Antwort des Körpers - DER SPIEGEL
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FORSCHUNG Antwort des Körpers

Ähnlich wie bei nahezu allen Tieren, von der Motte bis zum Hund, können Duftstoffe auch menschliches Verhalten beeinflussen. Die Duftstoff-Industrie baut die Sympathie-Auslöser künstlich nach.
• aus DER SPIEGEL 5/1981
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Ein ungehobeltes Mannsbild war er, der Thoma Ludwig, Rechtsanwalt und Schriftsteller zu Rottach daselbst. Doch bei den Frauenzimmern in der nahen Residenzstadt München machte der Lackel vom Land stets gehörigen Eindruck.

Der eher vierschrötige Bayer ahnte, was ihn bei den Damen so beliebt machte. Bevor er ausging, wischte er sich die Achseln mit einem Schnupftüchel aus und steckte es sich dann in die Brusttasche seiner Joppe -- ein Trick, den er den Rottacher Bauernburschen abgeschaut hatte: Der sanfte Schweißgeruch helfe, so glaubten sie fest, die Weiberleut'' nach dem Tanz auf den Heuboden zu verschleppen.

Daß die Dörfler dabei keinem hinterwäldlerischen Aberglauben aufgesessen waren, wiesen kürzlich Geruchs-Forscher nach: Aus dem Schweiß von Männern isolierten sie verhaltensbeeinflussende Duftstoffe, sogenannte Pheromone, die auf Frauen offenbar sexuell stimulierend wirken: Bei Tests fühlten sich Frauen eher zu Männern hingezogen, die mit pheromonhaltigen Lösungen bestäubt worden waren. »Sexuelle Anziehung«, so die amerikanische Pheromon-Expertin Ruth Winter, »ist nicht zuletzt eine Antwort des Körpers auf verschiedene Duftstoffe.«

Bislang entdeckten die Forscher zwei verschiedene Arten von menschlichen Sexual-Pheromonen:

* Androstenol, eine im Hoden produzierte Substanz, die in ihrer chemischen Struktur dem männlichen Sexualhormon Testosteron ähnelt, und

* Alpha Androstenol, ein schwach nach Sandelholz riechender Stoff, der Frauen für sexuelle Avancen empfänglich machen kann.

Diese jüngsten Forschungsergebnisse bestätigen die Annahme der Duft-Experten, daß eine ganze Reihe menschlicher Verhaltensweisen durch Pheromone beeinflußt werden. »Pheromone der verschiedensten Art spielen in unserem Leben eine größere Rolle, als wir jemals angenommen haben«, urteilte Henry Walter, Vorsitzender der US-Forschungsgesellschaft International Flavors and Fragances (IFF).

Entdeckt wurde die verhaltensbestimmende Wirkung von Pheromonen in den fünfziger Jahren bei Insekten, als Wissenschaftler die Paarungsgewohnheiten der Motten untersuchten. Sie fanden heraus, daß die Mottenweibchen winzige Mengen eines Duftstoffes absondern und auf diese Weise ihre männlichen Artgenossen aus großer Entfernung anlocken.

Die geheimnisvollen Botenstoffe, so erkannten die Forscher nach und nach, steuern soziales und sexuelles Verhalten nahezu aller Tierarten. Mit Hilfe von Pheromonen etwa. S.175

* organisieren Ameisen ihr kompliziertes Staatswesen,

* geben Hunde (im Urin) Artgenossen genaue Informationen über ihr Geschlecht, ihr Alter und ihre Territoriumsansprüche,

* unterdrücken weibliche Seidenäffchen die Empfängnisbereitschaft rangtieferer Weibchen in der Gruppe. Dabei sondern sie östrogenähnliche Substanzen ab, die dem empfängnisverhütenden Wirkstoff in der Pille verwandt sind.

