Angenehm warm - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 93 / 118

Volksmedizin Angenehm warm

Ist der eigene Urin ein »wunderbares Heilmittel«? Viele glauben es - ein Leitfaden zur Selbstbehandlung wird zum Bestseller.
• aus DER SPIEGEL 20/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Sommer des Jahres 1988 hatte seine Scheitelhöhe überschritten und fiel schon dem Herbst entgegen, als der Westdeutsche Rundfunk endlich seiner öffentlich-rechtlichen Informationspflicht nachkam und die Hörerschaft seines Sendegebiets mit den umfassenden Wohlfahrtswirkungen des menschlichen Harns bekannt machte.

Es war eine Sternstunde des Journalismus, eine jener Sendungen, die das tägliche Radiohören so überaus gewinnbringend macht. Auf dem Wege der drahtlosen Wortübertragung erfuhren an jenem denkwürdigen Sommertage viele Millionen Menschen, daß *___die »Uropotie«, also das Trinken des eigenen Urins, ____gegen vielerlei körperliches Gebresten sowie gegen die ____leidige Impotenz helfe und des weiteren auch die Seele ____stärke; *___die »Urodermie«, das Einreiben der Haut mit dem ____Blaseninhalt, alle möglichen Pilze, Pickel und Pusteln ____zum Verschwinden und sogar auf total verglatzten ____Greisenhäuptern das Haupthaar wieder zum Sprießen ____bringe.

Der Versuch, diese Behauptungen wissenschaftlich zu untermauern, gleicht zwar dem Unterfangen, fliegende Untertassen dingfest zu machen (siehe Seite 298). Dennoch war die Sendung ein in der deutschen Rundfunkgeschichte kaum wiederholbarer Publikumserfolg.

Vieltausendfach schrieben damals Hörer an die Redaktion, fragten um Rat und gaben Rechenschaft, wie sie ihn befolgt hatten. Noch heute, fünf Jahre später, berichten viele darüber, auf welche Weise und weshalb sie sich aus ihrer Blasen-Apotheke bedienen: »Ich habe mich überwunden«, meldete etwa Horst S. aus Kaarst Vollzug, »und bei meinen Halsschmerzen morgens mit dem ersten Urin gegurgelt.«

Jetzt hat Carmen Thomas, 47, die Moderatorin der Sendung, ein wegweisendes Werk über die Eigenurin-Therapie veröffentlicht. Es umfaßt das urinale Weistum der Gegenwart wie der Vergangenheit und beweist einmal mehr, daß das Ausmaß der menschlichen Torheit im Laufe der Jahrtausende ziemlich konstant geblieben ist: Das Buch ist auf dem Weg zum Bestseller - nach einer Woche war die Anfangsauflage von 10 000 Exemplaren vergriffen, seit letztem Donnerstag wird nachgedruckt*. _(* Carmen Thomas: »Ein ganz besonderer ) _(Saft - Urin«. VGS, Köln; 159 Seiten; ) _(29,80 Mark. )

Mit »leichtem Schudder« habe sie sich an das Urin-Thema herangewagt, berichtet die Journalistin, die 1973 die Herzen aller fußballsportlich Unbedarften eroberte, als sie im ZDF-»Sportstudio« von »Schalke 05« sprach und daraufhin entlassen wurde.

Doch nun schwärmt auch sie von der »angenehmen Wärme dieses Körpersaftes« und beharrt darauf, daß an dem »wunderbaren Heilmittel« etwas dran sein müsse, »wo doch so viele Menschen über positive Wirkungen berichten«.

Dabei stützt sich die Überzeugung der »Harnschlecker«, wie die Urintrinker im Mittelalter genannt wurden, lediglich auf die Kraft der Einbildung sowie auf einschlägige Zeugnisse aus Zeiten der Frühmedizin, die auch ihre Diagnostik weitgehend auf die »Harnschau« stützte.

Die Yogis Indiens rühmten den »gelben Becher«, täglich genommen, als Garant für ein langes Leben - wie zum Beweis dafür geht der frühere indische Ministerpräsident Morardschi Desai, zeitlebens ein gewissenhafter Harntrinker, stramm auf die 100 zu.

Der griechische Arzt Hippokrates empfahl die Uropotie als probates Mittel unter anderem gegen aufbrechende Geschwüre, Augenleiden, Schlangenbisse und Tollwut. Im 17. Jahrhundert fügte der deutsche Medicus Kristian Franz Paullini diesen Indikationen noch die Geilheit und die Geschlechtskrankheit hinzu - die Heilung, so lehrte er, komme aus dem Glied, mit dem der Mann gesündigt habe.

»Warum ist man so spät auf diese Wunderdroge gekommen?« klagte Hildegard S. aus Mülheim an der Ruhr in einem Brief an den WDR und forderte »neue Uringeschichten«.

Die lieferten andere Hörer zuhauf - zum Beispiel das beeindruckende Rezept gegen Pubertätsakne: Man nehme einen Kürbis, esse vor dem Schlafengehen die Kerne und uriniere sodann in die Frucht hinein; am Morgen schneide man ein Stück Fruchtfleisch heraus und lutsche es auf nüchternen Magen. »Nach einer Anwendung von ein bis zwei Wochen«, so die Tipgeberin Klara H. aus Bornheim, »müßten die Pickel verschwunden sein.«

Gegen Schweißfüße bieselt der Eigenharntherapeut seine Socken naß, bei Gelenkschmerzen appliziert er Urinumschläge, Angina und Zahnschmerzen bekämpft er mit Mundspülungen, Schürfwunden und Ekzeme beträufelt er mit seinem Harn - aber nicht vergessen: »30 Minuten eintrocknen lassen«.

In Einzelfällen mag das sogar helfen, es wirkt dann der Placebo-Effekt. Denn in der Regel fühlen sich nach einer Eigenharnbehandlung vornehmlich jene Patienten besser, bei denen der Doktor Nihilitis cripitans diagnostiziert hat - das »schleichende Nichts« des eingebildeten Kranken.

* Carmen Thomas: »Ein ganz besonderer Saft - Urin«. VGS, Köln; 159Seiten; 29,80 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 93 / 118

Mehr lesen über