Ansteckende Liebe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 73 / 110

MEDIZIN Ansteckende Liebe

Die Syphilis ist wieder auf dem Vormarsch. Doch häufig werden die ersten Symptome der Geschlechtskrankheit übersehen.
Von Hans Halter
• aus DER SPIEGEL 29/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Reichstag zu Worms, 1495, verkündete Kaiser Maximilian I. den »Ewigen Landfrieden«, installierte das »Reichskammergericht« und die erste landesweite Steuer, den »Gemeinen Pfennig«. Völlig ratlos zeigte sich der Herrscher jedoch gegenüber einem neuartigen Schrecken, den er die »pösen plattern« nannte, »die vormals bey menschen gedechtniss nye gewesen noch gehört sein«. Das war die Syphilis.

Gegen diese Seuche - deutscher Name: »harter Schanker« - gab es jahrhundertelang kein Heilmittel. Unbehandelt zerstörte die Geschlechtskrankheit Haut und Knochen, am Ende auch Gehirn und Rückenmark. Der Komponist Franz Schubert fiel der Syphilis ebenso zum Opfer wie der Dichter Heinrich Heine oder der Philosoph Friedrich Nietzsche.

Erst mit dem keimtötenden Penicillin kam vor sechs Jahrzehnten die Wende. Die »Lustseuche« (so nannten sie die Gottesmänner) wurde heilbar. Kontinuierlich fiel die Zahl der Neuerkrankungen. Ende der neunziger Jahre infizierten sich in Deutschland nur noch rund 1000 Menschen pro Jahr.

Doch das ist nun auch wieder Geschichte, denn die Syphilis kehrt zurück: In diesem Jahr rechnen die Ärzte bereits mit gut 3000 Neuinfektionen.

Vor zwei Wochen trafen sich in München die führenden Spezialisten für Geschlechtskrankheiten, vereinigt in der Deutschen STD-Gesellschaft*, und analysierten die Misere. Das Fazit, vorgetragen vom Chef der Gesellschaft Gerd Gross, Professor für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Rostock: »Die Bedeutung dieser Krankheiten wird unterschätzt.« Vor allem die Syphilis stelle wieder ein »ernstes Risiko« dar.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:

* Homosexuelle Männer - sie stellen rund zwei Drittel der Neuinfizierten, hauptbetroffen sind die 30- bis 39-Jährigen - fürchten sich weniger vor Aids, leben wieder promisker und lassen deshalb häufiger die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen außer Acht.

* Da die Syphilis-Häufigkeit in den Ländern des ehemaligen Ostblocks nach 1990 stark zunahm, importieren vor allem Reisende aus dieser Region die gefürchtete Geschlechtskrankheit; Frauen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren sind die häufigsten Überträgerinnen.

Wegen der räumlichen Nähe zu den Syphilis-Herden steigt die Zahl der Ansteckungen in Deutschland rascher als in anderen westeuropäischen Staaten. Nicht nur Reisen »in die Entwicklungsländer Südostasiens, Afrikas und Südamerikas«, so Gross in der »Münchener Medizinischen Wochenschrift«, »können ein ernstes STD-Risiko darstellen«, sondern auch der sexuell motivierte Kurztrip Richtung Osten.

Die gruselige Warnung des vorigen Jahrhunderts - »Wer den einen Fuß im Freudenhaus hat, hat den anderen im Hospital« - gilt heutzutage nur noch dann, wenn die Syphilis nicht oder falsch oder zu spät diagnostiziert wird. Das passiert allerdings gar nicht so selten: Die Krankheit, hervorgerufen durch ein zartes, blasses Bakterium namens »Treponema pallidum«, verläuft in mehreren Stadien, zwischen denen oft jahrelange, symptomfreie Intervalle liegen. Die Krankheitszeichen sind sehr wechselhaft; viele jüngere Mediziner haben noch nie eine Syphilis zu Gesicht bekommen.

Erstes Zeichen der Ansteckung, meist drei Wochen nach dem Kontakt Schleimhaut zu Schleimhaut, ist ein knotenförmiges, hartes, schmerzloses Geschwür, nicht

größer als eine Euro-Münze. Je nach Sexualpraktik sitzt dieser »Primäraffekt« manchmal auch am Rachenring oder dem Anus. Wie auch immer: Er vergeht nach einigen Wochen, auch unbehandelt.

Vom Blut wird der Syphilis-Erreger jedoch in alle Organe des Körpers transportiert. Deshalb schwellen einige Wochen später die Lymphknoten an, sie werden als derbe, gegeneinander bewegliche, jedoch schmerzlose Knötchen tastbar. Auch dieses Warnzeichen verschwindet von allein. Das Gleiche gilt bei einem nicht juckenden Hautausschlag. Er wird häufig mit einer Allergie verwechselt.

So gerät, wer Pech hat, nach einer jahrelangen symptomfreien Phase in das letzte Stadium der Krankheit: Bei der »Metasyphilis« erkranken vor allem die Nervenzellen. Die Rückenmarksschwindsucht ("Tabes dorsalis") und der Untergang der grauen Hirnsubstanz - »progressive Paralyse« - können durch Penicillin zwar gestoppt werden; die bereits eingetretenen Defekte lassen sich jedoch nicht rückgängig machen.

Bleibt das allererste Symptom unbeachtet, lässt sich die weiter bestehende Infektion durch zahlreiche Laboruntersuchungen des Blutes ("Serodiagnostik") nachweisen. Auf einer »Konsensusberatung« im Berliner Robert-Koch-Institut haben sich die Experten in diesem Frühjahr auf praktische Empfehlungen geeinigt: Für Promiske, die von der ansteckenden Liebe besonders gefährdet sind, können halbjährliche Sero-Tests das Risiko unentdeckter Infektion ausschließen.

Das würde auch den Sexualpartnern helfen. Trotzdem, prophezeit Privatdozent Peter Schneede, Organisator des Münchner STD-Kongresses, »wird sich Syphilis ausweiten«. Eine Impfung gegen die Plage ist nicht in Sicht. Auch das Sexualverhalten wird sich nicht grundsätzlich ändern.

Dazu hat der inzwischen verstorbene Hans-Joachim Heite, einer der Vorgänger auf dem STD-Präsidentenstuhl, einst die unvergängliche Risikobetrachtung beigesteuert: »Zu einer Geschlechtskrankheit gehören immer drei. Sonst gäbe es sie nicht.« HANS HALTER

* STD = sexually transmitted diseases, sexuell übertragbareKrankheiten.

Zur Ausgabe
Artikel 73 / 110