Lange glaubten die Wissenschaftler, Pheromone würden beim Menschen keine Rolle spielen. Zu absurd schien der Gedanke, der Homo sapiens könnte -- wie Ameisen und Affen -- durch flüchtige Gerüche beeinflußbar sein.

Ihre Meinung mußten die Experten Ende der fünfziger Jahre ändern. Damals hatte die Harvard-Psychologin Martha McClintock bei weiblichen Internatszöglingen beobachtet, was die Forscher bis dahin für ein Märchen überspannter Pensionats-Leiterinnen gehalten hatten: Mädchen, die auf engem Raum zusammenleben oder als Freundinnen ständig zusammenglucken, bekommen ihre Regel ungefähr zum selben Zeitpunkt.

»Eher intuitiv« kam der US-Physiologe Michael Russel darauf, »daß der zyklussynchronisierende Faktor im Schweißsekret der Frauen« zu finden sein mußte. Deshalb bat er eine Kollegin namens Genevieve, im Dienste der Wissenschaft einige Tage lang Stoffläppchen unter den Armen zu tragen.

Dreimal wöchentlich ließ er dann eine Reihe von Frauen Genevieves Schweiß schnüffeln, mit dem erwarteten Ergebnis: Nach vier Monaten hatte sich der Zyklus der Testpersonen weitgehend der Regel-Folge von Genevieve angeglichen.

Kurze Zeit später wies der schottische Forscher Aidan Macfarlane nach, daß auch zwischen Müttern und ihren Kindern eine Pheromon-Verbindung besteht: Als er schlafende Babys die Büstenhalter ihrer Mütter vors Gesicht hielt, wandten sich die Kleinen immer wieder dem schweißimprägnierten Kleidungsstück zu und machten dabei saugende Mundbewegungen. Auf Schweißproben fremder Frauen hingegen reagierten die Säuglinge höchstens mit Geplärr.

Andere Untersuchungen zeigten, daß auch Mütter ihre Kinder allein mit der Nase erkennen können -- obwohl sie keinen spezifischen Geruch wahrnehmen: Offenbar verströmt, so vermuten Experten, jedes Kind (und jeder Erwachsene) einen ihm eigenen Erkennungs-Duftstoff.

Daß der Riß dieses Pheromon-Bandes zwischen Mutter und Kind nicht folgenlos bleibt, lassen Studien mit Affen vermuten: Rhesus-Babys, deren Eigengeruch mit Parfüm überdeckt worden war, wurden von ihren Müttern wesentlich schlechter behandelt als ihre normalriechenden Geschwister -weniger Zärtlichkeit, mehr Senge.

Frappierend ähnliche Beobachtungen machten Erziehungswissenschaftler, als sie den Lebensweg prügelgeschädigter Kinder zurückverfolgten: Kindesmißhandlungen werden wesentlich häufiger von Müttern verübt, die nach der Geburt lange Zeit von ihren Babys getrennt waren -- und daher offenbar, wie die durch den fremdartigen Parfümgeruch irregeführten Affenmütter, keinen Pheromon-Kontakt zu ihrem Kind aufbauen konnten.

Ebenfalls durch Tierversuche kam Mitte der siebziger Jahre der New Yorker Duftstoff-Forscher Ching-tse Lee darauf, daß möglicherweise auch typische Männer-Brutalitäten -- etwa Raufereien oder Vandalismus -- durch Pheromone ausgelöst werden.

Er hatte nämlich beobachtet, daß männliche Mäuse immer dann aggressiv wurden, wenn sie den Urin eines Geschlechtsgenossen rochen. »Nur so aus Faulheit«, um sich das mühsame Sammeln des Mäusewassers zu ersparen, sprühte Lee eines Tages seinen eigenen Urin in den Käfig -- mit erstaunlichen Folgen: Die Nager wurden bösartig, als sei ihnen der Urin eines Rivalen in die Nase gestiegen. Auf den Urin von Frauen und Kindern hingegen, stellte Lee später fest, reagierten die Tiere friedlich.

