Angst vor der Chimäre - DER SPIEGEL
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SEUCHEN Angst vor der Chimäre

Entsteht aus der Vogelgrippe in Asien ein Super-Virus? Ein deutscher Mediziner in Vietnam versucht, Mutanten rechtzeitig zu erkennen - er könnte Millionen Menschen vor dem Tod bewahren.
• aus DER SPIEGEL 7/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für gewöhnlich muss Thomas Grein erst um den halben Globus reisen, um auf seinen Gegner zu treffen. Vor fünf Jahren verschlug es ihn in den Kongo, da war sein Feind das Marburg-Virus. Kurz darauf wieder Afrika, diesmal wegen Ebola. »Geschlafen haben wir in Hängematten«, erinnert sich Grein, »tagsüber liefen wir in Schutzanzügen durch den Dschungel.«

Zuletzt schließlich, in China, hieß der Gegner Sars, tötete fast 800 Menschen und beschäftigte den 43-Jährigen bis vor zwei Wochen. Dann kam der nächste Auftrag, und diesmal konnte er sich zumindest die lange Anreise sparen: »Nach zwei Stunden Flugzeit war ich im Zentrum des Geschehens.«

Nun steht der Mediziner in einem kargen Raum, beschienen von kaltem Neonlicht. Eine Yucca-Palme dörrt vor sich hin. Darin baumelt eine grüne Atemschutzmaske. Gegenüber hängt eine Karte. Grein zeigt auf die längliche Form von Vietnam: »Keine Provinz wird dieses Virus verschonen«, prophezeit er, »kaum ein Huhn wird mit dem Leben davonkommen.«

Er sagt das emotionslos. Denn eigentlich sind ihm die Hühner egal; seine Sorge gilt den Menschen. Sie zu schützen, dafür ist der Epidemiologe der Weltgesundheitsorganisation WHO nach Hanoi gekommen. Von hier aus lenkt Grein eine Art mobile Eingreiftruppe zur Vernichtung eines mikroskopisch kleinen Feindes. Sein Name: H5N1, der Erreger der Vogelgrippe.

Es ist Mittag, und die meisten Mitarbeiter seines 13-köpfigen Teams sind ausgeschwirrt - teils in die Krankenhäuser der Stadt, manche bis tief in die Provinzen, die Killing Fields von bislang 14 Millionen Stück Federvieh. Der Rest der Truppe sitzt vor Laptops im Lagezentrum. Ihr Ziel: »das Schlimmste zu verhüten«.

Die Sorge der Mikrobenjäger gilt einer möglichen Verschmelzung von Vogel- und Menschengrippeviren. Eine solche Chimäre, aggressiv wie das Hühner- und ansteckend wie das Menschenvirus, könnte Millionen Menschen dahinraffen. Jederzeit kann der gefürchtete Super-Erreger in einem Bergdorf hoch oben im tropischen Regenwald auftauchen - oder aber im sumpfigen Delta des Mekong oder inmitten des Gewimmels der Großstadt Hanoi.

Grein weiß, dass die Lage gerade hier in Vietnam besonders kritisch ist: Hier erkrankten schon im Dezember Hühner, hier wütete die Seuche gründlicher als in jedem anderen asiatischen Land, nirgends auch fielen ihr so viele Menschen zum Opfer.

Falls es zu der gefürchteten Verschmelzung kommt, dann wird es vor allem darum gehen, schnell zu sein - gelingt es, den Seuchenzug sofort zu ersticken, kann dies das Leben von Millionen Menschen retten.

Doch wo soll Grein nach seinem Feind suchen? 79 Millionen Einwohner leben in Vietnam, dreimal so viel Geflügel und 23 Millionen Schweine. Allesamt sind sie potenzielle Reagenzgefäße für das Killervirus.

Dem Epidemiologen verrät sich eine aufziehende Pandemie durch Cluster, wie es in der Fachsprache heißt. »Cluster sind Brennpunkte, wo plötzlich viele Menschen sterben, die eigentlich keinen Grund dazu haben«, erklärt Grein. Menschen also, die weder Geflügel noch Schweine halten und auch sonst nur selten mit Tieren in Berührung kommen. Wenn Grein von so einem Cluster erfährt, dann ist »absolute Eile angezeigt«.

