Ballonfahrt zu den Sternen - DER SPIEGEL
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REKORDE Ballonfahrt zu den Sternen

Zwei britische Abenteurer wollen mit einem gigantischen Helium-Ballon auf eine Höhe von 40 Kilometern steigen - so hoch wie nie ein Mensch zuvor.
• aus DER SPIEGEL 31/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeden Tag kann es losgehen. Sobald das Wetter klar ist und windstill, geht ein Schiff vor der britischen Südwestküste in Position. An Bord faucht Helium in einen dünnen, faltigen Schlauch, der sich langsam aufrichtet und dann schier endlos in die Höhe wächst. Und nebenan machen zwei Männer sich fertig für das Abenteuer ihres Lebens.

Wenige Stunden später schweben die Briten Colin Prescot, 51, und Andy Elson, 48, bereits hoch droben in Regionen, die kein Flugzeug mehr erreicht. Der Schlauch wird bis dahin angeschwollen sein zu einer zarten, durchsichtigen Riesenblase: der größte Flugkörper, der sich je in die Lüfte erhoben hat. Mit rund 400 Metern ist der Ballon fast so hoch wie das Empire State Building. In seinem Inneren hätte ein kleines Fußballstadion Platz.

Dieser Gigant soll die beiden Abenteurer bis auf 40 Kilometer hinauftragen - höher, als je ein Ballonpilot gelangt ist. In diesen Sphären ist der Himmel bereits schwarz. Die Luft hat sich nahezu verflüchtigt, und der Druck ist so niedrig, dass jedem Lebewesen binnen Sekunden das Blut kocht. Die Männer können nur in Raumanzügen überleben.

Der bisherige Höhenrekord, aufgestellt vor über 40 Jahren, liegt bei knapp 35 Kilometern. Zwei Amerikaner haben ihn aufgestellt. Der eine ertrank bei der Landung im Golf von Mexiko, weil sein Raumanzug mit Wasser voll gelaufen war.

Die Geschichte der Rekordfahrer ist reich an Opfern. In den Siebzigern traf es drei sowjetische Kosmonauten: Sie stiegen in einer Kapsel bis auf 36 Kilometer. Als sie zurückkamen, waren sie tot. Die Ursache des Unglücks blieb im Dunkeln; der Rekord wurde für nichtig erklärt. Fast hätten auch zwei Berliner Meteorologen ihren Wagemut teuer bezahlt. Die beiden wollten die Existenz der Stratosphäre beweisen, jener höheren Luftschicht, für die es bis dahin nur Indizien gab. Die kühnen Wetterkundler kamen im Juli 1901 auf 10 800 Meter - damals ein Rekord. Aber nur der Luftdruckmesser war ihr Zeuge. Die Männer lagen da schon ohnmächtig in der Gondel. Der eine hatte zuvor noch mit letzter Kraft das Ventil geöffnet, um den Ballon zum Sinken zu bringen. Das rettete den beiden das Leben.

Die neuen Höhenpiloten haben dagegen gute Chancen, wach zu bleiben. Sie tragen Raumanzüge aus russischer Fertigung, beheizt und mit Windeleinlage versehen. Die Männer bleiben die ganze Zeit angeschnallt auf ihrer offenen Plattform sitzen. Von dort aus genießen sie eine malerische Szenerie: Tief drunten krümmt sich der Erdball, der Blick reicht über England und weit nach Frankreich hinein.

Die Menschlein am Boden können das Spektakel im Fernsehen und im Internet verfolgen. Die Ballonpiloten haben acht Kameras dabei, die ihre Bilder hinabfunken - auch zum Ruhme des britischen Technologieriesen Qinetiq, der den Rekordversuch finanziert hat.

Der Ausflug zur Grenze des Weltraums soll zudem wissenschaftlichen Ertrag abwerfen: Die Ballonpiloten messen unterwegs die Höhenstrahlung in Schichten, aus denen noch kaum Daten vorliegen. Selbst die Concorde, die sonst für Messungen genutzt wird, steigt nur auf 18 000 Meter.

Nach längstens zwölf Stunden sind die Abenteurer wieder zurück. Auch für den Notfall ist vorgesorgt. Dann wird die Hülle abgetrennt, und die Plattform plumpst, von Fallschirmen gebremst, in den Atlantik. MANFRED DWORSCHAK

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