Auswilderung light - DER SPIEGEL
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TIERE Auswilderung light

Naturschützer haben mit der Hand hochgepäppelte Großtrappenküken auf brandenburgischen Wiesen ausgesetzt. Doch die Vögel sind mit ihrer neuen Freiheit überfordert.
• aus DER SPIEGEL 30/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auswildern - ein Wort voller Naturromantik. Es gaukelt poetische Bilder einer heilen Welt vor, in der Tierschützer - Helden! - ihren Zöglingen die Freiheit schenken: Da entschwindet der junge Orang-Utan nach anfänglichem Zögern immer sichereren Schrittes in den Dschungel und ward nimmer gesehen. Oder Wildvögel erheben sich stolz - endlich frei! - und segeln fort in blaue Lüfte, der gleißenden Sonne entgegen.

In Brandenburg geht Auswildern so: 15 verwirrte Großtrappenküken werden von einem kleinen Gehege mit hohem Zaun in ein großes Gehege mit niedrigerem Zaun verfrachtet. Auswildern light. Und dabei dürfen 16 Kameraleute, Fotografen, Schreiber zugucken - der Steppenvogel als Medienereignis, zelebriert am Dienstag voriger Woche in den Weiten der Belziger Landschaftswiesen südwestlich Berlins.

»Hopp, jetzt kann''s losgehen!«, ruft Matthias Freude, Präsident des Brandenburger Umweltamts. Erwartungsfroh umstellen die vielen Zuschauer fünf Trappen-Transportkisten, in denen es fiept und piepst. Sie schultern Kameras, sinken in die Knie, auf den Boden, richten pelzige Mikros aus. Und gucken, wie fünf Naturschützer synchron das Sackleinen von den Boxen zerren. Irgendwie scheinen alle zu erwarten, dass nun das geballte Leben aus den Kisten stiebt und die Fotografen vor Hektik, Federn, Flügelschlagen kaum einen guten Schuss landen können.

Aber erst einmal passiert - nichts. Dann fährt immerhin eines der Küken sein Köpfchen wie ein Periskop nach oben, um über den Kistenrand auf Landschaft und Zuschauer zu spähen. Am Ende müssen die Trappenbetreuer ihre Schützlinge aus den Kisten hieven und auf die Wiese schubsen - von Freiheitsdrang keine Spur.

Gemeinsam mit einem Dutzend weiterer schon am Montag ausgesetzter Küken sind die sechs Wochen alten Großtrappen aus der Zuchtstation in Buckow im Havelland Teil einer umfangreichen, weltweiten Anstrengung zur Rettung des Steppenvogels. Er gehört zu einer von vier in Deutschland vorkommenden Brutvogelarten, die weltweit bedroht oder stark gefährdet sind. Ihnen widmen sich die Artenschützer natürlich mit besonderer Hingabe.

Mit zu viel Hingabe, finden Spötter. Ihnen gilt die Großtrappe als teuerster Vogel der Republik, seit die Deutsche Bahn AG wegen 22 Vögeln in den neunziger Jahren für zehn Millionen Euro kilometerlange Schutzwälle längs der ICE-Strecke Berlin-Hannover aufhäufeln musste. Ohne diese sanft ansteigende Barriere, so die Befürchtung der Ökologen, wären die wenigen Tiere in den Oberleitungen verendet.

Nun sollen die vergangene Woche ausgesetzten, mit tausend Insekten täglich hochgepäppelten Küken ihren letzten frei lebenden Verwandten Verstärkung leisten: Nur noch 76 dieser Vögel staksen heute durchs Havelländische Luch, die Belziger Landschaftswiesen und den nahen Fiener Bruch an beiden Seiten der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt. Fünf oder sechs weitere Exemplare fristen versprengt etwa in der Uckermark ihre Tage. Es sind die letzten Großtrappen Mitteleuropas.

Noch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatten Naturschützer 4100 der Tiere in Deutschland gezählt. Und noch viel früher, Mitte des 18. Jahrhunderts, fielen Trappen-Trupps sogar in derartiger Menge über Magdeburger Rapsschläge her, »dass ihre Anzahl die Felder gleichsam bedeckte«, wie es in zeitgenössischen Quellen heißt.

Damals baten Bauern bei den Königshäusern »auf das inständigste«, dass die Trappen »weggeschoßen und das Land, welchem bishero durch diese Art Federwildpräth der empfindlichste Schaden an den Feldfrüchten verursacht worden, von sothanen Tieren in etwas gesäubert und derselben Vermehrung behindert werde«.

Die Jagd auf die Tiere aber gestaltete sich schwierig: Großtrappen gebärden sich eher scheu. Jäger näherten sich den Vögeln in mit Heu getarnten Wagen, krochen in Rinder-Attrappen, quasi trojanische Kühe, oder fertigten spezielle Trappenbüchsen aus einem ganzen Bündel von Gewehrläufen an, mit denen sie aus großer Ferne in die Vogelscharen schießen konnten.

Weit wirkungsvoller als die Jäger war später jedoch die intensive Landwirtschaft, die den Vögeln Nahrungsvielfalt und Lebensraum nahm; Mähdrescher und Raubwild gaben ihnen den Rest. 1997 waren von der einstigen Landplage nur noch 55 frei lebende Großtrappen übrig geblieben. Weltweit schätzen Experten den Bestand inzwischen auf 28 000 Vögel.

