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EXPEDITIONEN »Alles läuft hier schief«

79 russische Polarforscher stecken in der Eisfalle: Ihr deutsches Charterschiff liegt in der Antarktis fest. Eine Rettung im Polarwinter ist riskant. Hat der Kapitän das Desaster verursacht?
• aus DER SPIEGEL 26/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kapitäne in Seenot fürchten kaum einen Moment mehr als jenen, in dem die Glut der letzten Zigarette an Bord erlischt. Dann schwillt die Nervosität der Seeleute, die Stimmung droht zu bersten - manchmal entlädt sich der Frust sogar in einer Meuterei.

Das deutsche Frachtschiff »Magdalena Oldendorff« ist in Seenot. Vom Eis der Antarktis eingeschlossen, geht der Mannschaft langsam der Proviant aus. »Zucker und Öl sind schon aufgebraucht«, berichtet Wjatscheslaw Martianow, der Expeditionsleiter der an Bord ausharrenden 79 russischen Wissenschaftler. Auch die Brotvorräte würden wohl nicht mehr lange reichen.

All dieser Mangel sei ja noch auszuhalten, krächzt die Stimme des 50-Jährigen über das Satellitentelefon. Jetzt aber seien auch noch die Zigaretten aufgeraucht. »Für die meisten von uns«, sagt Martianow, »sind Zigaretten so wichtig wie Sauerstoff.«

13 Expeditionen hat der Polarforscher in die Eiswüste des südlichsten Kontinents der Erde schon unternommen. »Und nun läuft zum ersten Mal etwas richtig schief«, flucht er und korrigiert sich, »nicht etwas läuft hier schief, sondern alles läuft schief.«

Ende Mai hatte die »Magdalena Oldendorff« sein Team von der russischen Forschungsstation Nowolasarewskaja abgeholt. Sehr spät, denn am Südpol hatte bereits der Winter eingesetzt. In aller Eile steuerte das Schiff Richtung Kapstadt - und nahm so direkten Kurs in die Katastrophe. Von Treibeis eingekeilt, wäre die »Magdalena Oldendorff« beinahe im Dunkel des antarktischen Winters verschollen - und niemand hätte helfen können.

Kurz nachdem die »Magdalena Oldendorff« von der Schelfeiskante der Antarktis abgelegt hatte, erhob sich ein gewaltiger Sturm. »Wind von Stärke elf peitschte den Schnee über das Deck und trieb die Eisschollen zusammen«, erzählt Martianow. Immer dichter und dicker wurde das Eis. Vibrierend quälte sich das über 10 000 PS starke Schiff mit weniger als zwei Knoten durchs Eis. Vor dem Bug lag das brenzligste Stück der über 4000 Kilometer langen Heimreise: der antarktische Küstenstrom.

Entgegen dem Uhrzeigersinn dreht sich diese Meeresströmung einmal um die ganze Antarktis herum. »Diese Strömung führt einen mehrere 100 Kilometer breiten Gürtel aus tückischem Treibeis mit sich«, beschreibt Martianow den Kordon aus scharfgezackten Schollen, die urplötzlich von Kälte, Wind und Wellen zu einer undurchdringlichen Masse zusammengeschweißt werden können.

Am 30. Mai zeigte das Außenthermometer weit unter Minus 20 Grad. Plötzlich verstummte das Knirschen des berstenden Eises unter dem Schiffsrumpf. »Wir saßen fest«, sagt Martianow. Das Schiff hatte sich im Eis eingefressen und war von nun an Spielball der Naturgewalten. »Der Küstenstrom riss uns mit in Richtung des Weddellmeeres«, so Martianow.

Damit drohte eine Reise ohne Wiederkehr: Das Weddellmeer erstreckt sich in einer riesigen Einkerbung östlich der Antarktischen Halbinsel (siehe Karte). Unermüdlich treibt der Küstenstrom seine Eisfracht in diese Bucht. »Wenn wir dort gelandet wären, hätte uns keiner retten können«, beschreibt Martianow die »dramatischsten Momente« seines Forscherlebens.

Genau diese Katastrophe hatte einst eine Expedition von Sir Ernest Shackleton ereilt. Der britische Antarktis-Pionier verirrte sich 1915 in die Weddellsee, sein Schiff »Endurance« wurde vom Eis zermalmt. Monatelang trieb er mit seiner Mannschaft auf Eisschollen und ernährte sich von Robben und Pinguinen.

Verzweifelt versuchte der ukrainische Kapitän, diesem Schicksal zu entrinnen. Immer wieder setzte er das Schiff vor und zurück, um es wieder freizubekommen.

Doch das Schiff ist für die Eisbedingungen mit 173,7 Metern sehr lang und damit nicht wendig genug, um sich durch das Eis zu winden. Am 11. Juni funkte der Kapitän die Heimatreederei in Lübeck an und forderte Hilfe. »An diesem Tag machte sich Panik breit«, erinnert sich der Cheflogistiker der russischen Antarktis-Forscher in St. Petersburg, Alexej Turchin, an ein Telefonat mit seinem Kollegen Martianow.