»Ich nehme an«, so Lees Folgerung, »daß im Urin von Männern ein Pheromon enthalten ist, das unter bestimmten Voraussetzungen andere Männer aggressiv macht« -- Bestätigung der Volksweisheit »Den kann ich nicht riechen« und mögliche Erklärung für Phänomene wie etwa Massenschlägereien in Fußballstadien, die sich ohne erkennbare Ursache steppenbrandartig ausbreiten. Auch plötzlich aufflammende Massenhysterie, wie etwa bei Popkonzerten, hält Lee für ein teilweise »pheromonbedingtes Verhalten«.

In zahlreichen Tests erprobt wurde die Wirksamkeit des Pheromons Alpha Androstenol, das der britische Forscher George Dodd von der Warwick University vor rund einem Jahr aus dem S.176 Sekret männlicher Schweißdrüsen herausfilterte:

* Männer, die das Pheromon ausstrahlten, wurden von Frauen häufiger als »anziehend« oder »aufregend« bezeichnet.

* Als Rivalen hingegen empfanden Männer ihre nach dem Sex-Pheromon riechenden Geschlechtsgenossen. »Vielleicht eine vergrabene Form der Aggression«, vermutete der Warwick-Wissenschaftler Michael Kirk-Smith, »die in der gleichen Situation auch Eber zeigen.«

* Theatersitze, die mit Alpha Androstenol präpariert waren, wurden vornehmlich von Frauen belegt.

* Frauen, denen die Augen verbunden worden waren, griffen aus einer Reihe von Gegenständen fast stets das Objekt heraus, das mit dem Sex-Pheromon bestrichen war.

Nachdem es Dodd inzwischen sogar gelang, Alpha Androstenol künstlich herzustellen, schwärmte IFF-Chef Walter: »Bald können wir das menschliche Gehirn durch die Nase manipulieren.«

Die kühne Hoffnung gründet sich darauf, daß die meisten Geruchs-Informationen nicht den dichten Filter rationaler Hirnregionen durchlaufen, sondern (im Gegensatz zu den Signalen von Auge und Ohr) auf nahezu direktem Weg ins limbische System gelangen -- ein stammesgeschichtlich alter Teil des Gehirns, der vor allem Emotionen und Sexualität steuert.

Doch trotz solch enger Verbindung zwischen Geruch und Gefühl lösen Pheromone beim Menschen -- im Gegensatz zu Maus und Motte -- keine völlig automatischen Reaktionen aus. »Die Besonderheit beim Menschen ist«, so der Münchner Pheromon-Forscher Dr. Rolf Claus, »daß hier Einflüsse aus der höheren Entwicklung, die Psyche und vieles andere die Instinkthandlungen überdecken.«

Pheromone können jedoch, da sind sich die Experten einig, durchaus über Sympathie oder Abneigung gegenüber Menschen mitentscheiden. So fühlten sich Frauen, die testhalber den Geruch des (pheromonhaltigen) Vaginalsekrets von Rhesusaffen eingeatmet hatten, eher zu schüchternen Männern hingezogen; weibliche Probanden hingegen, die dem Sex-Pheromon des Ebers ausgesetzt waren, zeigten sich besonders von aggressiven und selbstsicheren Männern angetan.

Just dieses Eber-Pheromon (Androstenol) entdeckte kürzlich Experte Claus auch im Schweiß des Mannes. Bei der Sau löst der Duftstoff die sogenannte Duldungsstarre aus -- gleichsam eine Lähmung, die dem Eber den Begattungsakt erleichtert. Wie das Pheromon auf Frauen wirkt, ist freilich bislang nicht bekannt: »Einen Reflex wie bei der Sau«, so Claus, »löst es jedenfalls nicht aus.«

S.175Nach dem Spiel England gegen Schottland im Londoner Wembley-Stadion1977.*

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