Damit nicht der Zufall ihm Kunde von der Katastrophe bringt, beugt er sich gemeinsam mit Arnold Bosman über ein Organigramm, vollgekritzelt mit lauter Anmerkungen. Es soll den Informationsfluss abbilden von einer kleinen Krankenstation im letzten Winkel des weitläufigen Landes bis hin zum Lagezentrum.

Viel Grund zur Hoffnung gibt der Zettel nicht: »Unsere einzige Chance besteht darin, dass der Patient mit dem tödlichen Virus schnell durchgereicht wird bis zu einem der großen Krankenhäuser von Hanoi oder Ho-Tschi-minh-Stadt«, erklärt Bosman und tippt auf einen dicken schwarzen Pfeil, »nur dann erfahren wir rechtzeitig, wenn Gefahr im Verzug ist.«

Der Niederländer verfügt über wichtige Erfahrungen, von denen Grein zu profitieren hofft: Bosman war im letzten Jahr zuständig für die Eindämmung der Vogelgrippe in Holland. Dort waren Mediziner und Gesundheitsbeamte mit Fragebögen in die Praxen ausgeschwärmt. Sie sollten den Ärzten helfen, Patienten mit normaler und solche mit Vogelgrippe zu unterscheiden. »Nur so lassen sich aus der Vielzahl derer, die mit Schnupfen, Husten und Atemwegskrankheiten zum Arzt kommen, die Richtigen herausfiltern«, so Bosman.

Diesmal, das wissen die beiden Epidemiologen sehr wohl, ist die Aufgabe ungleich schwieriger. Denn nun haben sie es mit einem Land zu tun, das sich inmitten des Übergangs vom Kleinbauerntum zur modernen Agrarindustrie befindet.

Ihre Hoffnung stützen die Forscher - auch wenn sie das nur zögernd zugeben - auf die autoritäre Struktur des Landes. Partei und Volkskomitees kontrollieren das Volk mit Hilfe von Distrikt-Funktionären und Straßenvorstehern bis in die kleinste Gasse hinein. Aus knarzenden Lautsprechern, die an jeder Kreuzung hängen, schallen Befehle.

Doch der Nachrichtenfluss in die andere Richtung funktioniert noch nicht. Deshalb verbringt Grein einen Großteil seines 16-stündigen Arbeitstages damit, den Gesundheitsbehörden die Grundzüge eines effizienten Meldesystems zu erklären. »Das verlangt diplomatisches Geschick und wie überall in Asien einen äußerst respektvollen Umgang«, sagt der gebürtige Schwarzwälder.

Während er für gute Stimmung bei den Offiziellen sorgt, erledigt sein Team die Feldarbeit, etwa im Nationalen Krankenhaus für Pädiatrie. Das Gebäude ist ein steinernes Relikt der streng kommunistischen Zeit. Die grauen Betonplatten und Wandreliefs spielender Kinder, gehalten im Stile des sozialistischen Realismus, hätten genauso gut nach Berlin-Weißensee gepasst.

Die Isolierstation befindet sich im ersten Stock. 66 Kinder mit verdächtigen Symptomen, so Vizedirektor Nguyen van Loc, seien bislang eingeliefert worden. Im Blut von vieren fand sich das Virus Typ H5N1 - eines konnte entlassen werden, drei sind gestorben.

Jetzt sorgen sie sich vor allem um Le van Phuc. Es steht schlecht um den zweijährigen Bub am Sauerstoffgerät. »Trotz antiviraler Medikamente, Antibiotika und Nährlösung verschlechtert sich sein Zustand von Stunde zu Stunde«, sagt der Arzt durch seinen Mundschutz hindurch. Voller Angst lugt die Mutter durch das Fenster der Isolierstation.

Als Le Fieber bekommen hat und die linke Gesichtshälfte zu schwellen begann, dachte sie, er bekomme einen neuen Zahn. »Doch dann hustete er fürchterlich und bekam plötzlich keine Luft mehr«, erzählt die 26-jährige Mutter. Vom Krankenhaus in Ha Dong haben sie ihn dann gleich nach Hanoi überwiesen. Ihren Marktstand, wo sie Reis und Gemüse verkauft, hat sie aufgegeben. Stattdessen übernachtet sie auf einer Bastmatte im Eingang zur Station.