Fast zwei Wochen lang trieb die »Magdalena Oldendorff« im Würgegriff des Treibeises. Dann gelang es doch noch, das Schiff freizubekommen und in die sichere Muskeg-Bucht zu manövrieren. »Zumindest sind wir nun aus der gefährlichen Strömung heraus«, sagt Martianow. Aber der Heimweg bleibt versperrt.

Seit über einer Woche läuft nun eine der riskantesten Rettungsaktionen in der Geschichte der Antarktis-Forschung. Zur Hilfe eilen das eisgängige Versorgungsschiff »Agulhas« aus Südafrika und der argentinische Eisbrecher »Almirante Irizar« herbei. Die »Agulhas« soll voraussichtlich an diesem Dienstag am Rand des Eisgürtels eintreffen; doch den Durchbruch durch den Eiskordon kann sie alleine nicht schaffen. Diesen Weg soll ihr die »Irizar« bahnen.

Sturm, Kälte und Dunkelheit können diese Planspiele aber durchkreuzen. Nichts ist an diesem verlassenen Flecken Erde in dieser Jahreszeit sicher. »Die 'Agulhas' war im Winter noch nie in der Antarktis«, sagt Kevin Tate, Kapitän des Schiffs.

Sicher ist nur eins: Die Männer der »Magdalena Oldendorff« können unmöglich den gesamten antarktischen Winter, der bis November dauert, ohne Hilfe durchhalten. Der Proviant wäre Mitte Juli aufgebraucht, der Treibstoff spätestens Ende August. Um Energie zu sparen, sind Swimmingpool und Sauna längst abgestellt.

Rettung soll aus der Luft kommen. Auf der »Agulhas« stehen zwei Oryx-Hubschrauber der südafrikanischen Luftwaffe bereit. »Sie sind mit Langstreckentanks ausgerüstet und können die 'Magdalena Oldendorff' nach und nach mit zehn Tonnen Proviant versorgen«, sagt Gerald Hagemann, Chef von Antarctic Logistics Centre International (ALCI), einer südafrikanischen Firma, die die Rettungsaktion koordiniert. Doch Antarktis-Experten wissen, dass im Sturm die Hubschrauber unter Deck bleiben. Neben der Gefahr für die Menschen an Bord entwickelt sich die Eisfahrt de r »Magdalena Oldendorff« zu einem finanziellen Fiasko. Die Rettung wird am Ende mehrere Millionen Euro kosten. Allein die Heuer für die »Agulhas«, so schätzen Seefahrtexperten, kostet pro Tag rund 20 000 Euro - plus Treibstoff. Zwar verkünden ALCI in Südafrika und die Oldendorff-Reederei in Lübeck: Solange die Aktion noch läuft, wolle man über die Frage, wer das Ganze zahlt, nicht reden. Doch Russen und Deutsche haben sich bereits getroffen, um über den Streitpunkt zu sprechen.

Denn die russischen Antarktis-Forscher erheben schwere Vorwürfe gegen den deutschen Betreiber der »Magdalena Oldendorff« und den Kapitän an Bord. »Das Schiff verfügt höchstens über 30 Prozent seiner eisbrechenden Eigenschaften, wie sie im Vertrag zwischen uns und der Reederei stehen«, behauptet Alexej Turchin, der Cheflogistiker: »In ihrem jetzigen Zustand hätte sie es nie durch den Eisgürtel geschafft.«

So sei die »Magdalena Oldendorff« viel zu leicht. »Sie muss sich aber auf das Eis draufschieben und es mit ihrem Gewicht brechen«, so Turchin. Und wegen eines Defekts laufe eine Maschine nicht auf voller Kraft. Außerdem habe der an Bord stationierte Hubschrauber einen Rotorschaden und könne deshalb nicht zu wichtigen Erkundungsflügen eingesetzt werden.

Den schwersten Vorwurf erheben die russischen Forscher allerdings gegen den Kapitän der »Magdalena Oldendorff«. Er sei von der russischen Forschungsstation Nowolasarewskaja auf direktem Kurs nach Kapstadt aufgebrochen - eine besonders riskante Strecke. »Wahrscheinlich wollte der Kapitän sich die zwei Tage Umweg sparen und ist geradewegs in das dicke Eis hineingefahren«, vermutet Turchin.

Die Reederei Oldendorff will die Vorwürfe nicht im Detail kommentieren. »Wir organisieren jetzt erst einmal die Rettung der Besatzung. Später werden wir sorgfältig untersuchen, wie unser Schiff in die momentane Lage geraten ist«, entgegnet Peter Bagh, Sprecher des Lübecker Schiffsbetreibers. Die Antarktis-Fahrt der »Magdalena Oldendorff« könnte ein rechtliches Nachspiel haben.

Zu dem ganzen Drama wäre es vermutlich gar nicht gekommen, wenn die russischen Forscher ihr eigenes Schiff genommen hätten. Im Februar wurde die »Akademik Fjodorow« noch im Dock der MWB-Werft in Bremerhaven gewartet. Die Zeit drängte. Im März sollte das Schiff zur Versorgungsfahrt in die Antarktis aufbrechen. Doch dazu kam es nicht.

Beim letzten Test der Maschine flog den Mechanikern der Motor fast um die Ohren. Ihre Diagnose: Die Reparatur werde viele Monate dauern. GERALD TRAUFETTER

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