Asyl im Eis - DER SPIEGEL
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Asyl im Eis

• aus DER SPIEGEL 14/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

War das Mammut das erste Opfer der Ausbreitung des Menschen? Oder wurde es vom Klimawechsel am Ende der letzten Eiszeit ausgerottet?

Die Debatte um das Ende der riesigen Wollelefanten wird jetzt von neuen Funden genährt, die der britische New Scientist sogleich - etwas euphorisch - zu »einem der bemerkenswertesten Fossilfunde dieses Jahrhunderts« hochstufte: Russische Paläontologen gruben auf der Wrangelinsel im sibirischen Eismeer Mammutzähne aus, die 6000 Jahre jünger sind als das jüngste bisher gefundene Mammut.

Sie gehörten einem Mammut-Pygmäen. Mit einer Schulterhöhe von nur 1,80 Metern und einem Gewicht von immerhin noch zwei Tonnen hätten diese Miniriesen fast unter dem Bauch ihrer Ahnen vom Festland hindurchlaufen können.

Während sich die eiszeitlichen Gletscher nach Norden zurückzogen, müssen die Vorfahren dieser Tiere Asyl auf einer Landspitze gefunden haben. Einige Jahrhunderte später trennte das Schmelzwasser der Gletscher die Landzunge vom Festland: Sie wurde zur heutigen Wrangelinsel. Dort überlebten die Zwergmammuts, geschützt vor menschlichen Jägern, bis in die Zeit der Pharaonen. Erst als die ersten Eskimos bis auf die Eismeerinseln vordrangen, _(* Zeichnung, rekonstruiert nach ) _(Skelettfunden in Sibirien. ) so eine Hypothese, rotteten sie auch die letzten Überlebenden der Eiszeit aus.

Die russischen Entdecker des Zwergmammuts jedoch vertreten eine andere Meinung: Auf den Eismeerinseln habe sich ein eiszeitliches Klima erhalten, während die Mammuts auf dem eurasischen Festland den Einbruch der Warmzeit nicht überlebt hätten.

Dort rückten mit der Warmzeit die Wälder nach Norden. Diese boten den eiszeitlichen Riesentieren viel weniger Nahrung, als es die bis weit nach Süden reichende Tundra getan hatte: Während ein Quadratkilometer Wald nicht mehr als einen Hirsch und wenige Rehe ernährt, tummelten sich während der Eiszeit auf derselben Fläche ganze Herden von Wollnashörnern, Riesenhirschen und Mammuts.

Besonders verheerend könnten zudem die ungewohnten, von Europa herüberziehenden Warmfronten und die damit verbundenen schnellen Veränderungen des Wetters gewesen sein. Denn den Mammuts fehlten Talgdrüsen in der Haut, mit denen sie ihr üppiges Fell hätten fetten und wasserabweisend machen können. Wenn ein kurzzeitiger Einbruch von Warmluft Regen brachte, so konnte anschließend einsetzender Frost die Tiere in Eisskulpturen verwandeln.

Vor etwa 100 Jahren wurde im sibirischen Eis erstmals ein vollständiger schockgefrorener Wollriese gefunden - noch mit der eiszeitlichen Henkersmahlzeit aus Tundragräsern zwischen den Gigantenzähnen.

* Zeichnung, rekonstruiert nach Skelettfunden in Sibirien.

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