»Ohne die Auswilderung wäre hier nichts zu machen«, meint Norbert Eschholz, Leiter der Vogelschutzwarte Baitz und zuständig für den Schutz der Tiere auf den Belziger Landschaftswiesen. »Vor fünf Jahren hatten wir gerade mal vier Hähne übrig. Da dachten wir, wir können der Trappe nur noch beim Aussterben zugucken.«

Die einstige Ackergeißel ist auch aus den Köpfen verschwunden. Bei einer Befragung in der Uckermark vermuteten die Leute hinter dem Wort »Großtrappe« etwa »ein großes schwarzes Pferd« oder einen »geheimnisvollen Berg im Harz«.

Seltsam, dass das skurrile Geflügel ("Otis tarda") sich nicht tiefer ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat. Immerhin gelten Großtrappen als die schwersten flugfähigen Vögel der Welt: Männliche Exemplare bringen bis zu 18 Kilogramm, in Ausnahmefällen gar 22 Kilogramm auf die Waage - mehr als mancher Rehbock. Und mit bis zu 1,10 Meter Stockmaß reichen die Tiere an Erstklässler heran. Überraschenderweise zählen die Trappen zu den Kranichen, obwohl sie sich gegen diese eleganten Geschöpfe ausnehmen wie ein Sumo-Ringer gegen eine bulgarische Kunstturnerin.

So viel Masse lässt sich recht schwer manövrieren. So schlagen die Tiere bei Nebelflug schon mal gegen Hindernisse. Vor allem gegen Hochspannungsleitungen und Windkrafträder, von denen - zum Entsetzen der Vogelschützer - die Windkraft Nord AG aus Husum jetzt 20 Stück am Fiener Bruch aufstellen will.

»Aber auch bei guter Sicht haben wir immer wieder Verluste durch Flugunfälle unter den ausgewilderten Jungvögeln«, berichtet Eschholz. »Die knallen sogar gegen Bäume.«

Bei diesen Trappen, meint der Ornithologe, könnte der Grund für solche letalen Irrflüge allerdings darin liegen, dass sie nicht von Mama fliegen lernten.

Von der Henne lernt das Jungtier normalerweise auch den Umgang mit dem Fressfeind. Marderhund und Waschbär lauern den Küken auf, der Seeadler kreist, und allen voran droht der Fuchs sie zu stehlen. Dessen Population hat sich vervielfacht, seit er nach der Wende mit Tollwut-Schluckimpfung im Köder gefüttert worden war.

Die Naturschützer glauben deshalb, dass die Auswilderung nur in kleinen Schritten erfolgen könne: Die Jungvögel seien noch zu unerfahren, um auf Bedrohungen angemessen zu reagieren - einen Dachs würden sie vielleicht neugierig mit ihren ruckenden Köpfchen bestaunen. Um solche Begegnungen mit Raubzeug zu verhindern, kommen sie in ein Gehege mit fuchssicherem Elektrozaun. Zudem hüten zwei Zivildienstleistende abwechselnd die kostbaren Jungvögel - von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung.

Abends sperren die Männer die Jungvögel in ein Häuschen am Gehegerand; zur Not füttern sie auch die Tiere, die immer noch danebenpicken, wenn ein Grashüpfer ihren Weg kreuzt. »Wir können froh und glücklich sein«, sagt Eschholz, »wenn die Hälfte der Küken im nächsten Jahr noch am Leben ist.«

In der Freiheit taucht aber ein weiteres Problem auf. So sind die mit der Hand großgezogenen Tiere auf ihre menschlichen Pfleger geprägt: Sie lernen Umriss und Farbe ihrer Züchter als »Mama« zu interpretieren. Aus diesem Grund sollten die Trappenschützer in der Zuchtstation ursprünglich eine Art Federkleid à la Papageno tragen. Doch die Pfleger weigerten sich. Und man entschied sich für etwas praktischere Kittel in einer Farbkombination, die Spaziergänger eher selten tragen: mintgrün mit weißen Streifen.

So soll sichergestellt werden, dass die Großtrappen in Zukunft nicht jedem Zweibeiner hinterherwackeln. Noch besser wäre es, die Jungtiere würden sich möglichst schnell von Mintgrün-Weiß entwöhnen und in Sandfarbig-Gelbbraun mit dunkler Wellenzeichnung vergucken: Sie brauchen den Kontakt zu den wilden Trappenhennen, die in der Gegend brüten.

Aber noch wirken die Vögel eher so verwirrt wie ausgesetzte Wellensittiche und nicht wie ausgewilderte Steppenkreaturen. »Schhhschhh«, zischt Matthias Freude und versucht, ein Küken mit der Hand von den Journalisten wegzuscheuchen. »Zu denen sollst du nicht gehen! Die haben doch gar keine grünen Kittel an.«

Am Ende zuckeln die Träppchen ihren Besuchern hinterher in den äußersten Gehegewinkel, wo der Zaun ihnen Einhalt gebietet. Ihr Wehklagen klingt wie fern verhallender Möwenschrei.

RAFAELA VON BREDOW

* Aus dem »Jagdbuch Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg"von Wolfgang Birkner (Forschungsbibliothek Gotha).

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