Die WHO-Experten haben dafür gesorgt, dass Les Blutproben auf schnellstem Weg nach Hongkong geflogen wurden. »Wir müssen von jedem dieser Fälle nicht nur wissen, ob es H5N1 ist, sondern auch, ob das Virus verdächtige Veränderungen zeigt«, sagt Grein und blinzelt aus müden, dunkel geränderten Augen. Die Labore in Vietnam sind für diese genetischen Untersuchungen nicht ausgestattet. Aufklärung kann nur das Influenza-Referenzzentrum in Hongkong liefern.

Fast erstaunt es Grein, dass die Katastrophe bislang ausgeblieben ist. Doch dieses Glück wird an Tausenden Stellen im Land jeden Tag aufs Neue herausgefordert. »Beim Keulen des Geflügels setzen sich die Bauern massenweise dem Virus aus«, sagt der Frontmann der WHO.

Die Schutzmaßnahmen, die er den Verantwortlichen Vietnamesen einzuhämmern versucht, scheitern meist schlicht an Armut und Materialmangel. Dies festzustellen, dafür reicht Grein ein halbstündiger Ausflug mit einem der weißen WHO-Jeeps in die Provinz Ha Tay.

Nicht einmal für die 16 Provinzveterinäre, die jeden Tag hinaus auf die Hühnerfarmen fahren, gibt es genug Schutzanzüge. Sie stecken in geliehenen Operationskitteln, sprühen sich nach jedem Ortstermin hastig mit Desinfektionsmittel ab.

Unterdes steht Thuong Thi They, eine kleine energische Frau mit grünem Kopftuch und breiter Goldkette, trotzig vor ihrem Hühnerverschlag. »Ich bin doch groß geworden zwischen lauter Hühnern. Eine Maske setze ich erst auf, wenn ich da hineingehe«, sagt sie und zeigt auf das zweistöckige Gebäude, aus dem es - noch - aus 3000 Hühnerkehlen gackert.

Um die Tiere zu töten, hat Frau They, 47, ihre ganze Verwandtschaft zusammengerufen. Sie packen die Hühner an den Beinen, stecken sie in einen Plastiksack und werfen die zuckenden Pakete auf den Vorplatz. In Panik rennen einige Tiere aus den Ställen. Mit Spatenschlägen strecken die Neffen von Frau They die Flüchtigen nieder. Masken tragen sie keine.

Auf dem Hof der Bäuerin zeigt sich, wie die neuen Zeiten Einzug halten in die seit Jahrhunderten tradierte Landwirtschaft. Früher lebte sie, so wie die meisten ihrer Nachbarn auch heute noch, von ihren Reisfeldern. Hühner und Enten pickten sich die restlichen Körner aus den geschnittenen Pflanzen. Die Schweine fraßen die Reste aus der Küche. Doch seit einigen Jahren hat Frau They einen Vertrag mit dem größten thailändischen Geflügelkonzern Charoen Pokphand. Von dort bezieht sie ihre Hühner, eine Industrie-Züchtung mit weißen Federn, dazu Futter und Medikamente. Eigentlich seien ihre Tiere gesund: »Ich lasse sie nur keulen, weil ich muss«, sagt sie, gleichgültig beobachtet von den Tee trinkenden Männern des Hofes. »Außerdem werde ich sie auf dem Markt eh nicht mehr los.«

Die Seuchenwächter wissen: In einer Hühnerfarm wie dieser ist die Seuche zuerst aufgetaucht. Dann gab es kein Halten mehr. Rasend schnell tragen frei umherflatternde Hühner den Erreger von Stall zu Stall. Früher oder später hätte es auch die Hühner von Frau They erwischt.

Am Abend bespricht der WHO-Mediziner Grein die Lage mit Anton Rychener, dem Chef der Welternährungsorganisation (FAO) in Vietnam. Der gebürtige Schweizer hat schlechte Nachrichten: Seine Leute haben das Virus nun auch in Schweinenasen nachgewiesen, und was das bedeuten könnte, muss der Veterinär dem Humanmediziner nicht erklären: Das Borstenvieh ist das ideale Mischgefäß, in seinem Körper vermehren sich sowohl menschliche als auch Geflügelgrippe-Erreger. Überraschen tut es die beiden indes nicht: »Schweine streunen schließlich zwischen den Hühnern entlang«, so Rychener.

Der FAO-Mann glaubt, die gegenwärtige Epidemie läute das Ende des idyllischen Landlebens in Asien ein: »Nach dieser Seuche wird nichts mehr sein wie früher«, sagt er und meint damit das Nebeneinander von Vergangenheit und Moderne.

GERALD TRAUFETTER

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