Aufstand der Zwerge - DER SPIEGEL
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ELEKTRONIK Aufstand der Zwerge

Schon bald soll die DVD das alte Videogeschäft ablösen. Doch die Hersteller streiten um einheitliche Standards. Und die Kunden sind verunsichert.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 36/2002
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Normalerweise ist Gerard Kleisterlee kein Mann pathetischer Phrasen. Doch als der Philips-Chef vergangenes Jahr auf der Funkausstellung in Berlin die neueste Entwicklung des niederländischen Elektronikkonzerns vorstellte, war ihm kein Vergleich groß genug.

Mit der neuen Technik, fabulierte er, stehe die Industrie am »Beginn einer neuen Ära« - ähnlich »wie nach der Mondlandung 1969«. Ein Jahr nach dem Beginn von Kleisterlees neuer Zeitrechnung sehen sich die Philips-Manager auf gutem Weg. »Der Verkaufsstart«, jubelt der deutsche Philips-Statthalter Hans-Joachim Kamp, »ist phantastisch gelaufen.«

Das Gerät, das die Manager ins Schwärmen bringt, unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von zahllosen anderen DVD-Playern, die seit einiger Zeit die Umsätze in der Unterhaltungselektronik kräftig ankurbeln. Nur ein Knopf mit der Aufschrift »Record« signalisiert die Neuheit.

Damit wird der DVD-Player zum Aufnahmegerät hochgerüstet - und zugleich endgültig das Finale der Videorecorder-Ära eingeläutet. Nicht mehr auf Bandkassetten wie in den vergangenen drei Jahrzehnten, sondern auf glänzenden Silberscheiben von der Größe einer CD sollen die Kunden künftig TV-Mitschnitte und Filmkopien archivieren.

Firmen wie Pioneer oder Matsushita (Panasonic, Technics), aber auch Versender wie Otto oder Quelle haben den DVD-Recorder schon im Sortiment, weitere werden im Herbst folgen. Und obwohl der Konkurrenzkampf noch gar nicht richtig entbrannt ist, sind die Preise drastisch gefallen: Kosteten die ersten DVD-Recorder noch 2000 Euro, so kommen nun bereits Geräte für knapp 900 in die Regale.

Dieses Jahr könnte der Absatz auf 50 000 Stück steigen, 2003 gar auf 150 000 Geräte. Damit, glaubt Philips-Manager Kamp, »fallen die ersten Verkaufszahlen für den DVD-Recorder noch besser aus als seinerzeit die Zahlen für den DVD-Player« - und die waren schon beeindruckend.

Vergangenes Jahr, vier Jahre nach der Premiere der Bilderscheibe, wurden allein in Deutschland knapp 1,6 Millionen DVD-Player verkauft, obwohl sie noch keinen Ersatz für den Videorecorder darstellen, weil ihnen die Aufnahmemöglichkeit fehlt.

Für 2002 rechnen Branchenexperten mit einem Sprung auf rund drei Millionen verkaufter Geräte. Die Filmindustrie will 30 Millionen DVDs verkaufen. Damit würde die neue Trendmaschine erstmals die Absatzzahlen der Videorecorder übersteigen.

Dass sich der herkömmliche Videorecorder überhaupt so lange halten konnte, hat nicht zuletzt mit der traditionellen Uneinigkeit der Elektronikindustrie zu tun. Nur in Ausnahmefällen, wie bei der Einführung der CD vor 20 Jahren, können sich die Giganten der Branche schnell auf einheitliche Standards für eine neue Technik einigen.

Stur beharrt zunächst jeder Konzern auf den in seinen Labors erfundenen Lösungen, bis sich ein System am Markt durchgesetzt hat. Dem Sieger in den Systemkriegen winken viele Jahre hohe Lizenzeinnahmen für die von ihm durchgeboxte Technik.

So auch beim neuen DVD-Recorder: Drei verschiedene Systeme mit zum Teil nur minimalen Unterschieden rangeln um die Gunst der verunsicherten Kunden. Ein Jahr nach dem Verkaufsstart hat das von Philips entwickelte System DVD+RW mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent eindeutig die Nase vorn. Weit abgeschlagen auf Platz zwei liegt das vom japanischen Konzern Matsushita favorisierte System DVD-Ram mit lediglich rund 15 Prozent Marktanteil.

Der Grund für das eindeutige Votum ist klar: Nur die auf DVD+RW-Recordern bespielten Scheiben lassen sich problemlos auf fast allen DVD-Playern abspielen.

Doch der Vorsprung ist nur ein Etappensieg. Denn längst werkeln die Ingenieure an der zweiten Generation der DVD-Recorder, die ab 2004 auf den Markt kommen sollen. Sie arbeiten mit blauem Laserlicht statt dem bisher üblichen roten, und sie haben eine weitaus höhere Speicherkapazität.

Anders als bei der ersten Generation schien die Branche beim zweiten Anlauf auf einen Systemkrieg verzichten zu wollen: Denn Anfang des Jahres stellten sich neun Elektronikgiganten hinter eine von Matsushita, Philips und Sony entwickelte Technik namens »Blu-ray«.

Der Frieden währte nur kurz: Vergangene Woche sorgten die japanischen Konzerne Toshiba und NEC mit einem abweichenden Konzept für Schlagzeilen. Denn anders als das Blu-ray-Konsortium will das Duo seine neuen Recorder schon im nächsten Jahr in Japan einführen - und die sollen dann sogar die heute gängigen DVD-Scheiben abspielen können. Ob es wirklich dazu kommt, wird allerdings von Experten bezweifelt. »Das ist«, höhnt Philips-Manager Kamp, »der Aufstand der Zwerge.« Grund: In der Unterhaltungselektronik sind Toshiba und NEC nur Leichtgewichte. Hinter Blu-ray dagegen stehen alle Giganten der Branche.

Eine ganz neue Ära, wie sie mit der Einführung des DVD-Recorders begann, werden die Blaulichtmaschinen ohnehin nicht einläuten. Auf absehbare Zeit werden Recorder mit beiden Lasertypen nebeneinander existieren - so wie heute VHS und Super-VHS. »Dem roten Laser«, glaubt Philips-Mann Kamp, »gehört der Massenmarkt, der blaue ist die Luxusvariante.«

KLAUS-PETER KERBUSK

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