage oder auf dem Dachboden«, für den Fall, daß es draußen zu kalt wird. Im Scheibenpreis sind die Installations- und Anschaffungskosten für die zugehörige Wärmepumpe nicht enthalten.
Die Bonner »Welt« lag denn auch falsch mit ihrem Bericht über »Energie-Baum« und Erfinder Wegner ("Energie-Ei des Kolumbus"). »Ein namhafter Konzern aus Hoechst«, hieß es da, habe »spontan« die Herstellungs- und Verkaufsrechte »für Europa« erworben. Der Konzern dementierte: »Hoechst hat keine Verwertungsrechte von Herrn Wegner erworben.« Als Ente erwies sich auch eine Meldung der »Bild am Sonntag«, für eine neugebaute Bundeswehrkaserne in Volkach am Main sei der Einbau eines »überdimensionalen Energie-Baumes« als Heizung vorgesehen.
Als das am meisten geschröpfte Opfer des modischen Trends zur Wärmepumpe sieht sich der Hildesheimer Realschullehrer Gerhard Gömmel, der sich, inspiriert durch einen Besuch auf der Hannover-Messe 1979, sein Zweifamilienhaus mit einer wärmepumpenbetriebenen Alternativ-Heizanlage ausstatten ließ.
Beraten von einem Ingenieurbüro (gegen das er nun auf Schadensersatz klagt), investierte Gömmel nach und nach über 100 000 Mark für Wärmepumpe, Latentspeicher, Pufferspeicher, Wärmerückgewinnungsanlage, Erdreichkollektoren sowie ein »luftdurchströmtes Energiedach« - und friert.
»Trotz der 100 000 Mark«, so Gömmel, dessen Heizungskeller mit einem Gewirr von Rohren, Armaturen und Kesseln dem Maschinenraum eines U-Bootes ähnelt, »habe ich täglich nur vier Stunden warmes Wasser, abends kalte Duschen, Stromrechnungen in Hülle und Fülle und die doppelten Heizkosten wie mein Nachbar mit normaler Gasheizung in einem vergleichbaren Zweifamilienhaus.«